Familienministerin

Franziska Giffey spricht über ihr Jahr im Ausnahmezustand

Plagiatskrise, SPD-Krise, GroKo-Krise: „Es war eines der heftigsten Jahre bisher“, sagt Familienministerin Giffey unserer Redaktion.

Viele in ihrer Partei hätten Franziska Giffey gerne als SPD-Vorsitzende gesehen – doch die Plagiatsaffäre verhinderte das.

Viele in ihrer Partei hätten Franziska Giffey gerne als SPD-Vorsitzende gesehen – doch die Plagiatsaffäre verhinderte das.

Foto: imago stock / imago images/Oliver Langel

Berlin. Kurz bevor das Jahr zu Ende geht, sitzt Franziska Giffey am großen Esstisch in der Berliner Bahnhofsmission und pellt Mandarinen. Sie kann so etwas gut: sich dazusetzen, Mandarinen pellen und den Leuten zuhören, denen sonst nicht so viele zuhören. Doch es hätte nicht viel gefehlt, und der Platz am Tisch wäre leer geblieben – am Ende dieses turbulenten Jahres: Zwei Mal hätte es Franziska Giffey fast den Job gekostet.

Einmal wegen ihres Doktortitels und einmal wegen ihrer Partei, der SPD, die keine Lust mehr auf die GroKo hatte. Doch die Familienministerin ist immer noch im Amt. Äußerlich unbeschadet. Aber innerlich? Wer sich in diesen Tagen mit Giffey über die vergangenen Monate unterhält, erfährt viel über ihre Art, mit Krisen umzugehen: „Es war eines der heftigsten Jahre bisher“, sagt Giffey.

Die stets so optimistische Berlinerin klingt ungewohnt bitter. Namen nennt sie keine, doch man merkt, wie sehr sie die Plagiatsdebatte um ihre Doktorarbeit und die Selbstzerfleischung der SPD angefasst haben. Es sei wichtig, auf diejenigen zu setzen, „die sich als Menschen sehen, nicht als Amt, als Titel oder sonst was“, sagt sie. Und dass sie eine wichtige Erfahrung gemacht habe: „Ich konnte dieses Jahr die Menschen, die mich in erster Linie als Mensch sehen, gut erkennen.“

Giffey und die Plagiatsdebatte: Schlechtes Timing, gute Aussichten?

Und damit auch die anderen, die das nicht taten. Doch der bittere Moment ist kurz, schon im nächsten Augenblick hat sie Erich Kästners Gute-Laune-Satz auf den Lippen: „Auch mit Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, lässt sich etwas Schönes bauen.“ Steine? 2019 lag Giffey ein tonnenschwerer Felsblock im Weg. Neun Monate hat es gedauert, bis der Weg endlich wieder frei war.

Neun Monate unterm Damoklesschwert des Plagiatsverdachts: Im Februar 2019 war der Vorwurf laut geworden, Giffey habe in ihrer Doktorarbeit unsauber gearbeitet. Die Freie Universität Berlin begann, die Dissertation zu prüfen.

Giffey machte weiter und sagte einfach immer wieder dasselbe. Dass sie abwarte. Dass sie genug zu tun habe. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer forderte sie auf zurückzutreten, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. „Ich bin der Auffassung, dass ich hier meine Aufgabe zu erfüllen habe – und das mache ich“, erklärte Giffey im Mai. Im Sommer sagte sie dann selbst, dass sie als Ministerin zurücktreten würde, wenn sie den Titel verlieren sollte. Am 30. Oktober kam die Entwarnung. Die FU sprach eine Rüge aus, aber Giffey durfte ihren Titel behalten.

Das ganze Timing war eine Katastrophe. Jedenfalls für diejenigen, die sich Giffey als neue SPD-Chefin und Nachfolgerin von Andrea Nahles wünschten. Weil die 41-Jährige nicht nur in der Partei, sondern auch im Land auf mehr Sympathien als die meisten anderen bekannten Sozialdemokraten trifft. Doch die Plagiatsfrage grätschte dazwischen. Als die SPD mit der Kandidatenkür begann, prüfte die FU noch – und Giffey wollte ihrer Partei die Peinlichkeit ersparen, eine Chefin mit Schummel-Image zu wählen. Als sie sich dann hätte bewerben können, war es zu spät.

Familienministerin Giffey darf Doktortitel behalten
Familienministerin Giffey darf Doktortitel behalten

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Der SPD-Vorsitz ist ein Schleudersitz, ein Amt, das seine Träger schnell verbrennt. Im Nachhinein könnte es sich noch als klug erweisen, dass Giffey weiter Hoffnungsträgerin der SPD sein kann – für den Fall, dass die neue Spitze scheitert. Oder für den Fall, dass die Berliner SPD nach ihrem glücklosen Regierungschef Michael Müller eine aussichtsreiche Kandidatin für den Wahlkampf 2021 sucht.

Oder sogar für den Fall, dass die SPD eines Tag zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Kanzlerkandidatin aufstellen will. Fürs nächste Jahr wünsche sie sich, „dass ich die Möglichkeit habe, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass es mit der SPD wieder besser wird“, sagt Giffey mit maximaler Vorsicht. Sie weiß, dass viele hoffen, dass sie mehr Verantwortung für ihre Partei übernimmt. Doch Giffey lächelt bei solchen Gedankenspielen bloß ihr Giffey-Lächeln: „Wir werden sehen.“

Antwort auf das neue SPD-Duo könnte kaum kühler ausfallen

Erst mal will sie vor allem eins: weiterregieren. Sie macht das kurz vor 16 Uhr am Nikolaustag unmissverständlich klar. Beim SPD-Parteitag wirbt Giffey für die GroKo. Sie könne sich nicht damit abfinden, dass die SPD seit anderthalb Jahren immer wieder die Endzeitdebatte führe. „Keiner wählt eine Partei, die gar nicht regieren will.“

Nur logisch, dass sie am Ende keine große Begeisterung aufbringen kann für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, das GroKo-skeptische neue Führungsduo: „Na ja“, sagt sie wenige Tage später auf die Frage, wie sie denn deren Start fand. Kühler geht’s kaum.

Giffey: SPD soll GroKo fortsetzen
Giffey- SPD soll GroKo fortsetzen

Ganz klar: Was die Einstellung zum Regieren angeht, ist Giffey eine Enkelin von Ex-Parteichef Franz Müntefering und dessen „Opposition ist Mist“-Credo. Sie will in den verbleibenden anderthalb Jahren der Wahlperiode zeigen „dass es einen Unterschied macht, ob die SPD mitregiert“. Und sie scheut kein sozialdemokratisches Pathos: „Warum ich mal in die SPD eingetreten bin: Bildung von sozialer Herkunft abkoppeln.“ Es ist das alte Versprechen des Aufstiegs durch Bildung, das die SPD einst so stark gemacht hat.

Der Ruf eilt ihr mittlerweile voraus. So sehr, dass sie Giffey in der Bahnhofsmission gleich ein zweites Ministerium andichten: „Wir haben heute bei uns die Bundesministerin für Familie und Bildung …“, fängt der Leiter der Mission an. „Nee, für Bildung nicht“, unterbricht ihn Giffey. Das macht schließlich die Kollegin von der CDU. „Aber für Senioren, Frauen und Jugend.“ Und für die Demokratieförderung, Freiwilligendienste und auch ein bisschen für Integration.

Doch jetzt muss erst mal Obstsalat für die Essensausgabe geschnippelt werden. Giffey übernimmt die Mandarinen. Sie muss dafür nicht mal die Ärmel hochkrempeln. Sogar im tiefen Winter zieht sie Kurzarmkleider an. Darüber trägt sie an diesem Tag eine Weste der Bahnhofsmission. Darauf steht „Nächste Hilfe“. Sie passt ziemlich gut.