Bundestagswahl

SPD und CDU wollen im Wahlkampf cleverer Klinken putzen

In den Zentralen von CDU und SPD wird es ernst: Vor der Bundestagswahl setzen die beiden großen Parteien auf Tür-zu-Tür-Kampagnen.

Ein Martin-Schulz-Pappaufsteller steht in Berlin in der SPD-Wahlkampfzentrale für den Bundestagswahlkampf 2017.

Ein Martin-Schulz-Pappaufsteller steht in Berlin in der SPD-Wahlkampfzentrale für den Bundestagswahlkampf 2017.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin.  Wenn es unerwartet an der Haustür klingelt, ist es demnächst vielleicht nicht der Postbote, sondern ein freundlicher, gut vorbereiteter Partei-Helfer. Denn die Hauptkonkurrenten im Bundestagswahlkampf – CDU und SPD – setzen auch im Internet-Zeitalter auf die gute alte Tür-zu-Tür-Kampagne.

Die millionenfachen Hausbesuche werden mithilfe modernster Datenanalysen gesteuert; Klinken putzen, digital leicht gemacht, ganz so wie in den USA. „Der Haustür-Wahlkampf ist für uns das wichtigste Element“, sagt SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, „nichts ersetzt die persönliche Begegnung.“

Barley steht am Donnerstag im dritten Stock des Willy-Brandt-Hauses, wo vor zwei Monaten die „Kampa“ als Kampagnenzentrale die Arbeit aufgenommen hat. Dutzende Mitarbeiter sitzen an langen Tischen vor Computern, zwischendrin Sitzgruppen aus bunten Hockern, an den Wänden Plakate und eine Karte mit den absolvierten und geplanten Auftritten von Kanzlerkandidat Martin Schulz. Gerade wird eine Online-Kampagne zum 1. Mai vorbereitet. Geleitet wird die „Kampa“ vom Schulz-Vertrauten Markus Engels und der Bundesgeschäftsführerin Juliane Seifert, verantwortlich ist aber Barley.

Die SPD schwört auf eine ausgefeilte Potenzialanalyse

Hier lenke die SPD ihren modernsten Wahlkampf aller Zeiten, sagt Barley. Stolz präsentiert sie einen „Modernisierungsplaner“, der eine Art elektronische Daten-Schatztruhe der SPD ist: Für jeden der 80.000 Wahlbezirke, teils sogar bis auf einzelne Straßenzüge, ist anhand von früheren Wahlergebnissen und Bevölkerungsdaten erkennbar, wie groß das geschätzte SPD-Potenzial ist und wie die Bürger am besten anzusprechen wären. „Wir können präzise sagen, wo es sich besonders lohnt hinzugehen und mit welchen Themen“, sagt Barley.

Auch die Genossen an der Basis können per App abrufen, wie viele Arbeitslose, Rentner oder Familien bei ihren Touren zu erwarten sind. Um Wohngebiete mit starkem AfD-Anteil werden die Wahlkämpfer eher einen Bogen machen. Lange Diskussionen sollen an der Tür nicht geführt werden: „Eher kurz, aber viel“ ist die Devise.

SPD will mit Spezialsoftware zielgenauen Wahlkampf führen

Der in der Wahlkampfzentrale vorgestellte sogenannte "Mobilisierungsplaner" fußt auf Daten der Bundestagswahl 2013 und zeigt diejenigen Orts- und Gemeindeteile tiefrot an, in denen ein Haustürwahlkampf besonders erfolgversprechend sein müsste.
SPD will mit Spezialsoftware zielgenauen Wahlkampf führen

Barley schwärmt von Motivation

Die Schulz-Helfer sollen Stimmungen aufnehmen, das Wahlinteresse erkunden – und mit den Erkenntnissen nicht nur ihre Datenbank auffüllen, sondern gegebenenfalls die Parteizentrale über die Trends informieren. Barley berichtet, die SPD-Mitglieder seien „wahnsinnig motiviert“. Immerhin 16.000 Neueintritte hat die SPD regis­triert, seit Schulz Kanzlerkandidat ist.

Konrad-Adenauer-Haus, zweite Etage, wie sich die Bilder gleichen: offene Räume, kurze Wege, viel Licht, 30 PC-Arbeitsplätze und eine Tür, die es Generalsekretär Peter Tauber angetan hat. An ihr üben CDU-Aktivisten Haustürbesuche. Und in diesem Wahlkampf soll noch viel mehr „anders“ werden.

Merkel macht´s mit Werbern von Jung von Matt

Lange bevor Parteichefin Angela Merkel ihre Kandidatur ankündigt, trifft sie eine Festlegung. Im Sommer 2016 spricht sie mit den Werbern von Jung von Matt, eine der erfolgreichsten Agenturen Europas. „Wenn wir etwas gut können, dann ist das Emotion“, erzählt Thomas Strerath, einer der Agenturchefs. Sein Job ist es, Politik zu vereinfachen, dass sie am Ende jemanden berührt. Strerath: „Wir sagen immer, wir vertreten Erna Kasupke.“

Nachdem für das Gefühl gesorgt ist, sucht sich Merkel ihr Team zusammen. Von Opel holt sie Joachim Koschnicke, einen langjährigen Vertrauten. Schon von 2005 und 2011 war er in der CDU-Zentrale für Strategie zuständig. Den Entwurf eines Wahlprogramms vertraut sie Peter Altmaier an, ihrem Kanzleramtschef. Die Kampagne ist dann Taubers Job, also die Umsetzung.

Tauber schaffte für CDU eigens Trainingstüren an

Wie seine SPD-Kollegin setzt er auf einen Tür-zu-Tür-Wahlkampf, vielleicht mehr als Barley ist er auf soziale Netzwerke fokussiert. Die Verbindung beider Welten ist „Connect 17“, eine App. Mit ihr können die CDU-Helfer Informationen austauschen und melden, ob ein Besuch erfolgreich war.

Für jeden Hausbesuch gibt es 100 Punkte, über die besten Helfer wird eine Hitliste geführt. Die Top Ten werden von Merkel angerufen. „Sie hat gesagt, sie fahre viel mit dem Auto“, erzählt Conrad Clemens von der Jungen Union, von unterwegs will sich die Kanzlerin bei den Freiwilligen bedanken. „Neu ist, dass wir unseren Wahlkämpfern ein Instrument in die Hand geben, die Haustüren zu finden, wo die CDU-Wähler wohnen“, erläutert Tauber.

75.000 Hausbesuche bei Saarland-Wahl

Monatelang hat Tauber an der Mobilisierung getüftelt und fünf Trainingstüren angeschafft, um Hausbesuche zu üben. „Wir machen so viel wie noch nie für die Schulung unserer Wahlkämpfer“, berichtet er. Tür-zu-Tür-Kampagnen waren schon bei der OB-Wahl in Oberhausen erfolgreich und bei der Landtagswahl im Saarland womöglich ausschlaggebend. Auf 75.000 Besuche brachte es die CDU. Der Wahlsieg sei ein „Lehrstück für die gesamte Partei“.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.