Ausschreitungen

Konflikt von Flüchtlingen und Nazis in Bautzen gärt länger

Die Krawalle zwischen Einheimischen und Asylbewerbern in Bautzen waren nicht die ersten. Die Stimmung ist gereizt. Ein Besuch vor Ort.

Polizeibeamte bewachen auf der "Platte", dem Bautzener Kornmarkt, Flüchtlinge und rechtsgerichtete Demonstranten.

Polizeibeamte bewachen auf der "Platte", dem Bautzener Kornmarkt, Flüchtlinge und rechtsgerichtete Demonstranten.

Foto: Xcitepress / dpa

Bautzen.  Das Wort Huddeleien ist sächsisch, und man hört es derzeit häufig in Bautzen. Grob übersetzt bedeutet es „Schwierigkeiten“, aber im Klang des Wortes schwingt auch mit, dass sich verschiedene Probleme ineinander so verknäuelt, verkeilt, „verhuddelt“ haben, dass sie sich ganz schwer einzeln erkennen lassen.

Wer hat den Streit angefangen? Wer hat den ersten Stein geworfen? Warum konnte die Situation auf der „Platte“ über Wochen eskalieren? Die Platte, so heißt der Kornmarkt in Bautzen umgangssprachlich, und der ist jetzt auch bundesweit bekannt, weil sich hier Flüchtlinge und Deutsche, viele davon mit rechter Gesinnung, in der Nacht zum Donnerstag eine Schlacht geliefert haben, mit Holzlatten und Flaschen.

Linke und Rechte stehen sich häufig gegenüber

Es war nicht die erste Eskalation, zu Kämpfen zwischen Linken und Rechten, zwischen Flüchtlingen und Deutschen war es schon in den Tagen und Wochen zuvor gekommen. Aber in dieser Nacht ging es so weit, dass ein Krankenwagen daran gehindert wurde, die Friedensbrücke zu passieren. Die Polizei spricht später von „90 Minuten chaotischer Situation“, die sie aber nach Eintreffen der Verstärkung aus Dresden und Kamenz wieder „unter Kontrolle bekommen habe“. Laut Polizeibericht habe eine Gruppe Deutscher den Wagen mit Steinen beworfen, bis er schließlich abdrehte. Doch davor habe eine Gruppe von rund 20 Flüchtlingen die rund 80 Deutschen angegriffen. Polizeichef Uwe Kilz sagt: „Zu 100 Prozent ging das von den Flüchtlingen aus.“

Doch am Abend nach dieser Massenschlägerei, Donnerstagnacht, kommt der Platz wieder nicht zur Ruhe. Rund 300 Menschen haben sich versammelt. Einige bezeichnen sich als „besorgte Bürger“, tragen aber ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jedem das Seine“, dem Schriftzug der über dem Eingang zum Konzentrationslager Buchenwald stand. Manche sagen, sie seien weder rechts noch links, aber sie hätten inzwischen Angst, abends allein durch Bautzen zu laufen. Mittendrin, in einer großen Traube von Menschen, steht Alexander Ahrens, der parteilose Bürgermeister von Bautzen. Viele schreien ihn an, sagen: „Scheißgesindel“, „Die bekommen alles umsonst“, „Die bringen ihren Krieg mit hierher“.

Nicht alle Krawallmacher kommen aus Bautzen

Man muss Ahrens dafür bewundern, wie er im ruhigen Ton auf die Menschen zugeht. Er sagt neutrale Sätze wie: „Egal, woher die Gewalt kommt, wer sich nicht benimmt, muss Konsequenzen spüren.“ Oder: „Ich habe erst vor drei Wochen zum ersten Mal von den Zuständen auf der Platte gehört.“ Er will sich auseinandersetzen – auch mit den Pöblern in Sachsen, von denen nicht alle aus Bautzen kämen. „Es gibt ein Netzwerk, und sie verabreden sich aktuell oft in Bautzen, weil sie hier eine Aufmerksamkeit bekommen.“

Und richtig, die mediale Aufmerksamkeit ist ihnen sicher: Die Kameras halten drauf am Donnerstagabend, als ein Mann mit einem Nazi-T-Shirt auf Sächsisch eine Gruppe linker Demonstranten hinter einer Polizeisperre anbrüllt: „Ihr gehört alle einsperrt und gefoltert!“ Hinter der Absperrung ist nur zu hören: „Du hast doch einen Minderwertigkeitskomplex!“ Im Laufe des Abends wird es einige Male brenzlig. Ein TV-Journalist wird grob weggeschubst, und mehrfach müssen die Polizisten eingreifen, um Gewalt zu verhindern. Doch gegen Mitternacht verläuft sich die Veranstaltung, am Ende ruft einer: „Bevor die Asylanten kamen, hatten wir solche Huddeleien nicht.“

Hier hat sich die wohl größte rechte Szene in Deutschland gebildet

Mindestens seit Mai gebe es hier regelmäßig Ärger, sagen Anwohner. Auch am 9. September trafen einige Dutzend linke und rechte Demonstranten auf „der Platte“ aufeinander. Es kam zu aggressiven Angriffen, laut Polizeibericht warf ein 14-jähriger Flüchtling eine Flasche auf einen 47 Jahre alten Mann, und der zückte ein Messer. Die Polizei griff ein, hielt die Kontrahenten auf Distanz, während die Zahl der Teilnehmer im Laufe des Abends auf mehr als 300 anschwoll. In den Tagen darauf kam es immer wieder zu Angriffen auf dem Platz.

Henning Homann von der SPD steht auch am Donnerstagabend auf der Platte etwas abseits. Er sagt: „Es gibt hier einfach knallharte Neonazis, die sich in dieser Region niedergelassen haben.“ Homann beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Rechtsextremismus in Sachsen, er sagt, dass es gerade in der Region Ostsachsens die wohl größte rechte Szene Deutschlands gibt. Sicherlich seien auch die „Umas“ nicht ohne. Umas, das sind die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, die auch Polizeipräsident Uwe Kilz als diejenigen ausgemacht hat, die häufig Probleme erst anstiften. Aber das schlimme sei, sagt Homann, dass die Rechten mit Ihrer Strategie, die Schuld den Migranten zu geben, offenbar Erfolg hatten. „Das könnte die Debatte verändern, in Bautzen und außerhalb.“

Ein Hotel, in das Flüchtlinge einziehen sollte, stand in Flammen

Schon im Februar war die Stadt in die Schlagzeilen geraten. Ein früheres Hotel hatte in Flammen gestanden, inzwischen kam heraus, dass es offenbar keine Brandstiftung war, aber es gingen Bilder um die Welt von Menschen, die unverhohlen ihre Freude gezeigt haben. Das Hotel sollte ein Asylbewerberheim werden.

Als eine Konsequenz der Ausschreitungen wurde für die jungen Flüchtlinge jetzt eine Ausgangssperre verhängt, nach 19 Uhr dürfen sie nicht mehr das Heim verlassen — und Alkohol ist tabu. Die Linke im sächsischen Landtag nennt das ein „vordemokratisches Sanktionsmitttel“.

Ahmed Touati sitzt am Freitagmittag vor dem Kornmarkt-Center. Seine Version der Geschehnisse: „Ich saß genau hier am Mittwochabend“, sagt er, „als plötzlich eine Gruppe auf mich zukam und mit dem Fuß in mein Gesicht schlug.“ Der Platz ist recht groß, er hat nicht gesehen, ob vorher einer der Flüchtlinge mit einer Flasche geworfen hat. „Aber ja, es gibt einige von uns Flüchtlingen, die aggressiv sind, bemerkt habe ich die auch schon.“ Er sei dann aber sofort weggerannt, auf die Polizeiwache, um den Vorfall zu melden. Das Protokoll trägt er noch am Freitag mit sich: „Fuß gegen den Unterkiefer“, steht dort. Und unten rechts: „Unterkieferprellung.“ Es gehe schon wieder, sagt er.