Attentat

Tobias R.: Die Wahn-Welt des Terroristen von Hanau

Tobias R. war wohl Einzeltäter – jedoch vernetzt mit anderen rechtsextremen Verschwörungstheoretikern. Experten erkennen ein Muster.

Täter von Hanau war 43-jähriger Deutscher

Bei dem mutmaßlichen Täter von Hanau handelt es sich um einen 43-jährigen Deutschen. Ermittler fanden den Mann und seine 72-jährige Mutter in seiner Wohnung in Hanau tot auf.

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Berlin. Es ist schwer, die kruden Gedanken von Tobias R. nachzuvollziehen und ernst zu nehmen. In seinem Pam­phlet, das er vor den Morden in Hanau veröffentlichte, berichtet er von einem „Geheimdienst“, der Gedanken „lesen“ könne. Sich dort „einklinken“ könne und einen Menschen „fernsteuern“. Terrorexperten analysierten seine Schriften und Videos und sehen „wahnhafte“ Züge beim mutmaßlichen Täter.

In einer „Gefährdungsbewertung“ der Polizei, die unserer Redaktion vorliegt, kommt auch der Zentrale Polizeipsychologische Dienst zu der Einschätzung, dass „deutliche Hinweise auf eine psychische Erkrankung mit paranoiden und psychotischen Anteilen“ vorliegen.

Tobias R. schlug zu. Er soll neun Menschen getötet haben sowie seine Mutter und sich selbst. Tobias R. lebte in einer Wahnwelt – doch um die Ursachen für seinen rechten Terror zu verstehen, muss man genau diese Welt ernst nehmen. Sie war geprägt von Frauenhass und vor allem Rassismus. Aber sie war auch voll von Verschwörungstheorien.

Terror in Hanau: Verschwörungstheorien, die zum Hass anstacheln

„Verschwörungstheorien sind oft eine Einstiegsdroge in extrem rechte Ideologien“, sagt der Rechtsextremismus-Experte Roland Sieber unserer Redaktion. Ein Mensch glaubt an eine Verschwörung und findet weitere im Internet. Etliche kursieren dort, in Chatgruppen, in Foren, auf Youtube. Ungefiltert, oft nur ein paar Klicks voneinander entfernt.

Gezielt streuen vor allem rechte Verschwörungstheoretiker mit Videos ihre Ideologie. Die Theorien werden wie Dünger auf das Feld gesät. Die Saat soll Menschen zum Hass anstacheln. Zum Terror. „Menschen steigern sich in eine geschlossene Verschwörungsideologie hinein“, sagt Sieber. Einzelne schlagen zu.

Anders Breivik, der 2011 fast 80 Menschen tötete, sah sich selbst als „Kreuzritter“ gegen eine „islamische Kolonisation“. Er verstand sich als „eingeborener Europäer“, der wie einst die amerikanischen Ureinwohner gegen die US-Kavallerie ankämpfen wollte. Er, der „Indianer“. Und die Muslime die US-Armee. Kanzlerin Angela Merkel und andere EU-Politiker sah Breivik als Speerspitze der „Islamisierung“ Europas.

Der Glaube an diese „Umvolkung“ der „christlichen“ Bevölkerung durch Muslime lag auch der rassistischen Ideologie des Attentäters von Christchurch zugrunde, der vor knapp einem Jahr mehr als 50 Muslime in Moscheen in Neuseeland tötete. Sein „Manifest“ überschrieb der Christchurch-Attentäter mit „Der große Austausch“ – eben jene Verschwörung, die einen angeblich bewusst durch die europäische „Elite gesteuerten Austausch“ christlicher mit muslimischer Kultur annimmt.

Verschwörungstheorien bieten einfache Antworten

Auch in dem Pamphlet von Tobias R., dem mutmaßlichen Attentäter von Hanau, finden sich Elemente dieser Erzählung. Sie ist geprägt von der neu-rechten „Identitären Bewegung“, hat ihren Ursprung beim rechten französischen Theoretiker Renaud Camus. Er befeuert mit seiner Schrift Islamfeindlichkeit und Rassismus.

Nach Hanau: Muslime in Deutschland mahnen mehr Schutz an
Nach Hanau- Muslime in Deutschland mahnen mehr Schutz an

Die Verschwörungstheorie folgt einem Mythos, der tief verwurzelt ist in der rechtsextremen Ideologie und bereits zur Zeit des Nationalsozialismus entscheidend war: das antisemitische Bild einer jüdischen Weltverschwörung – einer angeblichen „jüdischen Elite“, die sich gegen den Rest der Welt verschworen habe und Herrschaft über Politik, Wirtschaft und Medien gewinnen wolle.

In komplizierten Zeiten zwischen Globalisierung, einer Gesellschaft, in der noch nie so viele Interessengruppen existierten und die sich selten in einem vergleichbaren Tempo entwickelt hat – Verschwörungstheorien bieten einfache Antworten in einer widersprüchlichen und unübersichtlichen Welt. Das ist attraktiv. Gerade für Radikale.

Theoretiker entziehen sich dem politischen Prozess

Verschwörungserzählungen seien „der Klebstoff, der weite Teile der rechtsextremen Szene zusammenhält“, schreiben die Autorin Katharina Nocun und die Psychologin Pia Lamberty, deren Buch „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ bald erscheint. „Wer glaubt, die Regierung würde von bösen Mächten gesteuert werden, der zieht sich aus dem politischen Prozess zurück.“ So wie die selbst ernannten „Reichsbürger“.

Die Bewegung wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Viele von ihnen verbreiten die Theorie, Deutschland sei kein souveräner Staat, und behaupten „das Deutsche Reich“ existiere noch. Andere glauben aufgrund der Existenz der in Frankfurt ansässigen „Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur“, dass Deutschland kein Staat ist – sondern eine GmbH. Eine Firma. Den Dienstleister gibt es tatsächlich. Die GmbH arbeitet allerdings nur für das Finanzministerium.

Auch bei den „Reichsbürgern“ dient die Verschwörungstheorie als Schema, um die Welt in „Gut“ und „Böse“ einzuteilen. Gewalt gegen Politiker, Beamte oder ethnische und religiöse Minderheiten werde aus Sicht des Täters so als „Notwehr“ legitimiert, sagt Extremismus-Experte Sieber. 2016 erschießt ein „Reichsbürger“ bei einem Polizeieinsatz einen Beamten. 2018 begingen Anhänger dieser extrem rechten Gruppierung laut Sicherheitsbehörden mehr als 150 politisch motivierte Gewalttaten. Knapp 20.000 Menschen in Deutschland sollen der Szene angehören.

AfD-Politiker tragen Verschwörungstheorien auf die Straße

Anhänger der rechtsextremen „QAnon“ verbreiten in den USA den Glauben an einen Kampf gegen einen „tiefen Staat“, kontrolliert von geheimen Mächten – und etwa von Politikern und Hollywood-Schauspielern. Ausgerechnet Präsident Donald Trump ist in ihrer Ideologie die Speerspitze in diesem „Kampf“. Es gibt Neonazis, die behaupten, dass die Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ eine Erfindung des Geheimdienstes sei.

Und im Internet baut jede Szene ihr eigenes Netzwerk auf mit Chats, Youtube-Kanälen, Foren. Ein für Sicherheitsbehörden kaum zu überblickender Raum. Gruppen wie Pegida, aber auch Politiker der AfD tragen Verschwörungstheorien auf die Straßen und in die Parlamente. Immer wieder streut die Partei etwa das Mantra der „Lügenpresse“, eine angebliche „linke Verschwörung“ in den Medien gegen das „deutsche Volk“ und seine „Vertreter“.

Und so dringen Verschwörungstheorien in die Mitte der Gesellschaft. Fast ein Viertel der in einer Studie befragten Deutschen meint, Politik und Medien würden „unter einer Decke stecken“. Fast die Hälfte glaubt an „geheime Organisationen“, die Einfluss auf die Politik nehmen würden, halten Forscher in ihrer für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführten „Mitte-Studie“ fest.

Trotz „Klage“: Die Bundesanwaltschaft handelte nicht

„Viele von uns haben Menschen in ihrem Umfeld, die an irgendeinen Verschwörungsmythos glauben. Das fängt bei vielen Impfgegnern an“, sagt die Buchautorin Karolin Schwarz. Gerade ist ihre Untersuchung „Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus“ erschienen. Erste Anzeichen, dass ein Mensch in eine Verschwörungswelt abrutsche, seien die Kommentare und Beiträge auf seinen Profilen bei Facebook oder Twitter.

„Noch kritischer wird es, wenn Gewaltfantasien geäußert werden. Da sollte man überlegen, ob dem vielleicht tatsächlich Gewalt folgen könnte“, sagt Schwarz.

Im November, wenige Monate vor der Terrortat, schickte Tobias R. ein Schreiben an den Generalbundesanwalt, jene Staatsanwaltschaft, die nun gegen ihn ermittelt. R. reichte eine Klage ein gegen „eine unbekannte geheimdienstliche Organisation“. Vieles, was später in seinem Bekennerschreiben zum Attentat auftaucht, steht auch schon in dieser „Klage“. Allerdings nicht die Vernichtungsfantasien, ganze „Völker auslöschen“ zu wollen.

Die Bundesanwaltschaft handelte nicht. Tobias R. behielt seinen Waffenschein.

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