Anschlag

Hanau am Tag danach – Eine Stadt steht unter Schock

Am Tag nach der Tat herrscht Fassungslosigkeit und Trauer in Hanau. Die Menschen fragen sich: Wie konnte es zu dieser Bluttat kommen?

Elf Tote bei mutmaßlich rassistischem Anschlag in Hanau

Aus offenbar rassistischen Motiven hat ein 43-jähriger Mann in Hanau mutmaßlich neun Menschen erschossen. Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen nach eigenen Angaben aufgrund von "gravierenden Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat".

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Hanau. Dreißig Meter sind es bis zu seiner Cousine. Vielleicht vierzig. Dort hinten, vorbei an dem Absperrband der Polizei, vorbei an dem Supermarkt und dem Frisörsalon. Mike P. steht auf den nassen Steinplatten. Er trägt einen grauen Mantel und eine Jeans. Mike P. sagt nicht viel. Er wartet darauf, bis ihn die Polizei durchlässt. Zur Leiche seiner Cousine.

Die Polizei habe der Familie gesagt, die Ermittler müssten noch die Spuren sichern am Tatort, dem Kiosk, der auch ein Café war. „24/7 Kiosk“ steht dort. Und „Arena Bar Café“, in einer blauen und orangenen Leuchtschrift. Die Fenster sind mit Folien beklebt. Seine Cousine wohnt in demselben Hochhaus, ein paar Stockwerke über dem Café. „Sie wollte nur eine Schachtel Zigaretten holen“, sagt Mike P. Seine Cousine war 34 Jahre alt.

Hanau am Nachmittag nach der Tat. Tobias R. soll hier um kurz nach 22 Uhr in das Café eingedrungen sein. Im Fernsehen, so berichten es Freunde und Angehörige der Opfer, lief Fußball, Champions League. Tobias R. erschoss laut Polizei fünf Menschen in dem Café. Ein Mann wurde schwer verletzt, er liegt im Krankenhaus.

Zuvor war der mutmaßliche Täter in der Hanauer Innenstadt kurz nacheinander in zwei weitere Bars eingedrungen und erschoss dort weitere Menschen. Augenzeugen berichten am Tag nach der Tat davon. Die Staatsanwaltschaft bestätigt neun Opfer.

Hanau am Donnerstag: Weinen und Schweigen

Mike P. sagt: „Alles war gut. Alles war immer in Ordnung. Und dann bekommst du einen Anruf von deiner Familie.“ Wie P. sind auch andere am Donnerstagnachmittag hier an den Tatort gekommen. Viele mussten nur ein paar Hundert Meter gehen.

Viele wohnen hier, in Kesselstadt, in den Wohnblocks und Reihenhäusern am Rand von Hanau, der Stadt mit fast 100.000 Einwohnern ganz nahe bei Frankfurt. Eine typische mittelgroße deutsche Stadt. Der rassistische Hass zieht jetzt seine Spur durch das Viertel.

So wie Hakki Oktay. Schon seit 16 Jahren betreibt er einen Kiosk, direkt dort, wo jetzt Mike P. und die anderen Freunde und Angehörigen der Opfer an diesem nasskalten Februartag stehen. Oktay verkauft Zigaretten und Zeitschriften.

Ganz hinten im Laden hat er eine Kaffeemaschine und einen Wasserkocher aufgebaut. Viele der Freunde der Opfer kommen heute zu ihm, bestellen Tee oder Kaffee, nehmen die Pappbecher mit nach draußen vor die Tür. Manche haben Tränen in den Augen, andere weinen laut. Viele stehen nur da und schweigen, reden leise. Und warten, bis die Polizei das Absperrband zur Seite nehmen wird.

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Hanau-Attentäter mordete in Viertel mit „viel Multi-Kulti“

Ladenbesitzer Oktay hatte am Donnerstagabend seinen Kiosk schon um kurz nach sieben zugeschlossen. Er war noch eine Weile hier, um kurz nach zehn sei er losgefahren. Da habe er noch einen Polizeiwagen mit Blaulicht durchgelassen. Später in der Nacht ruft ihn ein Verwandter an, fragt, ob alles in Ordnung sei. Erst dann erfuhr Oktay, was passiert war.

„Ich war mir nicht sicher, ob ich heute hier meinen Laden öffnen kann“, sagt Oktay. „Dann habe ich die ganzen Menschen gesehen.“ Seitdem läuft die Kaffeemaschine.

Heute ist er 56, Ende der Neunziger kam er mit seiner Familie aus der Türkei nach Deutschland. Viele in den Wohnblocks von Hanau kommen aus türkischen oder arabischen Familien. „Viel Multi-Kulti“, sagt Oktay. „Kleine Streits gab es immer mal.“ Jetzt aber versorgt er Opferfamilien.

Es sind Menschen wie der ältere Hakki Oktay und wie der junge Kemal, der auch vor der Polizeiabsperrung steht, auf die es der Täter abgesehen hat. Menschen aus türkischen Familien, arabischen Familien. Die Ermittlungen deuten darauf hin, dass Tobias R. die Bars und Cafés gezielt aufsuchte und gezielt Menschen mit Migrationshintergrund erschossen hat. Die Opferauswahl passt zu seinen rechtsextremen Botschaften, die er in Videos und Pamphleten vor der Gewalttat verbreitet hatte. Eine gefährliche Mischung aus Verschwörungstheorien, Frauenhass, Narzissmus. Und vor allem Fremdenhass.

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Hanau ruft „Nazis raus!“ bei Gedenkminute

Und auch Tobias R. kam aus diesem Viertel in Hanau. Die Reihenhauswohnung ist nur ein paar Hundert Meter vom Tatort entfernt. Eine ruhige Gegend, eine Schule liegt in der Nachbarschaft. Nach den Morden in den Bars und Cafés muss der Täter mit seinem Auto hierher zurückgekehrt sein.

Was genau in der Wohnung passierte, wird noch ermittelt. Als ein Kommando der Polizei den Ort stürmte, lagen dort zwei Leichen: Tobias R. und dessen Mutter. „Sein Vater wurde von den Polizeibeamten äußerlich unverletzt angetroffen“, heißt es in der Meldung der Staatsanwaltschaft.

An der Straße vor dem Café steht der junge Kemal. Er trägt ein schwarzes Cäppi und eine gelbe Daunenjacke. Er sagt, er arbeite als Pfleger im nahegelegenen Krankenhaus. Dort, wo nun auch ein guter Freund seines Bruders behandelt werde. „Er wollte sich verstecken“, sagt er. „Dann wurde er in die Schulter getroffen.“ Sein Bruder sei gerade unterwegs ins Krankenhaus zu Mohammed. „Momo, so nennen ihn hier alle.“

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Hanau unter Schock – „Man ist nirgends sicher“

Am Abend werden die Menschen in Hanau auf dem Marktplatz der Opfer gedenken. Viele Hundert werden kommen, der Bundespräsident wird auf der Bühne stehen. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt er. „Wir lassen uns nicht auseinandertreiben.“ Die Menschen applaudieren. Manche tragen Kerzen in ihren Händen, rufen „Nazis raus!“. Eine Gedenkminute gibt es nicht. „Es war gut, aber es war kurz“, kritisiert ein junger Mann am Ende.

Der Ladenbesitzer Oktay sagt, dass so eine Tat nicht zum ersten Mal in Deutschland passiert sei. „Das war Fremdenhass“, sagt er. Und auch Mike P., der vor dem Absperrband der Polizei steht, sagt: „Man ist nirgends sicher.“

Dort, wo Mike P. in seinem grauen Mantel auf den Steinplatten steht, ist ein kleiner Tunnel, ein Durchgang zum Parkplatz. Mit einer Spraydose hatte dort jemand die Adresse der Webseite von Tobias R. in schwarz an die Wand gesprayt. Dort, im Netz, veröffentlichte er seine Hassbotschaften. Es ist nicht klar, ob er selbst es war, in den Minuten nach den Morden. Am Tag nach der Tat hat jemand das Graffiti mit schwarzer Farbe übermalt.

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