Altkanzler

Helmut Kohl rechnet ab – „Die Merkel hat keine Ahnung“

In Gesprächen mit seinem Ghostwriter schimpfte Helmut Kohl über seine Weggefährten. Diese Äußerungen sollen jetzt in einem Buch erscheinen. Die Berliner Morgenpost dokumentiert die wichtigsten Zitate.

Sie trafen sich oft, 105 Mal, zwischen dem 12. März 2001 und dem 27. Oktober 2002, sprachen mehr als 600 Stunden miteinander, und in dieser Zeit hat Helmut Kohl seine Wut einfach mal herausgelassen. Es war wahrscheinlich eine schwere Zeit für den Altkanzler. 1998 hatte er die Bundestagswahl gegen Gerhard Schröder (SPD) verloren. 2000 folgte die CDU-Spendenaffäre. Und am 5. Juli 2001 nahm sich seine Frau Hannelore das Leben.

Helmut Kohl glaubte nicht, dass der Inhalt der Gespräche an die Öffentlichkeit gelangen würde. Er vertraute dem WDR-Journalisten Heribert Schwan, der seine Memoiren schrieb. Doch 2009 kam es zum Bruch. Schwan stritt sich mit Kohls neuer Frau Maike Kohl-Richter. Und bekam einen Brief von Kohls Anwalt: Man wollte künftig auf seine Dienste verzichten.

Schwan sagt: Kohl hat mir das erlaubt

Doch Schwan war noch im Besitz der Interviewbänder. 2012 kündigte der Ghostwriter an: Ich schreibe eine eigene Kohl-Biografie – und verwende dabei die Tonbänder. Kohl, zu diesem Zeitpunkt wegen eines Sturzes gesundheitlich bereits schwer angeschlagen, klagte. Im Dezember 2013 bekam er vom Landgericht Köln recht. Schwan übergab die Bänder, doch seine Schwester hatte die Interviews längst abgetippt. Schwan hat Revision in Karlsruhe eingelegt, wahrscheinlich wird der Streit vor dem Bundesgerichtshof landen. Er behauptet: Kohl hat mir erlaubt, die Zitate zu verwenden.

Trotz allem kommen die Kohl-Zitate jetzt schon ans Licht. Der „Spiegel“ druckt sie, und in dieser Woche erscheint ein Buch von Schwan und seinem Co-Autor Tilman Jens. Es heißt: „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“. Kohl geht laut „Focus“ gegen Schwan vor, beauftragte seine Anwälte, die Veröffentlichung des Buches beim Heyne Verlag zu stoppen.

Kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls

Es gibt dem Ganzen schon eine besondere Note, dass diese Zitate gerade jetzt auftauchen, nur ein paar Wochen bevor Deutschland den 25. Jahrestag des Mauerfalls feiern wird. Der Kanzler der Einheit schimpft im vertraulichen Gespräch mit seinem Ghostwriter nicht nur über seine Parteifreunde, etwa Richard von Weizsäcker, Norbert Blüm oder Wolfgang Schäuble. Er urteilt auch über die DDR-Demonstranten der Jahre 1989/90. Und über Angela Merkel, „Kohls Mädchen“, die Ostdeutsche, die er 1991 in sein Kabinett holte und die heute Bundeskanzlerin ist. Die Berliner Morgenpost dokumentiert die wichtigsten Zitate:

Über die Bedeutung der Montagsdemonstrationen 1989/90 in der DDR und Wolfgang Thierse (SPD), früher Bundestagspräsident

„Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.“ Die Vorstellung, die Revolutionäre im Osten hätten in erster Linie den Zusammenbruch des Regimes erkämpft, sei dem „Volkshochschulhirn von Thierse“ entsprungen.

Über Michail Gorbatschow, früher sowjetischer Staatschef

„Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte. Und wenn er den Kommunismus erhalten wollte, musste er ihn reformieren, so kam ja die Idee mit der Perestroika. Von Gorbatschow bleibt übrig, dass er den Kommunismus abgelöst hat, zum Teil wider Willen, aber de facto hat er ihn abgelöst. Ohne Gewalt. Ohne Blutvergießen. Sehr viel mehr, was wirklich bleibt, fällt mir nicht ein.“ Gorbatschow sei „gescheitert“.

Über Angela Merkel, heute Bundeskanzlerin und damals CDU-Chefin

„Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.“

Über Angela Merkel und Friedrich Merz, früher Unions-Fraktionschef

„Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind.“

Über Hans-Dietrich Genscher, früher Außenminister

„Wenn ich vor vier Jahren gestorben wäre, wäre heute ganz klar, dass Hans-Dietrich Genscher die deutsche Einheit gemacht hätte, unterstützt von Weizsäcker und einer ganzen Gruppe.“

Über Richard von Weizsäcker, früher Bundespräsident

„Natürlich wagte er es nicht, dies in irgendeiner Form offen zu bekennen, das hätte nicht seiner Art entsprochen. Doch am wärmenden offenen Kamin im Bundespräsidialamt war er Ratgeber für diejenigen, denen es um meinen Sturz ging.“ Und: „Mir war klar, dass Richard sich selbst für den Klügsten, Besten und Allermoralischsten hält. Nie hat er einen Zweifel aufkommen lassen, dass er einer der bedeutendsten Männer der Gegenwart war. Und dass sonst im Prinzip nur Dummköpfe unterwegs sind. Dass er auch den Kanzler gemacht hätte, versteht sich.“

Über Norbert Blüm, früher Bundesarbeitsminister

„Da muss bei Blüm das Wort rein: Verräter. In irgendeiner Form.“ Und: „Im Lichte der Ereignisse frage ich mich heute, wie ich mich so in seinem Charakter täuschen konnte.“

Über Christian Wulff (CDU), damals Oppositionsführer in Niedersachsen, später Bundespräsident

„Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null. Er hat nur Pech.“

Über Wolfgang Schäuble, damals CDU-Vorsitzender, heute Bundesfinanzminister

„Der Schäuble ist ein ganz anderer Fall. Das muss man subtiler machen. Das kann man nicht in drei Sätzen machen. Bei Schäuble will ich einfach schildern, wie sehr ich auf ihn gebaut habe, wie ich ihm vertraut habe und und und. Dann meinen großen Respekt auch mit Blick auf die Art, wie er das schwierige Leben gemeistert hat und meistert mit dem Unfall.“ Den Rollstuhl, den Schäuble seit dem Attentat vom 12. Oktober 1990 braucht, nannte Kohl „das Wägelchen“. Und: „Dass Schäuble mein Nachfolger werden solle, darüber habe ich oft mit ihm gesprochen. Er hat gewusst, wie oft ich ihn leidenschaftlich verteidigt und auch öffentlich gesagt habe, dass er das kann. Diese Meinung ist aus allen Poren gequollen.“ In der Autobiografie müsse herausgestellt werden, dass Schäuble, „ob durch Unfähigkeit oder Absicht in der Spendengeschichte alle Feinde eingeladen hat zu diesem Vernichtungsfeldzug, der ihn dann selbst mitgerissen hat. Doch, das kann man schon machen.“

Über Franz Josef Strauß, früher CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern

„Er war ein origineller Denker. Er war keine Reproduktionsnatur, sondern stand auf eigenen Füßen, mit eigener Statur.“