Interview

Corona: Umweltbundesamt gibt grünes Licht für Heizpilze

Heizpilze sind Energiefresser, sagt UBA-Präsident Dirk Messner. Doch in der Pandemie sei der Einsatz in der Gastronomie ‚vertretbar‘.

Neue Beschränkungen im Corona-Hotspot München

Die zum Corona-Hotspot gewordene bayerische Landeshauptstadt München schränkt das öffentliche Leben wieder ein. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kündigt strengere Regelungen für Zusammenkünfte, in der Gastronomie und für private Feiern an.

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Berlin. Die wichtigste Umweltbehörde Deutschlands hat ihren Hauptsitz in Dessau. Die meiste Zeit verbringt der neue Präsident Dirk Messner (58) aber in Berlin, wo das Umweltbundesamt ein schmuckloses Übergangsquartier am Flughafen Tegel bezogen hat. Im Interview zeigt der parteilose Messner Verständnis für die gebeutelte Gastronomie – und hat einen Rat, wie die Schulen durch den Corona-Winter kommen.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf das Klima aus, Herr Messner?

Dirk Messner: Erst einmal sind die CO2-Emissionen gesunken – im April um 17 Prozent global. In Deutschland waren es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar 26 Prozent, wie erste Studien zeigen. Dieser Einschnitt während des Lockdowns ist aber nur ein Einmaleffekt. Der Energieverbrauch nimmt wieder zu, sobald wir die Wirtschaft hochfahren. Daher hilft uns die Corona-Krise nicht strukturell im Kampf gegen den Klimawandel. Klimaschutz gelingt nur, wenn wir die Wirtschaft umbauen und Wohlstand von den Treibhausgasemissionen entkoppeln. Ich habe noch eine andere Sorge …

… die wäre?

Messner: Das Thema Klima und Nachhaltigkeit darf nach der Pandemie nicht von der Agenda verschwinden – so wie das in der Finanzmarktkrise 2008/09 geschehen ist. Das Umweltbundesamt hat eine Studie gemacht, die wir nächste Woche veröffentlichen werden. Wir haben uns Programme zur Wiederbelebung der Wirtschaft auf der ganzen Welt angeschaut. Und das Ergebnis, das sich aus 120 Berichten nationaler und internationaler Institutionen ableiten lässt, ist ermutigend: Der Klimaschutz steht fast überall im Zentrum der Wiederaufbauprogramme. Das Leitbild nachhaltiger Modernisierung wird mittlerweile akzeptiert.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat eine Verschärfung der europäischen Klimaziele angekündigt – bis 2030 soll der CO-Ausstoß statt um 40 Prozent um mindestens 55 Prozent verringert werden. Wie ist das zu schaffen?

Messner: Wir haben eine unglaubliche Chance. In Europa investieren wir zusätzlich 750 Milliarden Euro in die Wirtschaft. Wenn wir das in Zukunftsinvestitionen stecken, können wir in der Krise den Übergang zur Klimaverträglichkeit beschleunigen: erneuerbare Energien voranbringen, Ladeinfrastrukturen für Elektromobilität ausbauen, Gebäude sanieren, Wasserstoffwirtschaft aufbauen. Corona kann zum Sprungbrett werden für mehr Klimaschutz und Beschäftigung. Aber wenn wir das Geld in die Vergangenheit investieren – etwa in Abwrackprämien für Autos mit Verbrennungsmotoren –, konservieren wir die alten Strukturen. Das wäre sehr schlecht.

Die Pandemie hat die deutsche Schlüsselindustrie – die Automobilwirtschaft – in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht. Wie sollen die Hersteller schärfere Klimavorgaben verkraften?

Messner: Der Autoindustrie ist inzwischen klar, dass sie aus den fossilen Energien rausmuss. VW-Chef Herbert Diess hat sich kürzlich für einen Preis von 60 Euro pro Tonne CO2 ausgesprochen – weil das die Elektromobilität nach vorne bringt. Die Zukunft der Mobilität wird elektrifiziert sein.

Die Bundesregierung steigt mit 25 Euro pro Tonne in die CO-Bepreisung ein.

Messner: Da ist noch Luft nach oben. In Schweden sind es 100 Euro – und siehe da: Die Wirtschaft steht noch. Wir können Klimaschutz und Wohlstand auch in Deutschland zusammenbringen.

Die Gastronomie sieht den kommenden Winter mit großer Sorge. In einigen Städten wird überlegt, elektrische Heizstrahler auf Terrassen für eine Übergangszeit zu erlauben. Geben Sie dazu Ihren Segen?

Messner: Wir sind insgesamt natürlich kritisch, wenn es um diese Heizpilze geht. Das sind Energieschlucker. Ein handelsüblicher Heizpilz verursacht in acht Stunden Betrieb dieselbe Menge CO2 wie ein Benzinauto auf einer Strecke von 145 Kilometern. Daher sollten wir uns grundsätzlich aus dieser Technologie verabschieden. Ich habe aber Verständnis dafür, wenn man in der Pandemie eine Ausnahme macht. Wir müssen abwägen: Gehen wir in die Lokale und vergrößern das Risiko einer Ansteckung? Oder bleiben wir länger draußen, als wir das normalerweise könnten, und nehmen die elektrischen Heizstrahler? Ich würde sagen: Für eine Übergangszeit – etwa bis es einen Corona-Impfstoff für die breite Bevölkerung gibt – ist der Einsatz von Heizpilzen vertretbar. Sorge macht uns aber, wenn Gastronomen jetzt massenweise Heizstrahler kaufen, die noch zehn Jahre genutzt werden – obwohl die Pandemie längst vorbei ist.

Würden Sie sich eher unter einen Heizpilz setzen oder in den Innenraum eines Restaurants?

Messner: Ich würde reingehen, wenn es nicht zu voll ist. Unter einen Heizpilz setze ich mich nicht.

Es wird mehr zu Hause gekocht und gegessen. Führt das insgesamt zu mehr Müll?

Messner: Wir haben noch keine abschließenden Daten, aber wir beobachten Verschiebungen: In den Restaurants geht die Abfallmenge zurück, während sie in den Privathaushalten steigt. Weil in Restaurants mehr Großverpackungen genutzt werden, könnte die gesamte Müllmenge ansteigen. Schon seit einigen Jahren zeigt sich außerdem eine unerfreuliche Entwicklung: der Trend zu Einwegverpackungen.

Schwarzenegger: Corona-Krise ist Chance fürs Klima
Schwarzenegger- Corona-Krise ist Chance fürs Klima

Können Sie das belegen?

Messner: Ein Beispiel: Die Mehrwegquote bei abgefüllten Getränken ist 2018 auf 41,2 Prozent gefallen – und liegt damit noch einmal einen Prozentpunkt unter dem Wert von 2017. Das zeigt sich auch bei Bier – trotz Pfandpflicht. Weil Bierdosen wieder mehr Absatz finden, ist der Anteil von Mehrwegflaschen um knapp 1,5 Prozentpunkte auf 79,5 Prozent gesunken. Bei Wasser ist der Mehrweganteil zwar um 0,7 Prozentpunkte auf 38,8 Prozent gestiegen, liegt aber weit unter dem gesetzlich angestrebten Ziel von 70 Prozent. Ich fürchte, der Trend zu Einwegverpackungen wird sich in der Pandemie und darüber hinaus verstärken – gerade auch wegen der Lieferdienste. Da müssen wir uns was überlegen.

Was schwebt Ihnen vor?

Messner: Wir schauen uns gerade an, welche Maßnahmen den Mehrweganteil bei Getränken erhöhen. Das könnten verbindliche Vertriebsquoten, ein Bonus-Malus-System für Unternehmen oder auch eine Verpackungssteuer sein. Alle Akteure sind jetzt gefordert: Die Produzenten müssen stärker von Einweg auf Mehrweg gehen, der Handel sollte Mehrwegprodukte attraktiver im Regal platzieren, und auch die Kunden sind in der Verantwortung, zu mehr Mehrweg zu greifen.

Ihre Behörde untersucht auch die Luftqualität von Innenräumen. Was können Schulen tun, um in der Pandemie unbedenklich zu unterrichten?

Messner: In erster Linie aktiv lüften, und zwar durchgehend bei weit geöffneten Fenstern in jeder Unterrichtspause und – um auf der sicheren Seite zu sein – auch alle 20 Minuten kurz während des Unterrichtes. Am besten mit Durchzug, das geht am schnellsten. Lüften ist wirksam, aber natürlich keine Garantie für absolute Virenfreiheit. Ein Restrisiko bleibt. Alle anderen Maßnahmen wie Abstand und Händewaschen bleiben wichtig.

Und im Winter?

Messner: Auch im Winter muss regelmäßig gelüftet werden. Wenn man innen warme und draußen kalte Luft hat und dann für fünf bis zehn Minuten alle Fenster weit öffnet, bekommt man einen beachtlich raschen Luftaustausch.

Die Regierung stellt Geld für die Umrüstung bestehender Lüftungsanlagen bereit – aber nicht für neue Anlagen. Der richtige Ansatz?

Messner: Bis die Anlagen in den Schulen installiert sind, ist die Pandemie hoffentlich vorbei. Erst einmal genügt es, unsere ganz einfachen Lüftungsregeln zu befolgen. Räume, in denen die Fenster nicht geöffnet werden können, sollten eigentlich nicht genutzt werden. Wenn es nicht anders geht, können im Einzelfall und bitte nur flankierend mobile Luftaustauschgeräte helfen.

Die Klimaaktivisten von Fridays for Future haben jetzt den ersten globalen Schulstreik seit Beginn der Pandemie geprobt. Wird die Bewegung die Corona-Krise überstehen?

Messner: Ich glaube schon. Das ist eine neue Generation, die uns zurecht die Frage stellt, wie wir den Klimawandel in den Griff bekommen wollen. Diese Bewegung scheint mir sehr stabil zu sein. Die jungen Leute reden Klartext und verweisen auf etwas, das wir Nachhaltigkeitsforscher auch betonen: Die Generation der jetzigen Entscheider ist die letzte, die dazu beitragen kann, gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Tut was! Die 2020er-Jahre sind die Dekade der Weichenstellung zur Nachhaltigkeit – oder ein Jahrzehnt verpasster Gelegenheiten.

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