US-Wahlkampf

US-Demokraten auf dem Weg in die Zukunft

Der Parteitag der US-Demokraten in Charlotte ist von unschuldiger Euphorie geprägt. Dabei ist das Wahlergebnis keinesfalls sicher.

Foto: REUTERSBM

Wenn die Stimmung eines Parteitags über Sieg und Niederlage entscheidet, ist Barack Obama die zweite Amtszeit sicher. In Charlotte in North Carolina feiern sich die Demokraten mit einer so unschuldigen Begeisterung, als habe ihr Präsident in seiner ersten Legislaturperiode Milch und Honig über Amerika gebracht und brauche nun ein weiteres Mandat, damit die anderen, die mit den Schweizer Bankkonten, das Volk nicht wieder aus dem Paradies vertreiben können. Vorwärts, das ist die Botschaft der National Convention der Demokraten, vorwärts und nicht zurück. Weil sie „unseren Töchtern eine bessere Welt zurücklassen möchte, und allen unseren Söhnen und Töchtern“, so sagt es die First Lady, „müssen wir uns anstrengen wie nie zuvor und müssen erneut zusammenfinden und zusammenstehen für den Mann, dem wir vertrauen können, dass er dieses große Land weiter voranbringt – mein Ehemann, unser Präsident, Präsident Barack Obama“.

Michelle Obama setzt den Schlusspunkt vor 20.000 Zuschauern

Es sind an diesem Abend viele Frauen, die vor einer begeisterten Anhängerschaft aufrufen zur Verteidigung der Präsidentschaft Obamas. Debbie Wasserman-Schultz, die Vorsitzende der Demokraten, hat den Anfang gemacht, als sie mit drei Hammerschlägen den offiziellen Teil dieses Nominierungsparteitags eröffnete. Michelle Obama setzt den Schlusspunkt in der Time Warner Arena, deren 20.000 Plätze fast alle besetzt sind. Barack Obama selbst wird erst am Donnerstagabend zum Abschluss des Parteitages in einem nahen Sportstadion sprechen, wo 70.000 Menschen hineinpassen.

Plötzlich steht Jared Polis auf der Bühne. Der Kongressabgeordnete aus Colorado stellt sich vor als Unternehmer, Jude, schwul. „Erteilt den Spaltern eine Absage“, ruft der 37-jährige Philanthrop. „Homo- oder heterosexuell, Christ oder Jude, Muslim oder Atheist, zusammen sind wir stark, zusammen sind wir Amerika!“

Bunt, vielfältig: „E pluribus unum“, aus der Vielfalt eins werden, dieser stolze Anspruch steht auf dem Siegel und den Geldmünzen der USA. Und so ist auch die Pluralität zugleich Kennzeichen und Stärke der Demokraten. Ganz deutlich gezeigt hat sich das bei Obamas Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten: Er, der Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines afrikanischen Vaters aus Kenia, schien 2008 die Tür aufgestoßen zu haben zur postrassischen Epoche der USA. Auch von den männlichen weißen Wählern bekam der intellektuelle Charismatiker immerhin 43 Prozent. Und die Schwarzen stimmten zu 95 Prozent für Obama. Aber auch jeder zweite Hispanic wählte ihn. Und trotzdem gibt es wohl Forderungen des Präsidenten, die zwar jener Pluralität Rechnung tragen, aber die nicht jeder Demokrat unterstützt. Etwa die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen, und vielleicht brandet darum der Beifall bei diesem Statement von Polis nicht gar so heftig auf. Aber geklatscht wird durchaus, die Demokraten stehen zusammen wie eine große Familie, in der man über Schwächen, Meinungsverschiedenheiten oder irritierende Auffassungen großzügig hinwegschaut.

„Vier Jahre mehr, vier Jahre mehr” skandieren die Delegierten

Denn es geht um eine historische Auseinandersetzung, um den geschlossenen Widerstand gegen das drohende „Übel“. Da werden kleine Kinder auf die Bühne geführt, die durch Transplantationen von schweren Krankheiten gerettet wurden, und die erkennbar betroffene und mit Tränen kämpfende Mutter erklärt dazu, wenn die Republikaner an die Macht kämen, würde Obamas Gesundheitsreform gekippt, und andere Kinder mit ähnlichem Schicksal müssten sterben. Und wie auf Kommando beginnt das Baby auf dem Arm des Vaters in diesem Moment laut zu weinen. „Vier Jahre mehr, vier Jahre mehr“, skandiert es vieltausendfach aus den Delegiertenreihen, und dieser Ruf wiederholt sich an diesem Abend häufig.

Von der hohen Arbeitslosigkeit ist allenfalls in Andeutungen die Rede, das Haushaltsdefizit findet nur gelegentlich mahnende Worte, unter anderen von Julian Castro, dem aufstrebenden Stern der Demokraten und Keynote-Redner des Abends. Und mit der Rekordverschuldung der USA scheinen die meisten Demokraten ihren Frieden gemacht zu haben. Denn die anderen, die Republikaner, wollen ja nicht nur die Gesundheitsreform wieder abschaffen. Sie sind auch gegen das Abtreibungsrecht (obwohl ein eingespielter Videofilm süffisant belegt, dass der republikanische Spitzenkandidat Mitt Romney einst durchaus dafür war). Sie sind, so darf aus weiteren Auftritten geschlussfolgert werden, gegen identische Gehälter für Mann und Frau, sie sind für die Reichen und darum gegen die Mittelklasse. Deren Steuern wolle Romney erhöhen, ruft eine Rednerin ohne jeden Beleg, und der Parteitag buht.

„Leiht euch Geld, wenn es sein muss, von euren Eltern”

Romney ist der Buhmann, weil er Geld auf den Kayman-Inseln angelegt habe und auf Schweizer Konten. Julian Castro, der erst 37-jährige Bürgermeister des texanischen San Antonio, packt noch weitere Häme dazu in seiner eloquenten Keynote, gewissermaßen der inhaltlichen Eröffnungsrede des Parteitages. Da habe Multimillionär Romney doch neulich Studenten unternehmerische Tipps gegeben. Sie sollten eine Firma starten. Aber wie? „Leiht euch Geld, wenn es sein muss, von euren Eltern“, habe Romney gesagt. „Mensch, warum ist mir das nicht eingefallen?“, ironisiert Castro, der Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen, dessen Großmutter als Waisenmädchen aus Mexiko einwanderte. „Einige Leute haben das Glück, sich Geld von den Eltern leihen zu können, aber das sollte nicht entscheiden, ob man seine Träume verwirklichen kann“, sagt Castro, der erste hispanische Keynote-Redner einer der beiden großen amerikanischen Parteien, und er verstärkt damit die ständige Narratio der Demokraten: Romney, der Sohn reicher Eltern, sei abgehoben, außerhalb jeder Alltagserfahrungen, er wisse nicht, wie es ist, wenn man um sein tägliches Vorankommen hart kämpfen müsse.

Jimmy Carter, Präsident Ende der 70er-Jahre, der den Friedensnobelpreis bekam für seine Bemühungen um israelisch-palästinensische Friedensgespräche, wird mit einer Videobotschaft eingespielt. Der 87-Jährige, der den Republikanern als Musterbeispiel für schwache Führung gilt, lobt Obamas „historische Gesundheitsreform, einen Traum, dessen Realisierung seit Jahrzehnten überfällig war“. Ja, räumt Carter, fast schon gegen den Trend dieses euphorischen Abends ein, „natürlich bleibt viel zu tun“. Aber die Wiederwahl Obamas schaffe die Voraussetzungen, um ein „faireres, stärkeres, wohlhabenderes Amerika zu schaffen“ und um „unser geliebtes Land in eine bessere Zukunft zu führen“.

Obama ist den Menschen sympathischt

Michelle Obamas Rede war der abschließende Höhepunkt. Sie traf die Stimmung, aber sie zeichnete mutmaßlich nicht ein ganz exaktes Bild vom Leben eines Präsidenten, als sie glauben machen wollte, der Gatte sitze häufig spät abends über Briefe aus dem Volk gebeugt, grübelnd, wie dem Vater zu helfen sei, der seine Rechnungen nicht bezahlen könne, oder der kranken Frau, deren Versicherung die Krebsbehandlungen nicht bezahlen will. Die First Lady begeistert die US-Demokraten für ihren Mann mit einer emotionalen Rede: „Barack kennt den Amerikanischen Traum, weil er ihn gelebt hat“. Und: „Präsident zu sein ändert nichts daran, wer du bist, sondern zeigt, wer du bist“, sagt Michelle Obama euphorisch. „Er weiß, was es bedeutet, wenn eine Familie sich müht. Erfolg zählt nur, wenn er fair und anständig verdient wurde.“ Und Obama ist den Menschen sympathisch, auch denen, die seine Politik ablehnen. Das ist der große Trumpf der Demokraten. Außerhalb dieses Parteitages wird die Realität nüchterner gesehen, da sind die Lager derzeit etwa gleich groß, die Obama eine weitere Chance geben oder diesmal auf Romney setzen wollen. „Letztlich ist der Amerikanische Traum kein 100-Meter-Lauf und auch kein Marathon, sondern ein Staffellauf“, hat Julian Castro in seiner Rede gesagt, die eine große Zukunft für ihn erahnen lässt. Wie weit Obama den Staffelstab tragen darf, wird am 6. November entschieden.