EU-Parlament

Das neue Leben des AfD-Abgeordneten Hans-Olaf Henkel

Hans-Olaf Henkel ist frisch gewählter EU-Abgeordneter. Als solcher fährt er demonstrativ zweiter Klasse, fliegt in der Economy und schimpft die Tagespauschale für Parlamentarier „einen Skandal“.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Plötzlich steht Hans-Olaf Henkel in der Tür des fensterlosen Besprechungsraums in einem Seitentrakt des Europäischen Parlaments. Müde sieht er aus, der frisch gewählte Europa-Abgeordnete der Alternative für Deutschland (AfD). Als hätte der Marsch durch die endlosen Gänge des Glaspalastes und die Suche nach dem richtigen Raum den 74-Jährigen angestrengt. Aber er erscheint überpünktlich.

„Das lernt man in der Industrie und verlernt es hier ganz schnell wieder“, sagt Henkel. Der frühere Europa-Chef des Computerriesen IBM, Präsident des Bundes der Deutschen Industrie und Chef der Leibniz-Gemeinschaft hat ein neues Leben als Politiker begonnen. Und das ausgerechnet in Brüssel, wo seine Euro-kritische Partei einen Hort von Bürokratie und ungerechtfertigter Einflussnahme auf die Angelegenheiten der Staaten und Regionen vermutet.

In seinen ersten Wochen kann sich der einstige Industrieboss kaum retten vor Anfragen, Anregungen und Gesprächswünschen, berichtet Henkel und verdreht die Augen. Vor allem Lobbyisten wollten ihn treffen, auch weil er für seine Europa-kritische Fraktion der European Conservatives and Reformists (ECR) das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden im einflussreichen Industrie-Ausschuss übernommen hat. Gemieden wie in der deutschen Politik wird die AfD in Brüssel nicht, hier hat man Erfahrung mit Außenseitern und Europa-Skeptikern. Die meisten Schreiben schmeißt er eigenhändig in den Papierkorb. Einen Assistenten hat er noch nicht angestellt. Was er aber liest, verwundert ihn.

Bisweilen listen ihm die Interessenvertreter haarklein auf, was er zu fragen hat im Ausschuss. Als ob ein Politiker das so übernehmen würde. „Die Lobbyisten sind so naiv“, hat Henkel festgestellt. In Brüssel werde viel Geld verbrannt, auch das der Aktionäre“, sagt der frühere Manager. Und diese Vertretungen der deutschen Bundesländer in Brüssel, das sei doch „grotesk“.

Der Euro sei für Südeuropa zu stark und für Deutschland zu schwach

Überhaupt, dieses Brüssel. „Wir sind hier, um etwas zu verändern“, sagt der stellvertretende Sprecher der AfD, dessen Vorsitzender Bernd Lucke mit fünf weiteren Parteifreunden ebenfalls im Mai ins EU-Parlament gewählt wurde. Gleichzeitig hat Henkel Sorge, dass ihn der Betrieb aufsaugt, dass er bald normal finden könnte, was ihn heute noch erregt. Dass 27 Kommissare einzeln angehört werden, die Kommission dann aber nur im Paket gewählt wird, hält er für „Sippenhaft“. Ohnehin wäre es besser gewesen, nicht mehr jedem EU-Staat einen Kommissar zu geben.

Dass jeder Abgeordnete 304 Euro pauschal als Tagesgeld erhält und „steuerfrei“ behalten darf, was er nicht für Kost und Logis in Brüssel und Straßburg ausgibt, hält er für „einen Skandal“. Seine 1.-Klasse-Bahncard hat er zurückgegeben, fährt jetzt zweite, im Flieger sitzt er Economy. „Ich genieße es, an all den Abgeordneten in der Business-Class vorbeizugehen und guten Morgen zu wünschen“, beschreibt er die kleinen Triumphe des Neu-Politikers über jene Kaste, die er als „geschmeidig“ und „redegewandt“ charakterisiert. Unter guten Vorsätzen passiere in Brüssel oft etwas ziemlich Schräges.

Er erinnert sich an Diskussionen in seinem Ausschuss. Da sei die Deindustrialisierung beklagt worden. Die gebe es aber vor allem in Südeuropa, sagt Henkel und ist beim Leib- und Magen-Thema der AfD angekommen, denn die Fabriken im Süden der Union hätten unter dem starken Euro besonders zu leiden. Der Euro sei für Italiener, Spanier und Franzosen zu stark und für Deutschland zu weich, so seine These. Und über die Jugendarbeitslosigkeit werde gejammert, mit Milliarden wollen die Brüsseler Politiker gegensteuern. „Als ob Ausgabenprogramme Jobs schaffen könnten“, wundert sich der frühere Deutsche Industriemanager.

Henkel bemängelt „Rechtstypen und Ehrgeizlinge“ in seiner Partei

Vielfach staunt er über die detailverliebtheit Brüsseler Vorgaben, die dann niemand mehr in Frage stelle. So solle 2030 die Hälfte der Handelsumsätze über das Internet laufen. Denkt einer darüber nach, was das für den Einzelhandel und die Innenstädte bedeuten würde, fragt Henkel? Ihm geht es um die Frage, „wo möchte ich mehr, wo weniger Europa“, weist er den Vorwurf der Europa-Feindlichkeit weit von sich. Während sein Parteivorsitzender Lucke wohl bei der nächsten Wahl für den Bundestag kandidieren wird, schon allein um ein besseres Auge auf seine junge Partei und die vielen „“Rechtstypen und Ehrgeizlinge“ im Zaum zu halten, die der Erfolg die AfD gespült habe, will Hans-Olaf Henkel fünf Jahre durchhalten in Europa. In seinem Leben habe er noch nie leichte Aufgaben übernommen, sagt der 74-Jährige. In Brüssel hat er sich schon mal eine Wohnung gekauft.

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