Razzien

Mutmaßliche IS-Zelle hatte das Terrorziel Checkpoint Charlie

Ein Flüchtling mit Kontakten zum IS wollte in Berlin eine Gruppe bilden und einen Terroranschlag verüben. Die Polizei war schneller.

Der Checkpoint Charlie auf der Berliner Friedrichstraße – ein beliebtes Touristenziel, das nun wohl auch Teil von Anschlagsplänen von IS-Terroristen wurde.

Der Checkpoint Charlie auf der Berliner Friedrichstraße – ein beliebtes Touristenziel, das nun wohl auch Teil von Anschlagsplänen von IS-Terroristen wurde.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Attendorn/Berlin.  Es ist exakt 5.30 Uhr am Morgen, als die Beamten zuschlagen. Die Polizisten tragen schusssichere Westen. Der Mann, den sie gleich in der Attendorner Rundturnhalle festnehmen wollen, gilt schließlich als potenzieller Terrorist. Seine Kontakte reichen bis ins Milieu des Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), seine Spuren vom Sauerland quer durch die Republik über Hannover bis nach Berlin. Zeitgleich finden auch in diesen beiden Städten Razzien statt. Insgesamt sind bundesweit 450 Polizisten im Einsatz.

Die Einsatzkräfte glauben, dass sie am Donnerstag Pläne für einen Anschlag vereitelt haben. Wie fortgeschritten sie waren, ist bislang unklar. Wie es heißt, gingen die Behörden letztlich auf „Nummer sicher“. Mit dieser Philosophie waren sie auch in der Vergangenheit recht erfolgreich.

Angriffsziel sollte wohl Checkpoint Charlie sein

Anschläge islamistischer Extremisten konnten in Deutschland meist vereitelt werden oder schlugen fehl. Einzige Ausnahme: Im März 2011 erschoss ein Kosovo-Albaner auf dem Flughafen Frankfurt/Main zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Im aktuellen Verdachtsfall wäre das Anschlagsziel wohl Berlin gewesen. Wo genau, darüber machten die Behörden allerdings keine Angaben. „Es gibt keinen Grund zur Dramatisierung, aber auch keinen zur Bagatellisierung“, erklärte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Nach den Informationen unserer Redaktion gab es Hinweise, dass die Gruppe einen Anschlag auf „Checkpoint Charlie“ verüben wollte, ein beliebter Anlaufpunkt für Touristen. Aber auch über einen Tatort Alexanderplatz wird spekuliert. Berlins Innensenator Frank Henkel sagte am Abend in der RBB-Abendschau allerdings: „Das ist etwas, was wir überhaupt nicht bestätigen können - weder was den „Alex“ betrifft, noch was den „Checkpoint Charlie“ betrifft.“

Hauptverdächtiger kam als Flüchtling

Im Verdacht stehen vier Algerier. Am stärksten wird der 35-Jährige belastet, der am Donnerstag in einer Flüchtlingsunterkunft im Sauerland verhaftet wurde. Zunächst hatte ein ausländischer Nachrichtendienst den Verfassungsschutz auf ihn aufmerksam gemacht. Der Mann wurde schon in seiner Heimat mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Tatsächlich fanden die Beamten Hinweise darunter Bildaufnahmen, die den Verdächtigen bei Kampfhandlungen des IS in Syrien und Irak zeigen. Auf einem Foto sei er mit einem ranghohen IS-Strategen zu sehen. Der ranghohe IS-Mann soll in die Planung der Attentate von Paris im November 2015 eingebunden gewesen sein und als direkter Vorgesetzter des getöteten Hauptattentäters Abdelhamid Abaaoud fungiert haben.

Der Hauptverdächtige kam – versehen mit einer Legende als Flüchtling – über die Balkanroute nach Deutschland. Im Herbst 2015 wurde er nach Abendblatt-Information in Bayern registriert und danach im sauerländischen Attendorn aufgenommen, wo er ein unauffälliges Leben führte.

Der Verfassungsschutz observierte und hörte die vier Algerier lange Zeit ab

Doch Anfang des Jahres verdichteten sich die Hinweise, dass der Algerier Kontakt zu anderen Dschihadisten in Deutschland suchte. Vom Verfassungsschutz kamen jedenfalls die Hinweise, die am Donnerstag schließlich zum Zugriff führten. Der Geheimdienst hatte die Gruppe wochenlang observiert und abgehört. Ihm fiel auf, dass sich die vier Algerier konspirativ verhielten, häufig Handys gewechselt und verschlüsselt über Instant Messenger kommuniziert haben. So gehen typischerweise Terroristen vor, wenn sie eine Zelle bilden, Anschläge planen.

Als die Gruppe in den letzten Tagen überhaupt nicht mehr über ihre Anschlagspläne diskutierte, wurden die Beamten vom Verfassungsschutz stutzig. Hatten sie die Pläne aufgegeben oder Verdacht geschöpft, dass sie abgehört wurden? Oder noch schlimmer: Waren sie so weit – fertig mit der Planung und damit bereit zu einem Anschlag? Laut Berliner „Tagesspiegel“ hat genau diese Ungewissheit letztlich auch den Anschlag für den gestrigen Zugriff und die Razzien gegeben.

Und wieder spielt der Brüsseler Vorort Molenbeek eine Rolle

Nördlich von Hannover und in der Innenstadt wurden ein Mehrfamilienhaus und ein Flüchtlingsheim durchsucht. Dabei wurde ein gesuchter 26-Jähriger angetroffen, aber nicht verhaftet. Der Mann aus Hannover soll Kontakt zur Islamisten-Szene in Belgien gehabt haben. Der 26-Jährige sei vor wenigen Wochen mindestens einmal in die Brüsseler Gemeinde Molenbeek gereist, hieß es. Dort hatte auch der getötete mutmaßliche Drahtzieher der islamistischen Anschläge in Paris vom 13. November, Abdelhamid Abaaoud, gelebt. Molenbeek gilt als Islamistenhochburg. Nach der Länderspielabsage vor zweieinhalb Monaten sorgte der IS damit schon zum zweiten Mal für Schreckmomente in der niedersächsischen Hauptstadt.

Ein weiterer Verdächtiger wurde in Berlin festgenommen. Bei dem 31-Jährigen stellte man Computer, Handys und Aufzeichnungen sicher – die Auswertung dauert noch an. Er gilt als der engste Helfer des Algeriers aus Attendorn. Bei allen Festgenommenen vermutet man zwar Bezüge zur IS, aber hier liegen offenbar keine Hinweise auf eine Teilnahme an Kämpfen oder Reisen nach Syrien oder Irak vor.

Auch Ehefrau des Verdächtigen festgenommen

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) betonte, ein konsequentes Vorgehen gegen die Islamistenszene sei geboten. „Vor allem, wenn es um mögliche IS-Bezüge geht. Die Aktivitäten der Szene werden von uns sehr intensiv und behördenübergreifend begleitet“, sagte Henkel weiter.

Derweil nahm die NRW-Polizei in Attendorn auch die Ehefrau des Hauptverdächtigen fest. Die 27-jährige Frau aus Algerien sei wie ihr 35-jähriger Mann ebenfalls mit internationalem Haftbefehl gesucht worden. Ihr wird ebenfalls eine IS-Mitgliedschaft vorgeworfen. Die Polizei in Attendorn nahm darüber hinaus die zwei Kinder des Paares mit.

Als die Beamten am Morgen eintrafen, herrschte in der Attendorner Halle noch tiefe Stille – umso größer war die Aufregung danach unter den Flüchtlingen. Dass es sich bei dem Festgenommenen um einen IS-Terroristen gehandelt haben soll, war auch für die Betreuer zunächst schwer zu fassen. Er war nie unangenehm aufgefallen, hatte sich intensiv um seine Kinder gekümmert, Tischtennis gespielt und war stets dabei, wenn auf dem hundert Meter entfernten Fußballplatz gekickt wurde. „Ärger“, so einer der Mitarbeiter, „hat es mit ihm nicht gegeben.“ DRK-Geschäftsführer Torsten Tillmann erzählte, „wir haben versucht, den Flüchtlingen die Situation zu erklären und sie so gut es ging zu beruhigen.“

Die meisten Flüchtlinge in Attendorn kommen aus Afghanistan, wo 80 Prozent der Bevölkerung der sunnitischen Glaubensrichtung angehören. Fußballspielen mit den Afghanen war in Ordnung, „aber als er gehört hat, dass ich Schiite bin, hat er nicht mehr mit mir gesprochen“, erinnert sich ein Betreuer. „Damals habe ich mir nichts dabei gedacht“, sagte der Mann nun, „aber im Rückblick sieht man das natürlich anders.“