Plakataktion

Bis zu 25.000 Euro für Hinweise auf letzte Nazi-Verbrecher

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum startete eine Plakatkampagne in Berlin. Sie ist ein Aufruf, noch lebende Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen. Doch es gibt Kritik am 25.000-Euro-Kopfgeld.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Im Rollstuhl und mit einer übergeworfenen hellblauen Decke auf dem Schoss. So erschien John Demjanjuk zum Prozessauftakt im Schwurgerichtssaal des Münchner Landgerichts II im November 2009. Den Kopf hielt der damals 89-Jährige an die Nackenstütze gelehnt, seine Augen waren geschlossen, sein Mund geöffnet.

„Betrachtet diese Menschen nicht wie ältere, kränkliche Männer“, sagte Efraim Zuroff beschwörend am Dienstag, fast vier Jahre später. „Diese Leute machen es sich zur Aufgabe so alt und schwach wie möglich auszusehen, damit die Öffentlichkeit meint, es sei eine Zeitverschwendung sie vor Gericht zu bringen“.

Demjanjuk, ein einstiger Wachmann im Vernichtungslager Sobibór, wurde im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord in 28.060 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Circa ein Jahr später, am 17. März 2012, starb der gebürtige Ukrainer im Alter von 91 Jahren in einem bayerischen Pflegeheim. „Demjanjuks Verurteilung war für uns ein Wendepunkt“, sagte der Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers (SWC) in Jerusalem, Zuroff.

Es war das erste Mal seit den 60er-Jahren, dass in Deutschland ein Nazi-Helfer verurteilt wurde, ohne dass ihm eine konkrete Straftat gegenüber einem bestimmten Opfer zugeschrieben werden konnte. Trotzdem bescheinigte das Gericht Demjanjuk, „Teil der Vernichtungsmaschinerie“ gewesen zu sein. Damit war ein Präzedenzfall und der Ausgangspunkt für die am Dienstag gestartete Fahndungsaktion „Operation Last Chance II“ geschaffen.

Jeweils 500 Plakate in Köln und Hamburg sowie 1000 in Berlin ließ das SWC mit Unterstützung des Unternehmen Wall AG aushängen. Die Poster zeigen die Zugeinfahrt des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau in Schwarz-Weiß auf rotem Hintergrund. „Spät – aber nicht zu spät“, steht darunter. Und weiter: „Millionen Unschuldiger wurden von Nazi-Kriegsverbrechern ermordet. Einige der Täter sind frei und am leben!“

Fortgeschrittenes Alter kein Grund zu Mitleid

Die Aktion ist ein Aufruf an die Gesellschaft, dem Zentrum und Zuroff – der Initiator der Kampagne ist und als „letzter Nazi-Jäger“ bezeichnet wird – zu helfen, diese Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen. Für sachdienliche Hinweise stellt das SWC bis zu 25.000 Euro Belohnung in Aussicht.

Das Ende vom Zweiten Weltkrieg liegt 68 Jahre zurück. Die noch lebenden, unbekannten Nazi-Verbrecher in Deutschland dürften daher um die 90 Jahre oder noch älter sein. Der Holocaust-Historiker schätzt ihre Zahl auf 60 bis 120. Ihr fortgeschrittenes Alter sei aber kein Grund zu Mitleid, so Zuroff. „Diese Menschen sind die letzten die Mitleid verdienen, denn sie hatten kein Mitleid für ihre Opfer“.

Andere kritisieren die Aktion. Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn lehnt ein solches „ausgeschriebenes Kopfgeld“ als „pietätlos und schamlos“ ab, sagte er am Dienstag dem Deutschlandradio Kultur. Zudem sei ein Aufwiegen der NS-Verbrechen mit Zahlen absurd. Viel wichtiger sei, dass eine solide, intensive Aufarbeitung der NS-Verbrechen weitergehe, forderte Wolffsohn. Die Plakataktion ruft nach Einschätzung des früheren Professor an der Münchner Bundeswehr-Universität eher Mitleid mit den betagten Kriegsverbrechern hervor. Ähnlich sei dies auch im Prozess gegen den früheren KZ-Aufseher Demjanjuk der Fall gewesen.

Zuroff war beim Prozessauftakt in München anwesend. „Natürlich hat man irgendwann Mitleid. Aber man muss diese Gefühle beiseite schieben und die Täter für ihre Verbrechen bestrafen“. In der kurzen Zeit seit die Posteraktion und das Belohnungsgeld bekannt gegeben wurden sei die Resonanz vielversprechend gewesen. Jeder einzelne Hinweis werde von Historikern und Rechercheuren geprüft, um dann die verifizierten Informationen an die deutschen Ermittlungsbehörden zu übergeben. Jede Festnahme gebe Zuroff neue Hoffnung, zum Beispiel das Auffinden von László Csatáry und seine Anklage, die „zu hundert Prozent der Erfolg der Operation Last Chance“ waren, sagt Zuroff.