Kriminalstatistik

Berlin gehört zu den gefährlichsten Städten

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Martin Lutz

Unter Deutschlands Großstädten ist zwar Frankfurt/Main mit Blick auf die Kriminalität die gefährlichste Stadt. Doch Berlin folgt mit 14.144 Straftaten auf 100.000 Einwohner auf Platz vier.

Der Trost für die Berliner ist schwach: Unter Deutschlands Großstädten ist Frankfurt am Main mit Blick auf die Kriminalität die gefährlichste Stadt Deutschlands. Berlin, als Stadt betrachtet, liegt mit 14.144 Taten dagegen hinter Düsseldorf und Köln erst auf Platz vier. Dies jedoch ist alles andere als ein Grund zu jubeln. Denn verändert man die Bezugsgröße und vergleicht nicht Städte, sondern Bundesländer miteinander, fällt das Ergebnis für den Stadtstaat Berlin desaströs aus: Denn dann liegt Berlin unangefochten an der Spitze der Straftaten.

Neben den anderen beiden Stadtstaaten Bremen und Hamburg schneidet auch Nordrhein-Westfalen schlecht ab. Bayern hingegen erzielt nicht nur für München mit 7153 Straftaten auf 100.000 Einwohner den besten Wert, sondern erreicht auch als Land insgesamt Bestwerte: Lediglich 4977 Straftaten wurden hier je 100.000 Einwohner registriert. Damit spielt der Freistaat in punkto Sicherheit erneut den Musterknaben.

Gesamtzahl steigt minimal

Die Zahlen verdeutlichen einmal mehr ein erhebliches regionales Gefälle in der Verteilung von Kriminalität. Der Tatort Deutschland sieht höchst unterschiedlich aus. Die Zahlen stehen in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2012, die Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) an diesem Mittwoch in Berlin vorstellen will. Für den Ressortchef ist der Termin das wichtigste Datum des Jahres. Laut dem 70 Seiten umfassenden Dossier, das der Berliner Morgenpost schon jetzt vorliegt, hat die Polizei im vergangenen Jahr bundesweit insgesamt exakt 5.997.040 Straftaten erfasst. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das eine minimale Steigerung um 0,1 Prozent. Zugleich sank die Aufklärungsquote geringfügig auf 54,4 Prozent.

Die Gesamtkriminalität stagniert also in Deutschland. Den größten Anteil daran haben auch in diesem Jahr wieder die Diebstahldelikte mit 39,7 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies eine Abnahme um ein Prozent auf 2,37 Millionen. Diese Verbrechen werden der Polizei in einem hohen Maß durch Anzeigen der Betroffenen bekannt, weil sie die Schäden bei den Versicherungen geltend machen wollen. Insofern gelten solche Zahlen als „härter“ als in anderen Kriminalitätsbereichen, wo das Dunkelfeld wesentlich größer ist. Ein Teil der Straftaten bleibt verborgen. Die Statistik kann die Verbrechenswirklichkeit also nicht vollständig abbilden, zeigt aber die neuesten Trends in der Ermittlung.

Zur Anzeige gebracht wird zum Beispiel meistens Kfz-Diebstahl. Aufgrund verbesserter Sicherheitssysteme wurden deutlich weniger Autos gestohlen. Genau 29.483 Fälle hat die Polizei registriert, was einen Rückgang um 10,6 Prozent bedeutet. Außerdem gab es 6,1 Prozent weniger Ladendiebstähle (361.759). Der Fahrraddiebstahl bewegt sich hingegen mit 326.159 Fällen weiterhin auf einem hohen Niveau, er nahm nur um 0,8 Prozent ab.

Konjunktur hat vor allem der Wohnungseinbruchdiebstahl. Er ist um 8,7 Prozent auf 144.117 Fälle in die Höhe geschnellt. Die Zahlen gehen schon seit 2009 kontinuierlich nach oben. Bezogen auf dieses Jahr beträgt die Steigerungsrate fast 30 Prozent. Blickt man in die Länderstatistiken, hat Niedersachsen die höchsten Zuwachsraten mit einen Anstieg um 24 Prozent im vergangenen Jahr.

Deutlich über dem Bundesschnitt liegen auch Brandenburg (plus 17 Prozent) sowie die Stadtstaaten Berlin (11,7 Prozent) und Hamburg (plus 9,4 Prozent). Aber auch vor Bayern (plus neun Prozent) machte dieser Trend nicht Halt, denn in dem wohlhabenden Land ist etwas zu holen.

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Aufklärungsquote erschreckend niedrig

Gleichzeitig ist die Aufklärungsquote beim Einbruchdiebstahl mit 15,7 Prozent erschreckend niedrig. Genauso wie das Risiko, erwischt zu werden. Mehr als 80 Prozent der Diebe bleiben unerkannt. Das wissen die Einbrecher, und deshalb werden sie auch immer dreister. Ermittler beobachten bei einem Teil der Täter eine neue Brutalität. Manche Opfer werden geknebelt, gefesselt und geschlagen. Sie leiden oft noch Monate später an Panikattacken, Schlaflosigkeit oder chronischer Nervosität. Das ist für viele Geschädigte wesentlich schwerwiegender als der materielle Schaden, der vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf durchschnittlich 3300 Euro pro Einbruch beziffert wird. Der Gesamtschaden in 2012 beläuft sich demnach auf 470 Millionen Euro, 50 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

Die Zahlen beim Wohnungseinbruchdiebstahl sind besonders alarmierend. Sie zeigen, dass die Polizei das Eigentum der Bürger kaum noch schützen kann. Mehr Polizei wäre nötig. Doch die Bundesländer tun nicht das, was helfen würde. Im Gegenteil: Vielerorts werden die Einbruchskommissariate personell ausgedünnt. „In einigen Ländern gibt es keine klassische Kripo mehr. Das wissen aber nur die wenigsten. Die Rechnung für diesen Irrsinn zahlen jetzt die Bürger“, sagte André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK).

Auch andere Experten kritisieren die ständig abnehmende Polizeipräsenz. Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) wollen die Länder in den kommenden sieben Jahren bis zu 10.000 Polizeistellen abbauen. Vor allem in Ostdeutschland begründen die Ministerpräsidenten das mit der demografischen Entwicklung. Aus Spargründen setzt mancher Regierungschef ohnehin darauf, dass irgendwann schon die Bundespolizei einspringen wird. Aber vielleicht sind die Missstände dafür noch nicht groß genug.

Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, spricht von einem „vorsätzlich organisierten Politikversagen“. Das Gerede vom schlanken Staat habe einen „schwindsüchtigen Staat“ hervorgebracht. Viele Länder hätten in „skandalöser Weise“ Personal in den Einbruchskommissariaten eingespart. Tausende von wichtigen DNA-Spuren würden deshalb einfach liegen bleiben. „In Berlin waren das allein in Berlin mehr als 8000 DNA-Proben. Eine Auswertung solcher Spuren müssen die Einbrecher also gar nicht fürchten“, klagt Wendt. Der Grund sei, dass die Beamten Prioritäten setzen müssten. Gezwungenermaßen würden sie zuerst die schweren Delikte wie Mord und Totschlag bearbeiten, danach solche wie den Wohnungseinbruchdiebstahl.

Top-Thema Einbrüche

Wendt war früher Polizeihauptkommissar in Duisburg und kennt die Praxis. Nun fordert er, dass die Innenministerkonferenz (IMK) von Bund und Ländern, die sich ab 22. Mai in Hannover trifft, das Thema Wohnungseinbruch ganz oben auf die Agenda setzt. „Das muss das Top-Thema der Innenministerkonferenz sein, und zwar möglichst ständig“, sagte Wendt. Die IMK hatte hatte allerdings bereits im Februar beschlossen, ein bundesweites „Lagebild“ zu erstellen. Damit sollen nicht mehr bloß Straftaten gezählt werden wie in der Kriminalstatistik, sondern vor allem Reisewege, Spuren und Tatbegehungsweisen aufgedeckt werden.

Die Innenminister erhoffen sich davon, dass sie dann endlich besser koordiniert und länderübergreifend gegen die gut organisierten Diebesbanden vorgehen können. Doch das verhindert momentan noch ein Streit zwischen Bundesinnenminister Friedrich und seinem nordrhein-westfälischen Kollegen Ralf Jäger, dem Sprecher der SPD-Ressortchefs. Der empfindet Friedrichs Vorstoß als Provokation, das Lagebild doch lieber vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden erstellen zu lassen.

Friedrich fühlt sich für das Thema Wohnungseinbruch eigentlich gar nicht zuständig, weil er dies als Aufgabe der Länder ansieht. Im Oktober 2012 hatte er dann trotzdem die Schirmherrschaft der Kampagne „K-Einbruch“ (www.k-einbruch.de) übernommen, die den Bürgern Tipps für den Einbruchschutz gibt. Doch mit solch gut gemeinten Belehrungen lässt sich der Trend zum Wohnungseinbruchdiebstahl nicht stoppen. Die Politik wirkt hilflos.

Sie hätte viel früher aktiv werden müssen, als die Grenzkontrollen an den Binnengrenzen der Europäischen Union aufgehoben wurden. Denn damit begann der beispiellose Raubzug von Banden aus Südosteuropa durch die Wohnungen und Häuser der Deutschen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik spricht etwas umständlich von „nichtdeutschen Tatverdächtigen“. Deren Anteil nahm auch bei der Gesamtkriminalität gegenüber dem Vorjahr zu – um 3,7 Prozent auf gut eine halbe Million. Gleichzeitig ging der Anteil der deutschen Tatverdächtigen um 2,2 Prozent auf knapp 1,6 Millionen zurück.

Warum haben es angesichts dieser Entwicklungen Verbrecher im Freistaat Bayern erheblich schwerer als in den anderen Bundesländern? Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) führt das auf eine Null-Toleranz-Strategie gegen jede Art von Rechtsbruch und eine starke Präsenz der Polizei zurück. „Mehr Polizeipräsenz bringt sehr viel, auch für das Sicherheitsgefühl der Bürger“, sagte Herrmann. Der Freistaat habe 1750 neue Polizeistellen geschaffen und im vergangenen Jahr zusätzlich 350 Stellen für Auszubildende, erklärt der Innenminister nicht ohne Stolz. Trotzdem bereiten aber auch Herrmann einige Deliktsfelder Sorgen. Das sind beispielsweise Straftaten rund um das Internet wie Erpressung und Computersabotage.

Die Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle am Platz der Luftbrücke 5, 12101 Berlin, hilft bei der Wahl von Sicherungssystemen und ist montags von 10 bis 18.30 Uhr und von Dienstag bis Donnerstag zwischen 8 und 15 Uhr geöffnet. Termine können unter 030/4664-979999 vereinbart werden.