Extremismus

Moschee-Verbot in Hildesheim: Gezielt IS-Kämpfer rekrutiert

| Lesedauer: 3 Minuten
Dirk Breyvogel, Michael Evers und Christian Unger
Polizeibeamte und Polizeifahrzeuge sperren am Dienstag in Hildesheim (Niedersachsen) eine Straße vor der Moschee des „Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim“ (DIK) ab.

Polizeibeamte und Polizeifahrzeuge sperren am Dienstag in Hildesheim (Niedersachsen) eine Straße vor der Moschee des „Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim“ (DIK) ab.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Die Polizei hat eine Salafisten-Moschee in Hildesheim geschlossen. Auch der Attentäter von Berlin, Anis Amri, besuchte den Treffpunkt.

Berlin/Hildesheim.  Wut und Frust mischen sich in der Szene. Ein Extremist postet im Messenger-Dienst Fotos von vermummten Polizisten, sie tragen Kisten aus der Moschee, laufen zu Dienstwagen. Scheiben sind gesplittert, Möbel liegen auf dem Boden. Unter den Fotos hetzt der Radikale: „Schaut euch diese Affen und Schweine an. Wiedermal in Hildesheim.“

Zum Verbot des „Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim“ (DIK) ist die Polizei am Dienstag mit einem Großaufgebot angerückt. Dabei kommt der Schlag gegen die bundesweit vernetzten Islamisten weder überraschend noch überstürzt. Schon lange hatten die Fahnder die Moschee im Blick. Der Berlin-Attentäter Anis Amri besuchte sie und jahrelang agierte dort der im November verhaftete Extremist Abu Walaa. Er gilt als salafistischer Chefideologe und mutmaßlicher Unterstützer der Terrormiliz „Islamischer Staat“.

Muslime sollen gezielt indoktriniert worden sein

Radikale aus ganz Norddeutschland sollen hier in den Moscheeräumen an der Martin-Luther-Straße zusammenkommen. Jetzt wurde ihr Verein und der Treffpunkt verboten. Fast 400 Polizeikräfte waren seit sechs Uhr im Einsatz. Sie durchsuchten die Moscheeräume und anliegende Wohnungen von führenden Vertretern des DIK. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hebt hervor: Muslime seien dort zielgerichtet indoktriniert worden, um sie zur Ausreise in die IS-Kampfgebiete zu mobilisieren.

Niedersachsen verbietet Salafisten-Verein und löst ihn auf
Niedersachsen verbietet Salafisten-Verein und löst ihn auf

„Dieser Verein hat Frauen und Männer dabei unterstützt, sich einer menschenverachtenden dschihadistischen Organisation anzuschließen, um in Syrien, im Irak, im Zweifel aber auch hier in Deutschland schwerste Verbrechen zu begehen.“ 17 der 77 aus Niedersachsen in die Kampfgebiete aufgebrochenen Islamisten stammen laut Verfassungsschutz aus Hildesheim, darunter auch Jugendliche.

Experte: Effekt des Verbots nicht überschätzen

Pistorius sagte: „Ein Vereinsverbot kann nicht eben über Nacht verfügt werden.“ Die Opposition kritisierte, dass das Verbot viel zu spät komme und die Regierung zu lange tatenlos zugeschaut habe. Außer Abu Walaa war dort wohl schon 2013 der IS-Anwerber aktiv. Landespolizeipräsident Uwe Binias sagte, bei der aktuellen Polizeiaktion habe es keine Verhaftungen gegeben. Gegen eine Vielzahl von Vereinsmitgliedern liefen allerdings Ermittlungsverfahren.

Die Behörden zählen rund 50 Personen zum „harten Kern“ des verbotenen Vereins. Salafismus-Experte Michael Kiefer warnte davor, den Erfolg des Verbots zu überschätzen. Die Extremisten seien in der Lage, sich schnell an anderen Orten neu zu organisieren, sagte der Dozent am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.

Großeinsatz der Polizei nach Verbot von Berliner Moschee-Verein
Großeinsatz der Polizei nach Verbot von Berliner Moschee-Verein

„Bin froh, dass das jetzt ein Ende hat“

Etwa fünf Stunden war die Polizei vor Ort. Die große Frontscheibe ging zu Bruch. Um 12 Uhr mittags war diese bereits durch einen örtlichen Glaser ersetzt. „Ich bin froh, dass das jetzt ein Ende hat“, sagte eine junge Mutter, die zusammen mit ihrer Freundin ihren Kinderwagen auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Fußweg geparkt hat.

Als „etwas übertrieben“ bezeichnet Frank Auracher den Einsatz der Beamten. „Dieses martialische Auftreten soll Sicherheit vermitteln. Es kann aber auch genau das Gegenteil bewirken.“ Zwischen Integrationshilfe und Integrationsverweigerung liegen in der Hildesheimer Nordstadt 100 Meter – oder eine Straßenecke. Auracher leitet hier im Auftrag der Lebenshilfe das Stadtteilbüro „5 Grad Nord“. So bietet Auracher neben Sprachkursen beispielsweise auch ein „Frauenfrühstück“ an, das dazu dient, mit den Frauen aus türkischen Familien in dem Viertel ins Gespräch zu kommen.

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