ARD-Doku

So machen kriminelle Clans in Deutschland Millionen

Eine Doku beleuchtet die kriminellen Machenschaften arabischer Großfamilien in Deutschland – und die komplizierte Arbeit der Ermittler.

Ibrahim Miri (r.), Chef des Miri-Clans, im Februar 2014 vor Gericht in Bremen.

Ibrahim Miri (r.), Chef des Miri-Clans, im Februar 2014 vor Gericht in Bremen.

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Berlin. Spektakuläre Überfälle auf Banken und Geldtransporter, Betrug und illegale Immobiliendeals: Das Spektrum der organisierten Clan-Kriminalität in Deutschland ist groß. Die ARD-Dokumentation „Beuteland – Die Millionengeschäfte krimineller Clans“ des RBB beleuchtet die Wege des illegalen Geldes und die Jagd der Ermittler nach den mutmaßlichen Tätern.

Berlin, 19. Oktober 2014: Mehrere dunkel gekleidete Männer zerschnitten am frühen Morgen die Telekom-Kabel der Sparkassen-Filiale im Stadtteil Mariendorf, um das Alarmsystem auszuschalten, öffneten die Fluchttür im hinteren Teil der Bank und verschafften sich Zugang zum Tresorraum im Keller. Mehr als 300 Schließfächer brachen die Männer auf und packten Beute im Wert von knapp 10 Millionen Euro in ihre Taschen.

Dann legten sie Feuer in der Bank – um ihre Spuren zu verwischen. Doch es kam zu einer schweren Explosion, wobei einer der Täter von einer herausgesprengten Glasscheibe am Kopf getroffen wurde. Die Ermittler, die wenig später am Tatort eintrafen, konnten Blutspuren sichern und den Verletzten identifizieren: Toufik Remmo, Mitglied der libanesisch-stämmigen Großfamilie Remmo und Bruder des Clan-Chefs Issa.

Clan-Kriminalität: Millionen-Beute bleibt bis heute verschwunden

Toufik Remmo wurde schließlich verurteilt. Doch die Millionen-Beute ist bis heute verschwunden. Eines kam den Fahndern allerdings höchst verdächtig vor: Kurz nach der Tat 2014 meldete sich der Bruder von Toufik, Karim Remmo, vom Bezug der Sozialhilfe ab und trat daraufhin als Immobilienmakler auf.

Der inhaftierte Toufik ist laut Ermittlern wiederum der Schwager eines schlicht Remmo genannten Familienmitglieds in Beirut. Dieser soll, das legen Fahndungsfotos nahe, 1992 in einer Berliner Kneipe einen Mann erschossen und in den Libanon geflohen sein.

Die laut Ermittlern mutmaßliche Ehefrau des Flüchtigen ist – zumindest auf dem Papier – Eigentümerin von mehreren Immobilien im Libanon und einer Kleingartenanlage in Berlin, die als Versteck für erbeutete Waren und Gelder gedient haben könnte, wie die Behörden vermuten.

Familiäre Verflechtungen machen Clan-Kriminalität erst möglich

Diese komplizierten familiären Verflechtungen und Besitzverhältnisse sind es, die den Clans die Geldwäsche möglich machen – und den Ermittlern ihre Arbeit erheblich erschweren, wie die Doku auf anschauliche Weise zeigt.

„Es gibt so eine Art übergeordnetes Familienvermögen. Jeder hilft jedem und ist an vielem beteiligt“, sagt die Berliner Oberstaatsanwältin Petra Leister. Das in Deutschland illegal erworbene Geld fließe in den Libanon, werde dort in den legalen Wirtschaftskreislauf eingebracht und von unverdächtigen Konten wieder nach Deutschland überwiesen. Mit dem „gewaschenen“ Geld kauften die Familien dann Immobilien in vielversprechenden Lagen.

Die RBB-Reporter reisten Hinweisen in den Libanon nach und befragten das Umfeld des Remmo-Clans. Die meisten Befragten hüllten sich in Schweigen, doch ein Mann, der früher als Autohändler in Essen gearbeitet und nun Räumlichkeiten von Remmo in Beirut gemietet hat, erwähnte zumindest den Namen. „Wenn er anfange über Remmo zu reden, bekomme er hinterher Probleme“, sagte er.

Einen Tag später, berichten die Reporter, wurde der Mann vor seinem Büro zusammengeschlagen. Er erstattete bei der Polizei in Beirut Anzeige gegen Remmo – und verließ schließlich die Stadt.

Clan-Mitglieder erbeuten als falsche Polizisten Geld von Rentnern

In Essen, eine weiteren Hochburg der organisierten Clan-Kriminalität in Deutschland, hat es die Polizei mit geschätzten 10.000 Clan-Mitgliedern zu tun. Die höchste Mitgliederzahl hat die ebenfalls ursprünglich aus dem Libanon stammende Familie Miri, deren Clan-Chef in Bremen, Ibrahim Miri, vor Kurzem in den Libanon abgeschoben wurde.

Millionen-Geschäfte mache der Clan laut Polizei vor allem mit krummen Immobiliendeals, manipulierten Zwangsversteigerungen, Handel mit illegalem Shisha-Tabak – und einer perfiden Betrugsmasche: Mitglieder des Clans würden sich vor allem Rentnern gegenüber am Telefon als Polizisten ausgeben und ihnen raten, ihr Gespartes von der Bank abzuheben und bei sich zuhause zu verstecken.

Der Grund: Mitarbeiter der Bank arbeiteten für eine Verbrecherbande, wie die falsche Polizei herausgefunden haben will. Polizeibeamte würden das Geld dann abholen und in Sicherheit bringen. Eine 90-Jährige aus Münster berichtete den Reportern, der Anrufer habe ihr geraten, die Jalousien herunterzulassen, das Haus zu verriegeln und das Geld vor die Tür zu legen. Ein absurder Plan.

Doch die Rentnerin fühlte sich durch Dutzende Anrufe so sehr unter Druck gesetzt, dass sie den Anweisungen folgte: „Es war mir, als wenn ich hypnotisiert war.“ Die Betrüger erbeuteten 35.000 Euro von ihr. Laut Friedo de Vries vom Landeskriminalamt Niedersachsen wurden in dem Bundesland bislang mehr als 4000 solcher Taten angezeigt. Sie alle haben nach Bremen zum Miri-Clan geführt.

Vor allem der Handel mit unversteuertem Shisha-Tabak sei das „Brot-und-Butter-Geschäft“ der Clans, sagte Heike Sennewald, Zollfahnderin in Essen. Im Sommer 2018 war im nordrhein-westfälischen Solingen eine Fabrik für gefälschten Tabak ausgehoben worden. Sie habe einem Zweig des anatolisch-stämmigen Al-Zein-Clans gehört, so Sennewald. Zwölf Tatverdächtige zwischen 15 und 57 Jahren haben dort laut Ermittlern den Tabak gemischt.

Clan-Kriminalität: Zuwanderer rücken in den Fokus der Polizei

Im Zuge der Ermittlungen gegen kriminelle Clans rücken auch immer öfter Zuwanderer in den Fokus der Polizei, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, den Reportern sagte. Es gebe eine steigende Anzahl von „tatverdächtigen Zuwanderern“ in den Ermittlungsverfahren, so Münch.

Zwar gebe es noch keine verfestigten Strukturen, doch: „In etwa einem Drittel der Verfahren sind auch Zuwanderer als Tatverdächtige aufgetaucht. Und das bedeutet, wir müssen das Phänomen weiter sehr genau im Auge behalten.“ Man dürfe „solche Dinge nicht über Jahre laufen lassen. Das ist, glaube ich, die große Lehre, die wir aus den Entwicklungen der letzten 30 Jahre ziehen müssen“.

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Nach Aussage des Essener Polizeipräsidenten Frank Richter beobachtet die Polizei, dass Zuwanderer den alteingesessenen arabisch-libanesischen Clans zunehmend Konkurrenz machen und sie unter Druck setzen.

Während Zuwanderer aus dem Irak lange nur als sogenannte Läufer im Drogenhandel für die Alt-Clans tätig gewesen seien, seien nun Gruppierungen zu beobachten, die versuchten, „die Geschäfte zu übernehmen“.

Richter befürchtet, dass es zwischen den alteingesessenen Clans und den neuen Gruppen zu Auseinandersetzungen kommen könnte. Manche neu Zugewanderten würden über „Kampferfahrung verfügen“. „Das ist natürlich noch mal eine ganz, ganz andere Qualität als das, was wir momentan haben.“

Die Doku „Beuteland – Die Millionengeschäfte krimineller Clans“ finden Sie in der ARD-Mediathek. Im Anschluss an die Ausstrahlung der Sendung am Montagabend wurde auch in der ARD-Talkshow „hart aber fair“ gefragt: Wie soll man umgehen mit kriminellen Großfamilien?