Coronavirus

Scheitert die Tracking-App für den Kampf gegen die Pandemie?

Die Politik kündigte eine App für den Kampf gegen Corona an. Doch die Technik ist komplex – und ein Streit über Datenschutz entbrannt.

RKI: Corona-Maßnahmen bis Impfstoff beibehalten

Die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Krise sollten nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts so lange aufrecht erhalten bleiben, bis es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. RKI-Vizepräsident Lars Schaade verwies in Berlin auf das Risiko eines Rückfalls in der Pandemie bei einer Lockerung der Maßnahmen.

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Berlin. Es ist eine der großen Hoffnungen im Kampf gegen die Corona-Pandemie: die Warn-App für das Handy. Die Idee: Nähert sich ein Mensch mit seinem Mobiltelefon einer infizierten Person, soll ein Programm auf dem Handy diesen Kontakt speichern – und melden.

Das Ziel: Ein Mensch weiß schnell, ob und wie lange sie oder er möglicherweise in Berührung mit dem Virus gekommen ist. Laut Forschern stecken viele Corona-Infizierte andere schon mehrere Tage lang an, bevor sie selbst überhaupt Symptome der Krankheit zeigen.

Eigentlich sollte die App schon in diesem Monat bereitstehen. Doch die Herstellung stockt, Wissenschaftler treten aus dem Projekt aus, debattieren über den Datenschutz. Auch technisch ist fraglich, ob ältere Geräte die Warn-App nutzen können. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) musste nun einlenken: „Aus heutiger Sicht sind es eher vier Wochen als zwei Wochen, bis wir tatsächlich dann eine App haben, die auch alle Anforderungen voll erfüllt“, sagte er vergangene Woche. Es kann, so viel ist auch Experten in der Bundesregierung klar, noch mindestens bis Ende Mai dauern.

Wie soll die Warn-App genau funktionieren?

Die Anti-Corona-App baut auf dem Konzept des europäischen Konsortiums Pepp-PT auf, ein Team aus Entwicklern und Forschern aus mehreren EU-Staaten. Auf seine Technik setzt auch die Bundesregierung. Zentral ist die Bluetooth-Funktechnik, die jedes moderne Handy als Funktion hat. Per Digitalfunk erkennt das eigene Handy ein anderes in der Nähe. Per Bluetooth sendet das Handy nicht den Standort – sondern nur die Information über den Kontakt, egal an welchem Ort.

Die App speichert den Kontakt mittels einer anonymen Identifikationsnummer des Nutzers. Weder Telefonnummer noch den Namen des Handybesitzers gibt die Handy-App an andere Handys weiter.

Zentral ist, dass die Forscher und die Politiker mit der App zum einen Infektionen zurückverfolgen können. Zum anderen können potenziell Infizierte so gewarnt werden, wenn sie in die Nähe eines Corona-Erkrankten gekommen sind. Sie können früher in Quarantäne, Infektionsketten des Virus werden unterbrochen.

Wo werden die Daten gespeichert?

Zwei Wege sind möglich – zentral oder dezentral. Nutzt die App einen zentralen Speicher, dann würden die Warnung an den potenziell Infizierten bei einem Kontakt zu einem Erkrankten von diesem zentralen Datenserver auf das Handy verschickt.

Die Informationen können beispielsweise bei einem privaten Rechenzentrum gespeichert sein, dass die Daten im Auftrag des Anbieters der App verwaltet. In Deutschland soll das staatliche Robert-Koch-Institut Betreiber der App sein – und damit das Bundesgesundheitsministerium.

Die andere Option: Ist ein Nutzer Corona-positiv, oder wird er in den Tagen danach positiv auf das Virus getestet, sendet das Handy diese Warnung an alle gespeicherten Identifikationsnummern. Das sind die Kontakte, denen der Infizierte mit seinem Handy begegnet war – und bei denen der Bluetooth-Funk ein Signal empfangen hat.

Auch hier müssen die Daten der anderen Handys gespeichert werden, in einem oder mehreren Datenserver oder einer sogenannten Blockchain-Technik, die auf den Speicherkapazitäten etlicher Nutzerinnen und Nutzer beruht.

Die Daten müssen jedoch nicht auf einem im Betrieb der Regierung oder eines Unternehmens gesteuerten Servers liegen. Und sie können anonym bleiben, da einer kryptierten Handy-Nummer automatisiert eine Warnung verschickt. An diesem dezentralen Weg arbeitet ein Konkurrenz-Projekt an Forschern unter dem Namen DP-3T.

Welcher Speicherweg ist besser?

Über die Frage der Datenspeicherung ist nun ein Streit entbrannt, der das Vertrauen in das Projekt gefährden könnte. In einem öffentlichen Schreiben distanzieren sich 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von dem Forscher-Konsortium Pepp-PT.

Die Kritik: Die Hersteller würden zu sehr auf die App mit zentraler Speicherung setzen - und „eine Form der Überwachung durch die Regierung oder den privaten Sektor“ ermöglichen, die das Vertrauen in eine App und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft „katastrophal beeinträchtigen“ würde.

Die Forscher wenden sich dagegen, dass die Daten der Handys auf einem Server gespeichert und verwaltet werden. Die Sorge: Die Behörden oder Unternehmen könnten Bewegungsprofile von Menschen anlegen, nachverfolgen, mit wem sie in Kontakt standen.

Auch der dezentrale Speicherweg birgt das Risiko, dass Hacker oder staatliche Geheimdienste Net-Knotenpunkte überwachen und die Daten der App abfangen, schildern Sicherheitsexperten. Allerdings wären diese Daten immer anonym.

Die Hersteller der App heben dagegen hervor, dass auch die zentrale Speicherung auf einem Server die Anonymität der Daten garantiere. Zwar müssen zu den wechselnden Identifikationsnummern auch die tatsächlichen Stammdaten eines registrierten App-Nutzers vorliegen, doch würden diese nicht weitergegeben.

Zudem ließe sich mit Hilfe der gespeicherten Informationen die Pandemie besser bekämpfen, da Infektionsherde zentral erfasst und Maßnahmen der Regierungen gezielt eingesetzt werden könnten. So ist nach Ansicht der Befürworter dieses Weges auch Südkorea vorgegangen. Mit Hilfe der zentral gesteuerten Daten der App konnten Städte und Gemeinde identifiziert werden, in denen die Ansteckungen hochschnellten.

Was sagt der Datenschützer?

Einige Datenschützer befürworten die dezentrale Lösung der Datenspeicherung, schließen aber auch andere Wege nicht aus. Allerdings fordern die Hüter über die Daten mehr Transparenz bei der Herstellung der Corona-Warn-App. „Bis jetzt hat meine Behörde keine fertige App oder zumindest ein vollständiges Konzept erhalten“, sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber (SPD) unserer Redaktion. „Es muss beispielsweise klar sein, wer für die App verantwortlich ist. Und es muss genau so klar sein, welcher Zweck mit der App verfolgt wird.“

Zudem hob er hervor, dass die App nicht verpflichtend eingeführt werden dürfe. „Für mich kann in einem demokratischen Rechtsstaat jede mögliche Lösung nur auf Freiwilligkeit beruhen. Deshalb sollten Verantwortliche und Entwickler jetzt durch Transparenz für das nötige Vertrauen sorgen.“

Allerdings gilt auch: Setzt sich der dezentrale Weg durch, kann keine Behörde überprüfen, ob der Handynutzer die Warnung seiner App Folge leistet – oder sie ignoriert.

Welche Rolle spielen Google und Apple?

Manche sehen eine andere Gefahr – die Betreiber der Handysysteme könnten Zugriff auf die Informationen bekommen. Fast alle Betriebssysteme für Smartphones in Deutschland kommen von den IT-Konzernen Google und Apple. Auch die amerikanischen Unternehmen wollen bei der Umsetzung der Software helfen und haben dabei zugesichert, die Daten der Corona-App nicht zu verwerten.

Doch einzelne europäische IT-Firmen trauen diesen Angaben nicht. Eine Initiative von jungen Technologie-Startups unterstützt daher die zentrale Speicherung auf einem Server in Deutschland und den anderen teilnehmenden europäischen Staaten.

Wann kommt die Warn-App?

Das bleibt bisher unklar. Minister Spahn nannte den Mai. Derzeit sitzen die Entwickler noch an der Programmierung der App. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik prüft zudem seit einigen Wochen immer wieder erste Teile des Programmierer-Codes der geplanten Software auf Sicherheitslücken.

Die Bundesregierung muss zudem entscheiden, wer die Daten speichern soll und auf welchen Servern. Das ist nicht nur in Deutschland relevant, sondern in ganz Europa.

Setzt sich die Speicherung der Daten auf einem zentralen Server durch, muss der Bund höchste Sicherheitsstandards durchsetzen. Das bedeutet auch, dass Fachleute vom BSI etwa das Rechenzentrum begutachten müssten.

Am Ende kommt die App erst, wenn die politische Entscheidung gefallen ist: Wie viel Zugang soll der Staat zu den Daten der Corona-Warn-App bekommen?

Im Idealfall tauschen Handynutzer über die Grenzen hinaus ihre Corona-Warnungen aus, etwa nach Urlaubsreisen oder Dienstreisen ins Ausland. Doch nicht nur politisch, auch technisch sind Fragen offen: Offenbar unterstützen viele ältere Smartphones nicht die von den Entwicklern genutzte „Bluetooth Low Energy“-Technik.

Weltweit sind das laut Experten rund zwei Milliarden Geräte. Und: Nicht jeder nutzt überhaupt ein Smartphone oder Handy. Das, so die Sorge der Kritiker der App, gelte vor allem für ältere Menschen – dabei sind genau sie von dem Virus besonders gefährdet.

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