Coronavirus

Studie zum Corona-Schutz: Deutsche zeigen wenig Disziplin

Umfrage in G7-Ländern: Bundesbürger nehmen es bei vielem nicht so genau wie Italiener oder Franzosen. Auch ihr Wissen ist begrenzt.

So trage ich den Mundschutz richtig

Masken sind wegen des Coronavirus überall. Aber wie trage ich die Gesichtsmaske? Wir zeigen im Video, wie Atemschutz geht und wie nicht.

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Berlin.  Deutschland ist nicht gerade für seinen Laisser-faire-Stil bekannt. In der weltweiten Wahrnehmung stehen die Bundesbürger eher für Disziplin und Ordnungssinn. Während der Corona-Krise ist es genau umgekehrt. Die Deutschen nehmen es bei Maßnahmen zur Eindämmung des Virus – Händewaschen oder Einhaltung des Sicherheitsabstands – nicht so genau wie etwa Italiener oder Franzosen. Lediglich die Japaner erzielen noch schlechtere Werte.

Dies ergab eine repräsentative Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar, die unserer Redaktion vorab vorliegt. Ebenfalls interessant: Die meisten Bundesbürger rechnen nicht mit einer schnellen Normalisierung des Lebens. Die Erhebung erfolgte zwischen dem 9. und 13. April in den G7-Ländern Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, USA, Kanada und Japan.

Wie setzen die Deutschen die staatlichen Anti-Corona-Maßnahmen um?

73 Prozent der Deutschen waschen sich als Antwort auf die Corona-Krise öfter oder länger die Hände. Nur die Japaner (66 Prozent) greifen noch seltener zu Wasser und Seife. An erster Stelle stehen die Kanadier (91 Prozent). Dahinter folgen Italiener (86 Prozent), Franzosen (85 Prozent), Briten (83 Prozent) und Amerikaner (82 Prozent).

Bemerkenswert dabei: Im Vergleich zu einer Kantar-Umfrage im März sind die Bundesbürger sogar noch ein bisschen nachlässiger geworden. Damals bekannten sich noch 75 Prozent zum längeren und öfteren Händewaschen. Auch bei der Benutzung von Desinfektionsmitteln für die Hände sind die Deutschen (44 Prozent) im internationalen Vergleich träge.

Ähnliches Bild beim Social Distancing – also bei der Einhaltung des Sicherheitsabstandes. 71 Prozent der Deutschen halten sich daran. Das ist der zweitletzte Platz vor den Japanern (46 Prozent). An der Spitze steht erneut Kanada (92 Prozent) vor Italien und Großbritannien (jeweils 85 Prozent).

Kanada oben, Japan und Deutschland unten: Das lässt sich auch bei der Vermeidung nicht wesentlicher sozialer Kontakte oder beim Nein zu Besuchen in Restaurants und Cafés (auch beim Take-away von Lebensmitteln) ablesen.

Immerhin 27 Prozent der Bundesbürger tragen mittlerweile eine Atemschutzmaske – im März waren es nur 11 Prozent. Spitzenreiter sind hier die Italiener (81 Prozent). Am schlechtesten schneiden die Briten (20 Prozent) ab.

„Die Deutschen befolgen die staatlichen Maßnahmen nicht ganz so streng, weil der psychologische Druck nicht so hoch ist wie in Italien oder Frankreich. Dort gibt es wesentlich mehr Todesfälle wegen Covid-19“, sagte Torsten Schneider-Haase, Politikforscher beim Kantar-Institut, unserer Redaktion. „Zudem ist das medizinische System hierzulande belastbarer – etwa, was die Zahl der Betten in den Intensivstationen angeht.“

Nach Angaben der renommierten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (USA) wurden am Donnerstagnachmittag in Italien 165.155 Infektionen mit dem Coronavirus registriert. In Deutschland waren es 134.753, in Frankreich 134.598 Ansteckungen. Die Zahl der Toten lag in Italien bei 21.645, in Frankreich bei 17.167 und in Deutschland bei 3804.

Was halten die Deutschen von den Anti-Corona-Maßnahmen?

Die Frage, wie die Bundesbürger die staatlichen Empfehlungen und Verbote zur Eindämmung des Coronavirus einschätzen, spiegelt den internationalen Vergleich in ihrem Verhalten wider. 88 Prozent befürworten die Kontaktsperren des Social Distancing. Noch mehr Zuspruch haben diese Maßnahmen jedoch bei Kanadiern, Italienern und Franzosen.

Die Japaner (81 Prozent) sind – wieder einmal – am skeptischsten. Die Bevölkerung dort hegt tiefes Misstrauen gegen die Regierung. Ministerpräsident Shinzo Abe hatte die Corona-Gefahr zu Beginn kleingeredet. Er wollte mit allen Mitteln die Olympischen Sommerspiele in Tokio retten. Erst als ein internationaler Sportverband nach dem anderen abgesagt hatte, drehte Abe bei und machte sich für die Verschiebung der Spiele auf Sommer 2021 stark.

Laut Zählung der Johns-Hopkins-Universität von Donnerstagnachmittag verzeichnete Japan 8626 Corona-Infektionen und 178 Todesopfer. Tendenz stark steigend. Im Gegensatz etwa zu Südkorea verfügt Japan nur über eine sehr lückenhafte Test-Infrastruktur. Die Dunkelziffer in dem Land dürfte sehr viel höher sein.

Beim Handy-Tracking, das Daten über die Ausbreitung des Coronavirus liefern soll, sind die Bundesbürger kritisch. Lediglich 54 Prozent wären dafür. Nur in den USA gibt es mit 50 Prozent noch weniger Zustimmung. An der Spitze liegt Italien (75 Prozent) vor Frankreich (61 Prozent).

Insgesamt lässt sich bei den staatlichen Maßnahmen zusammenfassen: Die Deutschen stimmen ihnen grundsätzlich mit großer Mehrheit zu. Aber in der Umsetzung sind sie weniger konsequent. 13 Prozent der Bundesbürger sagen sogar, die Kontaktsperren gehen zu weit.

Was wissen die Deutschen über die Corona-Krise?

Nur 49 Prozent der Bundesbürger sagen von sich, ein gutes Verständnis von den Anti-Corona-Maßnahmen zu haben. Die größten Wissenslücken haben hier die Japaner (28 Prozent). Am besten kennen sich die Italiener (77 Prozent) und die Franzosen (70 Prozent) aus.

Nimmt man gute und ziemlich gute Kenntnisse zusammen, kommen die Deutschen auf 87 Prozent – alle anderen Länder weisen aber höhere Werte auf. Erstaunlich: In der März-Umfrage fühlten sich die Bundesbürger mit insgesamt 90 Prozent noch etwas besser informiert.

Wie viele Sorgen machen sich die Deutschen um die Gesundheit?

Mit Blick auf ihre eigene Gesundheit haben die Deutschen am wenigsten Sorgen. 62 Prozent bereitet die Corona-Krise in dieser Hinsicht Kummer. Japan (86 Prozent), Italien (83 Prozent) und Kanada (80 Prozent) stehen an der Spitze der Angst-Skala.

Ähnlich sieht es bei der Gefahr für die Gesundheit der eigenen Landsleute aus. 76 Prozent der Bundesbürger befürchten hier ein Risiko. Doch in allen anderen Ländern ist die Sorge größer. Ganz vorne rangiert Italien (92 Prozent) vor Kanada (91 Prozent).

Wann rechnen die Deutschen mit einer Normalisierung des Lebens?

Die Bundesbürger gehen nicht von einer schnellen Normalisierung aus. Interessante Korrelation: Italien und Frankreich haben deutlich härtere Ausgangssperren – Picknick im Stadtpark ist verboten. Dennoch hoffen beide Länder bereits für Juli oder August auf eine Rückkehr zur Normalität des Lebens. 28 Prozent der Franzosen und 24 Prozent der Italiener, aber nur 22 Prozent der Deutschen glauben daran.

41 Prozent der Bundesbürger sind hingegen überzeugt, dass eine Erholung erst bis Ende 2020 oder gar 2021 möglich ist – so viele wie in keinem anderen Land. Danach kommen die Japaner mit 40 Prozent.

Franzosen und Amerikaner sind deutlich optimistischer: Nur jeweils 25 Prozent rechnen mit einer derart langen Zeit. „Die Menschen in Deutschland sind erstaunlich realistisch. Die Mehrheit geht davon aus, dass es keine schnelle Normalisierung des täglichen Lebens geben wird“, resümiert der Politikforscher Torsten Schneider-Haase.

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