NSU-Prozess

Kölner Sprengstoffanschlag hätte jeden treffen können

Das NSU-Terrortrio soll vor Weihnachten 2000 einen Sprengsatz in einer Christstollendose in einem Laden deponiert haben. Eine 19-jährige Deutsch-Iranerin wurde schwer verletzt.

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Der mutmaßliche NSU-Sprengsatz in der Kölner Probsteigasse hätte töten können - wenn jemand in unmittelbarer Nähe von Schrapnellen getroffen worden wäre. Das erklärte ein Sprengstoffexperte vom nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf am Dienstag im NSU-Prozess in München. Er verwies darauf, dass Metallsplitter durch die Wucht der Explosion mehrere Meter weit geschleudert wurden. Diese Schrapnelle wogen zwischen einigen wenigen Gramm bis hin zu einem halben Kilo.

Warum die Polizei damals keine Mordkommission gebildet habe, wollte Edith Lunnebach, eine der Nebenklageanwältinnen der Kölner Anschlagsopfer von dem Experten wissen. Das könne er nicht sagen, so der LKA-Beamte. Er habe die Folgen der Explosion und den Sprengsatz untersucht. Für die Ermittlungen in dem Fall sei das Polizeipräsidium Köln zuständig gewesen.

Die Aussagen verfolgten am Dienstag im Gericht auch das damalige Anschlagsopfer und weitere Angehörige ihrer Familie. Mashia wird bereits am Mittwoch ihre Aussage machen, erklärte Richter Manfred Götz zum Ende des Verhandlungstages.

Der Sprengsatz lag in einer Christstollendose

Bei der Explosion am 19. Januar 2001 war die damals 19-jährige Gymnasiastin iranischer Herkunft mit deutschem Pass schwer im Gesicht verbrannt worden. Ärzte hatten aus dem Anschlagsopfer mindestens acht Holzsplitter geborgen, die offenbar von einem Weidenkorb stammten. Der LKA-Experte zeigte dem Gericht Fotos der Kleidung des Mädchens. Ihre Jacke und auch ihr Pullover hatten weitere Holzsplitter abgefangen. Ihre Unterwäsche zeigte Blutspuren von Verletzungen.

Der Sprengsatz lag in einer Christstollendose. Diese hatte ein Mann wenige Tage vor Weihnachten 2000 in dem Geschäft samt eines Geschenkkorbs hinterlassen. Der mutmaßliche Attentäter hatte damals angegeben, sein Geld vergessen zu haben und wollte den Geschenkkorb kurz darauf abholen und seine Einkäufe bezahlen.

Dieser mutmaßliche NSU-Sprengsatz zeigt, wie perfide die Täter vorgegangen sind. Die Bombe wird unmittelbar vor Weihnachten in dem Lebensmittelgeschäft platziert. Sicherlich hofften die Bombenleger auf eine Explosion mit tragischen Folgen noch vor den Feiertagen. Dass die aus dem Iran stammenden Ladenbetreiber den hinterlassenen Geschenkkorb samt Christstollendose über Wochen aufgehoben haben, in der Hoffnung, der Besitzer würde diesen noch abholen, war sicherlich nicht geplant gewesen.

Es hätte jeden treffen können

Am 19. Januar schaute Mashia in die rote Dose mit weißen Sternen. Kurz darauf zündete der Sprengsatz. Der LKA-Experte geht davon aus, dass ein Abreißzünder installiert wurde, der beim Öffnen ausgelöst hat. Eine am Tatort gefundene Nylonschnur deute darauf hin. Die Kölner Ermittler konnten den Fall aber nicht lösen.

Der damalige Ermittlungsleiter, ein heute im Ruhestand befindlicher Kriminalhauptkommissar, räumte vor Gericht ein, dass es nie gelungen sei, ein Motiv für die Tat zu finden. Der Ablauf sei ungewöhnlich gewesen. Der Korb wäre immerhin vier Wochen vor der Explosion abgegeben worden, und es hätte jeden treffen können, so der pensionierte Polizist. „An welches Täterprofil haben sie damals gedacht?“, fragte Anwältin Lunnebach. „Wir haben gar nicht gedacht“, kam als Antwort.

„Ich hätte an Ausländerfeindlichkeit gedacht“, reagiert die Anwältin verärgert. Auf weitere ihrer Nachfragen verteidigte der 65-jährige, dass in seiner Verantwortung damals nicht nach politischen Motiven gesucht wurde. Dafür sei der polizeiliche Staatsschutz zuständig gewesen, betonte der Zeuge. Dieser habe eine Aktenkopie der Ermittlungen erhalten.

Beweisstücke existieren nicht mehr

Kontakt zum Verfassungsschutz wegen des Falls will der Ermittlungsleiter auch nicht aufgenommen haben. Auf eine weitere Frage von Lunnebach, welche Tätergruppierungen für den Anschlag denn denkbar gewesen wären, erklärt der Zeuge, dass es sowohl Rechtsextremisten wie auch Linksextremisten gewesen sein könnten, aber auch der iranische Hintergrund der Familie als Motiv denkbar gewesen wäre.

Die Anwältin bezweifelt Linksextremisten als mögliche Täter. An diesem Punkt der Befragung beanstandet Wolfgang Stahl, einer der Verteidiger von Beate Zschäpe, die Art der Befragung als „politisches Seminar“. Der 65-jährige Beamte betonte danach erneut, dass seine Ermittlergruppe nicht im Bereich politisch motivierter Straftaten nach möglichen Tätern gesucht habe. „Dafür fehlte uns das Wissen“, erklärte er.

Die Ermittlungen verliefen sich etwa sechs Monate nach dem Anschlag, als ein Verdächtiger sich als unschuldig erwiesen hatte. Sechs Jahre später verfügte die Staatsanwaltschaft Köln das Vernichten der Asservate. 2001 konnten die Ermittler keine Fingerabdrücke an den Rückständen der Explosion finden. Nach DNA-Spuren sei gesucht worden, sagte der LKA-Experte dem Gericht. Eine erneute Überprüfung ist nicht möglich, da die Beweisstücke nicht mehr existieren.

NSU soll zwei Anschläge in Köln verübt haben

Laut Anklage soll damals entweder Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt den Sprengsatz in dem Geschäft hinterlassen haben. Dem im NSU-Prozess Mitangeklagten André E. wirft die Bundesanwaltschaft vor, für den Tatzeitraum des Platzierens der Bombe zwischen dem 19. und dem 21. Dezember 2000 ein Wohnmobil angemietet zu haben.

Der Sprengstoffanschlag von 2001 ist einer von zwei Anschlägen in Köln, die vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) begangen worden sein sollen. Vor zehn Jahren am 9. Juni 2004 explodierte in der Keupstraße eine Nagelbombe. Mehr als 20 Menschen erlitten teils lebensgefährliche Verletzungen.