Selbstmordattentat

Ansbachs Flüchtlinge demonstrieren für friedliche Heimat

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Sören Kittel
„Eugen's Weinstube“ war der Anschlagsort der Explosion, bei der 15 Menschen verletzt wurden.

„Eugen's Weinstube“ war der Anschlagsort der Explosion, bei der 15 Menschen verletzt wurden.

Foto: Daniel Karmann / dpa

In Franken gehen Flüchtlinge für ihre neue Heimat auf die Straße. Die Integration wird nun wohl schwieriger, fürchten Ehrenamtliche.

Ansbach.  Gegen ein Uhr am Dienstagmittag baut sich eine Gruppe von Flüchtlingen vor „Eugens Weinstube“ in der Pfarrgasse auf, es sind acht Menschen mit Zetteln, auf denen mit ungelenker Schrift verschiedene Botschaften stehen: „Wir sind Muslime und keine Terroristen“ zum Beispiel. Jaber Aswad hat es selbst auf den Zettel geschrieben. Es ist ihm wichtig, dass er hier heute mit einer Botschaft steht.

„Ich bin so dankbar“, sagt der 29-jährige Syrer, „dass ich in Deutschland sein kann.“ Neben ihm nickt Sharik Ali, eine 45 Jahre alte Irakerin. „Zu Hause war Krieg“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. „Wir wollen das: Frieden für alle.“ Ihr fehlen noch die Worte, um auszudrücken, was sie will. Sie stammelt das Wort: „Liebe.“ Dann: „Liebe Deutschland.“ Sie hält ihren Zettel so fest, dass er fast zerreißt. Darauf steht: „Meine Religion ist Liebe.“

Flüchtlinge demonstrieren für Frieden

Es ist die erste zaghafte Demonstration von Flüchtlingen, ausgerechnet fünf Meter neben dem Restaurant, auf dessen Terrasse sich am Sonntagabend gegen 22 Uhr ein Mann selbst in die Luft gesprengt hat und 15 Menschen verletzte, vier davon schwer. Eigentlich wollte er auf das Festival „Ansbach Open“, kam aber nicht hinter die Absperrung, und wohl auch deswegen ist die Zahl der Opfer nicht noch höher.

Mohammed D. sagte in dem Bekennervideo, das inzwischen aufgetaucht ist, dass er „im Namen Allahs“ gehandelt habe. Außerdem gehöre er zur Terrororganisation IS. Mohammed D. lebte seit zwei Jahren in Deutschland, seit einigen Monaten im Hotel „Christl“ in Ansbach, das zu einem Flüchtlingsheim umgebaut wurde.

Dieses Flüchtlingsheim ist der zweite Ort neben dem Tatort, der von nationaler und internationaler Presse umlagert wird. Ansbach ist ein kleiner Ort, 40.000 Einwohner, offiziell hat die Stadt 664 Flüchtlinge aufgenommen. Die Bewohner des „Christl“ sagen nichts mehr über ihren Mitbewohner, der das erste islamistische Selbstmordattentat in Deutschland verübt hat. Doch wer mit Anwohnern spricht, die in der Nähe des Tatorts oder des Heims wohnen, der hört ein Wort, das im Zusammenhang mit einem Terrorattentat wohl das schönste deutsche Wort sein muss: „glimpflich“.

„Die Flüchtlinge integrieren sich gut“

Eine Frau tritt aus ihrem Haus und sagt: „Ich habe die Flüchtlinge fast gar nicht mitbekommen.“ Aber sie wolle auch gar nicht so sehr dem Täter Platz einräumen. „Ich will lieber mehr über die Opfer erfahren“, sagt sie, „sonst findet der Täter noch Nachahmer.“ Sie sagt, dass die Stimmung in Ansbach den Asylsuchenden gegenüber positiv eingestellt sei. „Sicher, manchmal sieht man sie am Bahnhof herumhängen“, sagt sie, „aber im Großen und Ganzen integrieren sie sich ganz gut.“ Einmal hat sie die Polizei gerufen, da wurde es ihr zu bunt. Aber sie winkt ab: „Junge Leute können einmal laut sein, es blieb bei einem Mal.“

Am ersten Abend nach dem Attentat klang das am Schlossplatz anders. Die rechte Vereinigung „Der Dritte Weg“ hatte dort spontan zu einer Demonstration gegen die „Asylflut“ aufgerufen. Rund 30 Menschen standen abgeschirmt von der Polizei und einem Zaun in einer Reihe und skandierten „Ausländer raus“ und „Merkel muss weg“. Allerdings hatten auch linke Gruppen davon gehört, und es kamen 60 oder 70 meist jugendliche Demons­tranten und übertönten die Rechten. „Ihr seid peinlich!“, riefen sie und: „Nazis raus!“ Die Stimmung war auf beiden Seiten aufgeladen.

Arbeit mit Asylbewebern wird wohl schwieriger werden

Einer der Gegendemonstranten hielt seinen Ausweis in Richtung der Demonstranten und rief: „Seht her! Ich bin auch Deutscher!“ Es ist Veli Yezilkaya, ein 25-jähriger Deutschtürke. Später sagt er: „Ich finde schon, dass wir genau jetzt aufpassen müssen, dass es nicht aggressiver wird.“ Er fühle sich zwar integriert, aber hat schon das Gefühl, dass er anders angeschaut wird seit dem Attentat in Würzburg. Das bedeutet auch: Er kann nicht mehr unbeschwert in das „Tam“ gehen, jene Kneipe, die direkt neben dem Tatort liegt. Sie ist schon am Abend nach dem Attentat wieder geöffnet und genau wie „Eugens Weinstube“ für ihre liberale Haltung bekannt.

„Der Franke an sich ist ein entspannter Zeitgenosse“, sagt Silvia Bogenreuther von der Helferorganisation Sonnenzeit. Sie ist getroffen von dem Attentat. „Es macht unsere Arbeit mit den Flüchtlingen nicht leichter.“ Sie und ihre Mitarbeiter hatten in den vergangenen 48 Stunden immer wieder erfahren müssen, dass Passanten sie auch mitverantwortlich machen. „Warum seid ihr auch so freundlich zu denen“, sagte jemand zu der Flüchtlingshelferin.

„Aber ich bin nie in das Heim gegangen mit dem Gedanken, dass so etwas möglich sei.“ Das werde sie auch in Zukunft nicht. Sie hält es da eher mit dem französischen Autor Antoine Leiris, der seine Frau beim Attentat in Paris verlor und dessen Satz weltberühmt wurde: „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“

Detonation auf dem Festival hätte eine Katastrophe bedeutet

Doch dass man diesen Satz jetzt überhaupt in Deutschland sagen muss, hätte vor etwas mehr als einer Woche keiner geglaubt. Inzwischen wird klar, dass Ansbach noch Glück gehabt hat. Wenn die Bombe mit voller Wucht auf dem Festival detoniert wäre, hätte das eine Katastrophe bedeutet.

Einer, der das mit verhindert hat, steht auch jetzt wieder an der Stelle, an der er Mohammed D. vor zwei Tagen von Weitem sah: „Ich habe ihm in die Augen gesehen“, sagt der Security-Mitarbeiter Pascal Böhm, „und nicht gedacht, dass von ihm Gefahr ausgeht.“ Kurz darauf gab es einen Knall. „Ich höre diesen Knall immer noch“, sagt Böhm, „wie in einer Dauerschleife.“ Er hat nur zwei Stunden geschlafen seither. Seine erste Aktion am Sonntagabend: „Ich griff zum Walkie-Talkie und rief: ‚Eingang eins rot!‘“ Seine Kollegen wussten: Das ist keine Übung, das ist der Ernstfall.

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