Kommentar

Autoritätsverfall von AKK bringt die ganze CDU ins Wanken

Hinter CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer liegen Tage der Machtlosigkeit. Für sie geht es jetzt um mehr als nur um Probleme in Thüringen.

Einsam an der CDU-Spitze: Annget Kramp-Karrenbauer am Freitag in Berlin.

Einsam an der CDU-Spitze: Annget Kramp-Karrenbauer am Freitag in Berlin.

Foto: Carsten Koall / Getty Images

Berlin. Zu den Verlierern der Thüringer Chaostage zählt auch Annegret Kramp-Karrenbauer. Eigentlich hat sie nichts Falsches gesagt oder getan. Aber sie hat sich als CDU-Chefin nicht gegenüber dem Thüringer Verband durchgesetzt und nicht verhindern können, dass er gemeinsam mit der Höcke-AfD Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt hat.

Dass AKK daran gescheitert ist, erlaubt Rückschlüsse auf ihren Rückhalt in der Partei, auf Gefolgschaft, Führungskraft, Autorität. In Erinnerung wird bleiben, dass sie den Laden nicht im Griff hatte und den Ereignissen irgendwie immer einen Schritt hinterherhinkte.

Es gibt dafür Erklärungen, keine Frage. Erstens, der Landesverband steht nicht unter dem Protektorat des Konrad-Adenauer-Hauses in Berlin. Zweitens, die Parteichefin war zeitweise im Ausland; da versteht man, warum manche Aktion zeitverzögert wirkte. Aber das sind Erklärungen, die am wenigsten ihre parteiinternen Kritiker interessieren.

Erodiert mit der CDU die nächste Volkspartei?

Wer in der Verantwortung steht, macht Fehler. Friedrich Merz hat es leichter. Er ist Privatier und tourt gerade im Hamburger Wahlkampf. Er macht sich beliebt. Armin Laschet erinnert besonders gern daran, dass er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist. Das Land ist sein Standbein, die Bundespolitik nur sein Spielbein. Er tut nichts, um AKK zu stützen, auch nicht, um sie zu stürzen. Er liegt einfach im Hochsitz auf der Lauer. Merz, Laschet, auch Jens Spahn, sie alle kommen aus Nordrhein-Westfalen, eine ziemlich große Lichtung, auf die sich AKK trotzdem wagen muss.

Macht ist die Möglichkeit – die Position der Stärke –, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Kramp-Karrenbauer hat zuletzt das Gegenteil davon erlebt: Machtlosigkeit. Es ist kein Zufall, dass sie in der Bedrängnis gern auf die „Beschlusslage“ der Partei und auf die Kanzlerin verweist. Es sind die Pfandleiher, wo sie die Autorität vermutet, die sie sich gern borgen würde.

Es ist seltsam, dass die CDU eine Frau zu ihrer Vorsitzenden macht, aber ihr hinterher nur das rigorose Minimum an Kameradschaft entgegenbringt. Das ist inkonsequent. Das ist eine Führungsunkultur, die man sonst nur von der SPD kennt, sodass sich die Frage aufdrängt, ob mit der CDU gerade die nächste Volkspartei erodiert.

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AKK kann sich kaum auf den unerfahrenen Ziemiak stützen

Was AKK fehlt, ist ein Frühwarnsystem, das bis in die Nervenenden der Partei reicht. Sie hat spätestens seit Montag gewusst, dass bei der FDP und der CDU in Erfurt etwas im Busch ist. Sie hat Rauch gesehen und hätte auf Feuer schließen müssen. Es war nicht damit getan, dem FDP-Chef warnende SMS zu schicken. Sie hätte schon am Dienstag nach Erfurt eilen müssen, um nach dem Rechten zu sehen und der Partei vor Ort zu sagen: keine Spielchen. Nicht mit mir.

Es rächt sich, dass sie zwei Ämter und mit Paul Ziemiak einen Generalsekretär hat, der zu unerfahren ist, ein außerhalb der Jungen Union und des NRW-Verbands relativ unbeschriebenes Blatt, aus dem die Kritiker einen Papiertiger gefaltet haben. AKK muss alles selber machen. Sie hat sich überdehnt.

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Von der SPD und den Grünen einen Ministerpräsidenten zu erwarten und mit ihm dann den Linken Bodo Ramelow aus dem Rennen zu verdrängen, ist absurd. Das wäre eine Anomalie, ganz so, als würde der Schwanz mit dem Hund wedeln und nicht umgekehrt. Die Linke ist die stärkste Partei in Thüringen.

Die Chaostage haben der SPD die Augen geöffnet. Die Vorsitzende ihres Koalitionspartners ist geschwächt. Die SPD muss es sich nicht gefallen lassen, dass die CDU ihr plötzlich einen Teil der Schuld für Thüringen zuschiebt und „Haltet den Dieb“ ruft. Wenn es in dem Stil weitergeht, dann wird die große Koalition nicht lange Bestand haben. Es geht nicht mehr allein um Thüringen.

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