Kampagnenstart

Letzte Nazi-Verbrecher werden mit Plakaten gesucht

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat in Berlin eine Plakat-Kampagne zur Suche nach den letzten überlebenden Nazi-Verbrechern in Deutschland gestartet. Es sind Belohnungen bis zu 25.000 Euro ausgesetzt.

Foto: JOHANNES EISELE / AFP

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum sucht mit Hilfe von Plakaten nach noch lebenden Nazi-Kriegsverbrechern in Deutschland. Die Aktion wurde am Dienstag in Berlin gestartet. Die ersten Plakate sind bereits in der Stadt zu sehen.

Unter dem Motto „Spät. Aber nicht zu spät! Operation Last Chance II“ sollen mit Hilfe der Wall AG außer in Berlin auch in Hamburg und Köln insgesamt 2000 Plakate geklebt werden. Für sachdienliche Informationen ist eine Belohnung von bis zu 25.000 Euro ausgesetzt.

Unter dem Motto „Spät. Aber nicht zu spät! Operation Last Chance II“ appellieren die Aufrufe an die Bevölkerung: „Einige der Täter sind frei und am Leben! Helfen Sie uns, diese vor Gericht zu bringen.“

Es sei jetzt in Deutschland leichter geworden, Nazi-Verbrecher aufzuspüren, sagte der Initiator der Kampagne, Efraim Zuroff, beim Auftakt am Potsdamer Platz in Berlin. Nach der Verurteilung von Iwan Demjanjuk in München 2011 habe sich die Rechtslage geändert.

Jetzt genüge der Nachweis, dass Menschen in Vernichtungslagern und mobilen Mordkommandos Dienst getan hätten. Vorher habe jedem ein spezifisches Verbrechen an einem bestimmten Menschen nachgewiesen werden müssen.

Zuroff schätzte die Zahl der noch lebenden Nazi-Verbrecher in Deutschland auf 60 bis 120. Die Gesuchten sind vermutlich um die 90 Jahre alt oder noch älter.

Zentralrat der Juden in Deutschland befürwortet die Aktion

Der Zentralrat der Juden in Deutschland befürwortet die Aktion. „Es geht hier schließlich um Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit kennt keine Verfallszeit“, sagte der Präsident des Zentralrates, Dieter Graumann, am Montag. Schließlich bleibe nicht mehr viel Zeit, um die NS-Täter noch zur Rechenschaft zu ziehen.

Graumann kritisierte zugleich, dass in Deutschland viel zu lange gewartet worden sei, um viele der damals Verantwortlichen zu belangen. „Leider hat es in der Nachkriegsjustiz hier schwere und schwerste Versäumnisse gegeben. Viel zu oft wurde weggeschaut, um zu viele Verbrecher erst überhaupt gar nicht anklagen zu müssen.“

Doch „besser spät als gar nicht“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das Signal sei wichtig: „Unmenschliches Verhalten darf niemals unbestraft bleiben.“

Historiker Wolffsohn kritisiert Aktion des Wiesenthal-Zentrums

Kritik kommt an der Aktion hingegen von dem deutsch-israelischen Historiker Michael Wolffsohn. Ein damit verbundenes „Kopfgeld“ für Nazi-Verbrecher sei geschmacklos, sagte er am Dienstag im Berliner Deutschlandradio Kultur. Viel wichtiger sei es, dass eine solide und intensive Aufarbeitung der NS-Verbrechen weitergehe.

Wolffsohn fügte hinzu, die Plakataktion „Spät. Aber nicht zu spät!“ bringe überhaupt nichts, sondern rufe eher Mitleid mit den betagten Kriegsverbrechern hervor. Ähnlich sei dies auch im Prozess gegen Demjanjuk der Fall gewesen, kritisierte der frühere Professor an der Münchner Bundeswehr-Universität scharf. Zudem sei ein Aufwiegen der NS-Verbrechen mit Zahlen absurd. „Ich finde es geradezu pietätlos und schamlos: 25.000 Euro für Schwerstverbrecher“, so Wolffsohn. Mit einer moralisch intensiven Aufarbeitung habe das nichts zu tun. „Ich finde das Ganze geschmacklos.“

Benannt ist das Simon-Wiesenthal-Zentrum nach dem als „Nazi-Jäger“ bekannten österreichischen Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal (1908-2005).