Ermittlungen

Neue Terrorgruppe? So offen zeigen sich die Rechten im Netz

Neonazis sollen eine Terrorgruppe gegründet haben. Sie agierten konspirativ, propagierten ihre Ideologie offen. Eine Spurensuche.

Festnahme von mutmaßlichen Rechtsterroristen: Polizisten führen einen Beschuldigten zum Haftrichter.

Festnahme von mutmaßlichen Rechtsterroristen: Polizisten führen einen Beschuldigten zum Haftrichter.

Foto: Uli Deck / dpa

Berlin. Werner S. macht kein Geheimnis aus seiner Gesinnung. Auf seinem Facebook-Profil prangt die Kriegsflagge der italienischen Faschisten. Offen. Für alle einsehbar. Schon einmal muss Facebook das Profil des Neonazis gelöscht haben. Doch Werner S. öffnete einfach eine neue Seite mit seinem Foto. Eine neue Profilseite für seinen Hass.

Werner S. ist einer der Hauptbeschuldigten, den die Generalbundesanwälte nun festgenommen haben. Gemeinsam mit drei weiteren Deutschen soll er eine rechtsterroristische Gruppe gegründet haben. Das mutmaßliche Ziel: Attentate auf Moscheen, Anschläge auf politische Gegner. Davon jedenfalls geht die Staatsanwaltschaft aus. Acht Neonazis sollen die mutmaßliche Terrorgruppe unterstützt haben.

Nachdem Werner S. sein neues Profil auf Facebook öffnete, schreibt einer seiner Freunde in holprigem Deutsch: „Die Zeit ist nahe an der die Geister der Ahnen sich erheben und mit und für Germaniens Freiheit zu streiten.“ Werner S. antwortet: „Bereit Kamerad!“ Und der Freund schreibt: „Seite an Seite!“ Die nun beschuldigten Neonazis lernten sich nicht in einer Partei oder Kameradschaft kennen. Sie fanden sich über das Internet, kommunizierten in verschlüsselten Chats. Andererseits propagieren die Neonazis offen ihre Ideologie, vernetzen sich auf internationalen Treffen.

Mutmaßliche Rechtsterroristen stacheln sich bei Facebook an

Unsere Redaktion hat auf den Facebook-Profilen einige der zwölf Beschuldigten recherchiert, ihre Freundeslisten eingesehen, die Gruppen verfolgt, bei denen die mutmaßlichen Rechtsterroristen den „Gefällt mir“-Haken klickten. Die Spur im Internet zeigt: Es sind nicht einzelne Rechte. Es sind vielmehr etliche Gleichgesinnte, die sich vernetzen, gegenseitig anstacheln und gegen andere hetzen. „Kämpfe um das was du liebst! Morgen ist es vielleicht zu spät!“, postet einer der Beschuldigten. Dahinter steht die „Schwarze Sonne“, ein Symbol der Nationalsozialisten.

Nach Recherchen des Rechtsextremismus-Experten Roland Sieber decken die Verhafteten ideologisch ein breites rechtes Spektrum ab: von der Verschwörungsszene über eine Nähe zur AfD und NPD bis zu Likes für rechte Vereinigungen wie „Uniter“. Die Gruppe, die sich offenbar „Der harte Kern“ nannte, „wollte wohl eine Miliz, eine Untergrundarmee aufbauen, die wie rechtsradikale Freikorps in der Weimarer Republik politische Gegner töten und Moscheen angreifen“, sagt Sieber.

Der mutmaßliche Kopf der Gruppe, Werner S., 53 Jahre alt, hat viele „Freunde“ auf Facebook, die ihr Profilfoto mit einem Reichskriegsbanner unterlegt haben. Andere posten Bilder von Wehrmachtssoldaten, dazu den Schriftzug „Nationalist“. Immer wieder bekennen sich Nutzer in den sozialen Netzwerken, die mit den Beschuldigten in Kontakt stehen, auch zu „Wodans Erben Germanien“. Die Gruppe ist eine als „Bürgerwehr“ getarnte Gruppe von Rechtsextremisten. „Zum Schutz von Heimat und Familie“, so harmlos etwa wirbt die Gruppe. Doch fällt sie auf mit bedrohlichen Fackelmärschen vor Unterkünften von Asylsuchenden. Der Verfassungsschutz beobachtet die Gruppe.

So drängen die Neonazis in die Kampfsportszene
So drängen die Neonazis in die Kampfsportszene

Ermittler fanden bei mutmaßlichen Rechtsterroristen zahlreiche Waffen

Die selbst ernannten Bürgerwehren spielen eine zentrale Rolle in der Vernetzung der extremen Rechten. Und wohl auch in der Szene, in der sich nun die rechtsterroristische Gruppe formiert haben soll. Zwei der Beschuldigten waren offenbar Anhänger der „Viking Security Germania“, einer 2018 gegründeten „Bürgerwehr“. Der bayerische Verfassungsschutz schreibt: Das „martialische Auftreten“ sowie die Beiträge in den Netzwerken lassen eine „grundsätzliche Affinität der Gruppierungen zu Gewalt erkennen“. 2018 hat sich die „Viking Security“ neu formiert, ursprünglich ist sie ein Ableger der finnischen Neonazi-Gruppe „Soldiers of Odin“. Bis heute ziehen Mitglieder vor allem in Skandinavien mit Militärhose und Bomberjacke um die Häuser und propagieren rechte Ideen.

Rechtsextreme greifen mit ihren „Bürgerwehren“ das Gewaltmonopol der Polizei an. Doch Experten sehen eine Steigerung, eine Art „Taktik zur Beschleunigung des Umsturzes“. Miro Dittrich verfolgt für die Amadeu Antonio Stiftung die rechte Szene im Netz: „Mit den Anschlägen von Halle und Christchurch in Neuseeland, aber auch weiteren Attentaten in den USA erleben wir, wie Neonazis nicht mehr auf den Weg über Parlamente oder eine Veränderung der Politik setzen“, sagt er. „Neonazis sehen kein Zurück mehr, kein Schwärmen vom Dritten Reich. Stattdessen setzen sie auf Aufruhr und Chaos.“

Als die Ermittler vergangenen Freitag die Wohnungen der Gruppe um Werner S. durchsuchten, entdeckten sie zahlreiche Waffen: eine Pistole, selbst gebaute Schießgeräte, Messer, offenbar sogar Handgranaten. Seit Monaten waren die Sicherheitsbehörden an der Gruppe dran, observierten Treffen. Sogar einen Informanten soll die Polizei laut Medienberichten in der Gruppe eingeschleust haben. Bei der Razzia zählte er nicht zu den Festgenommenen.

Bereits Ende Januar hatten die Behörden zu einen Schlag gegen Rechtsextremisten ausgeholt: Der Innenminister hatte die Neonazi-Gruppe „Combat 18“ verboten und mehrere Razzien initiiert.

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