NSU-Prozess

Zeuge Jürgen H. bestätigt Ausländerhass von Uwe Böhnhardt

Am Montag sagte vor Gericht ein wichtiger Zeuge im NSU-Prozess aus: Jürgen H. kannte viele Angeklagte und hielt Kontakt zu den Flüchtigen. Weitere Details der Ermittlungen wurden auch bekannt.

Foto: Peter Kneffel / dpa

„Böhnhardt wäre auch bereit gewesen, Waffen gegen Ausländer einzusetzen. Das denke ich nicht erst seit heute, das war bereits damals die Meinung über ihn.“ Jürgen H. druckste Montagnachmittag vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts in München lange herum, bis er sich so deutlich äußerte. Allerdings habe er in den 1990-er Jahren nie an Debatten zur Gewaltbereitschaft in der rechtsextremen Szene von Jena teilgenommen, räumt der heute 38-Jährige zugleich ein.

Der Mann aus der rechtsextremen Szene ist ein wichtiger Zeuge im NSU-Prozess. Er war befreundet mit Ralf Wohlleben, dem die Anklage Beihilfe zum Mord in neun Fällen vorwirft. Er kannte den Angeklagten Carsten S., den derselbe Anklagevorwurf in diesem Verfahren trifft. Er zählte Uwe Böhnhardt zu seinen früheren Kumpels, wusste wer Uwe Mundlos und Beate Zschäpe waren, kannte den Angeklagten Holger G.

Auf vier seiner früheren Bekannten aus der Jenaer Neonaziszene traf der 38-Jährige am Montag im Gerichtssaal. Sie saßen auf der Anklagebank. Wohlleben hatte keinen freundlichen Blick für seinen früheren Freund, der ihn belasten könnte. Auch Beate Zschäpe, Hauptangeklagte in diesem Prozess, würdigte den Zeugen kaum eines Blickes. Dabei konnte Jürgen H. über ihre Rolle in der Jenaer Neonazi-Szene und nach dem Abtauchen eher wenig sagen.

Thüringer Verfassungsschutz versuchte, Jürgen H. anzuwerben

Nach der Flucht von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Januar 1998 aus Jena hielt unter anderem Jürgen H. den Kontakt zu den Flüchtigen in der Illegalität. Zumeist per Telefonanrufe über Telefonzellen wurden Treffen vereinbart und Kurierfahrten organisiert. Ganz unbemerkt waren diese Aktivitäten Ermittlern offenbar nicht geblieben. Auch der Thüringer Verfassungsschutz versuchte, den Mann im August 1998 anzuwerben. Wohl ohne Erfolg. Das zweite Treffen will Jürgen H. aufgenommen und danach auch Ralf Wohlleben darüber informiert haben, dass er auf ihn angesetzt werden sollte.

Ende 1999 interessierte sich dann während seines Wehrdienstes der Militärische Abschirmdienst (MAD) für ihn. Den Beamten will der Zeuge damals erzählt haben, dass er das flüchtige Trio weiter unterstützten würde. Und Jürgen H. soll laut MAD-Protokoll die drei damals auf einer „Stufe mit Rechtsterroristen“ gestellt haben, die eine „Veränderung des Staats herbeiführen“ wollten. Er habe das damals „aus Trotz“ gesagt, erklärte sich der Zeuge am Montag, als Richter Manfred Götzl ihm diese Aussagen vorhielt.

Böhnhardt habe die Auffassung vertreten, dass Ausländer nicht nur ausgewiesen werden müssten, sondern dass sie in Konzentrationslagern interniert und am besten vergast werden müssten, hielt der Richter dem Zeugen eine weitere Aussage aus einer damaligen MAD-Befragung vor. „Was sagen sie dazu“, bliebt Götzl unerbittlich. „Ich habe das so angegeben“, räumte der Zeuge ein. „Stimmt das“, wollte der Richter wissen. „Ich würde sagen ja“, erklärte Jürgen H. dem Gericht.

Polizei überwachte heimliches Treffen von NSU-Helfern

Der mit einem grauen Kapuzenshirt gekleidete Mann bestätigte auf Nachfrage der Verteidigung, dass er zwei Kurierfahrten durchgeführt sowie mehrere Telefongespräche für die Flüchtigen entgegen genommen habe. Auf Nachhaken des Zschäpe-Verteidigers Wolfgang Stahl schränkt der Zeuge ein, dass er fast ausschließlich mit Böhnhardt, manchmal mit Mundlos telefoniert habe. Über die Rolle von Beate Zschäpe nach dem Untertauchen konnte er keine Angaben machen.

Ob Jürgen H. 1998 in Jena einem ihm Unbekannten bei einem Treffen im Auftrag von Böhnhardt womöglich eine Pistole in einem Beutel übergeben hat, ließ sich vor Gericht nicht klären. Der Zeuge soll einen Beutel mit etwas „Festem“ darin von Ralf Wohlleben erhalten haben. Dieser soll ihm aber später die Antwort auf die Frage, ob das eine Waffe war, schuldig geblieben sein.

Dafür wurde vor Gericht bekannt, dass ebenfalls 1998 die Polizei ein heimliches Treffen zweier NSU-Helfer und die weitere Übergabe eines Beutels bei Zwickau überwacht hatte. Jürgen H. war einer der beiden Männer. Ermittler des Thüringer LKA hatte ihm 1999 Fotos dieser Überwachung, die offenbar auch von einem Hubschrauber aus gefertigt wurden, vorgelegt. Den Ermittlern war es damals aber offenbar nicht gelungen, diese mögliche Spur zu den Flüchtigen weiter zu verfolgen.

„Weiß ich nicht“ war am Montag der häufigste Satz

Und noch zwei weitere Hinweise auf Unterstützer des Trios konnten die Ermittler nicht in einen Erfolg ummünzen. Etwa zweieinhalb Monate nach dem Untertauchen sollen bei zwei Anrufen von Jürgen H. Hinweise an Ralf Wohlleben für mögliche Treffen und Kontakte auf dessen Anrufbeantworter gesprochen worden sein. Die Polizei hatte damals das Telefon des Zeugen überwacht. Eines der Gespräche kam offenbar aus der Schweiz von einer Telefonzelle. Der Anrufer soll Uwe Mundlos gewesen sein.

„Weiß ich nicht“ war am Montag der häufigste Satz des 38-Jährigen vor Gericht. Sein Auftritt ist mit „maulfaul“ noch freundlich umschrieben. Richter Götzl forderte den Mann gleich zu Beginn seiner Befragung auf, doch bitte in ganzen Sätzen zu antworten. Das sei auch ein Gebot der Höflichkeit. Trotzdem warf ihm der Zeuge häufig nur einzelne Worte oder Satzfragmente hin.

Mehrfach bestritt der 38-Jährige vor Gericht, in der damaligen Zeit etwas von Waffenlieferungen an das flüchtige Trio mitbekommen zu haben. Als Götzl sich erkundigte, bei wem damals in Jena Schusswaffen illegal zu bekommen gewesen wären, fiel dem Zeugen spontan nur der rechtsextreme Szeneladen „Madley“ ein. Über einen der Betreiber dieses Ladens soll die spätere Pistole für die neun fremdenfeindlichen Morde beschafft worden sein, die mit dem NSU in der Anklage in Verbindung gebracht werden.