FDP-Parteitag

Liberale schalten mit Brüderle und Rösler auf Angriff

Rainer Brüderle ist auf dem FDP-Parteitag zum Spitzenkandidaten gekürt worden. Er gibt schon den Wahlkämpfer und demonstriert Einigkeit mit Philipp Rösler, der am Vortag klar als Chef bestätigt wurde.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Miroslav Klose musste dafür herhalten, die etwas unklare Rolle von Rainer Brüderle in der FDP zu definieren. Auf dem Parteitag der Liberalen in Berlin wurde der Fraktionschef per Akklamation zum Spitzenkandidaten der Liberalen für die Bundestagswahl ausgerufen. Und weil das eine Aufgabe ist, die für die Freidemokraten eigentlich wenig Sinn ergibt – die Zeiten, als ein Jürgen Möllemann in unvergessener Hybris als Kanzlerkandidat firmierte, sind vorbei –, erläuterte Brüderle seine Interpretation des Jobs am Beispiel des deutschen Fußball-Nationalspielers.

Klose, der in Brüderles Heimat, der Pfalz, groß wurde und über die Stationen Kaiserslautern, Bremen und München bei Lazio Rom in Italien landete, hat in seiner Karriere nämlich eines immer ziemlich zuverlässig erledigt: Tore schießen. Und genau das, sagte Brüderle, wolle er für seine Freidemokraten im Wahlkampf auch tun: die Bälle reinmachen, und zwar im „blau-gelben Kampfanzug“.

Brüderle nennt Opposition Fuzzis

Nun ist nicht jeder in der Partei dem Volkssport so zugeneigt wie Brüderle. Weil der als Spitzenkandidat aber „Kopf und Gesicht“ der Liberalen sein soll, fügten sich alle der Metaphorik aus dem Reich des Fußballs. Vor allem eines wurde immer wieder betont: Ab sofort will die FDP als Team auftreten, mit den Führungsstreitigkeiten der vergangenen Monate soll jetzt Schluss sein. Auf das Tor des politischen Gegners soll gespielt werden, nicht mehr auf das eigene.

Mittelstürmer Brüderle jedenfalls ging mit gutem Beispiel voran. „Sie können uns bekloppen oder bewerfen oder sonst was. Aber sie können uns nicht beugen. Wir überlassen nicht diesen Fuzzis, diesen fehlprogrammierten Typen unser Land“, griff er die Opposition frontal an. Seine Zusammenarbeit mit dem alten und neuen Parteivorsitzenden Philipp Rösler lobte er hingegen über den grünen Klee als „eng und vertrauensvoll“. Das war nicht immer so. Bis zur Landtagswahl in Niedersachsen Ende Januar hofften viele in der Partei auf Brüderle als Röslers Nachfolger. Der tat wenig, um diesen Spekulationen Einhalt zu gebieten. Angesichts des überraschend guten Wahlergebnisses von 9,9 Prozent aber schreckte der Fraktionschef vor einem Sturz des Vorsitzenden zurück. Die künftige Aufgabenverteilung beschrieb Brüderle nun so: „Philipp Rösler ist unser Mannschaftskapitän.“

Rösler überrascht

Zur Überraschung vieler Delegierter zeigte sich Rösler dieser Aufgabe auf dem Parteitag gewachsen. Anders als in den vergangenen Monaten gelang ihm ein überzeugender Auftritt. Der Thüringer Bundestagsabgeordnete Patrick Kurth nannte die knapp einstündige Rede „kämpferisch, authentisch, souverän, aber nicht überdreht“. Tatsächlich bot Rösler eine gelungene Mischung: Er lieferte eine programmatische Kursbestimmung in Form einer über Wirtschafts- und Finanzpolitik hinausgehenden thematischen Verbreiterung Richtung Gesellschafts- und Netzpolitik. Er räumte seine Fehler der vergangenen zwei Jahre ein und appellierte an die liberale Überzeugung, dass jemand, der etwas unternimmt, auch mal scheitern darf – wenn er nur in der Lage ist, „wieder aufzustehen, sich zu schütteln wie ein guter Boxer und dann weiterzukämpfen“.

Rösler berührte seine Partei mit sehr persönlich gehaltenen Ausführungen zu seiner Vita als Waise aus Vietnam. „Mein Vater hat sich einmal mit mir vor den Spiegel gestellt und gesagt: Wir sehen unterschiedlich aus. Du kommst aus einem anderen Land. Aber was zählt: Ich bin dein Vater, du bist mein Sohn“, sagte der gerade 40 Jahre alt gewordene Liberale. So sei das eben in Deutschland: „Es war immer egal, wo man hergekommen ist. Entscheidend war, wo man hinwollte. Und was man leistete.“ Deshalb fühle er sich hier zu Hause: „Deutschland ist das coolste Land der Welt.“

Die Union wird etwas geschont

Sogar die Attacken auf den politischen Gegner gelangen ihm besser als dem in dieser Disziplin ansonsten besser geschulten Brüderle. So grenzte Rösler die Liberalen gekonnt von den Grünen ab. „Die Grünen sind längst zum Sinnbild des Obrigkeitsstaates geworden“, rief er in den Saal. „Früher kam der Obrigkeitsstaat mit Pickelmütze, heute kommt er auf Birkenstock-Sandalen angeschlichen.“ Auch die SPD wolle Verbote und eine „Steuererhöhungsorgie“. Das sei unseriös. „Die Schulden in Deutschland haben zwei Farben“, sagte Rösler: „Rot und Grün.“

Auch die Union nahm er ins Gebet, allerdings etwas zurückhaltender. Die FDP werde dafür sorgen, dass der Koalitionspartner im Kampf gegen Steuererhöhungen nicht umfalle. Und er forderte Bewegung in der Frage der Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften: „Es geht um gleiche Rechte, und die fordern wir auch ein von unserem Koalitionspartner – nicht erst im Juli, sondern jetzt“, sagte Rösler.

Lindner bekommt weniger Zustimmung

Gestützt wurde der Vizekanzler nicht nur durch seine Wiederwahl zum Vorsitzenden mit 85,7 Prozent, sondern auch durch die deutliche Distanz zu den anderen Wahlergebnissen. Vor allem das Resultat von Christian Lindner war mit Spannung erwartet worden. Der Landesvorsitzende aus Nordrhein-Westfalen hatte Rösler im Dezember 2011 die Zusammenarbeit als Generalsekretär aufgekündigt und trat nun als stellvertretender Parteichef an. Obwohl er von vielen Delegierten insgeheim als künftiger Vorsitzender gehandelt wird, erhielt er nur 77,8 Prozent der Stimmen. Lindner nahm das sportlich, versprach Teamplay – und griff Brüderles Fußballrhetorik auf. Aus dem „offensiven Mittelfeld“ wolle er den Stürmer im Wahlkampf mit thematischen Vorlagen füttern.

Während die Nominierung von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als weitere Bundesvize ebenso konkurrenzlos verlief wie die von Generalsekretär Patrick Döring, Schatzmeister Otto Fricke und dem hessischen FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn, entschied sich der Parteitag auf den restlichen Positionen für Außenseiter. So gewann der Sachse Holger Zastrow die Kampfkandidatur um den Posten des dritten Stellvertreters knapp gegen die bisherige Amtsinhaberin Birgit Homburger. Die Landeschefin aus Baden-Württemberg durfte sich immerhin mit einem Beisitzerposten im Präsidium trösten.

Niebel und Bahr unterliegen

Der Wettbewerb um den letzten verbliebenen Präsidiumsposten endete ebenfalls mit einer Überraschung. Angetreten waren die beiden Bundesminister Dirk Niebel und Daniel Bahr sowie der Fraktionsvorsitzende aus Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki. Dass Niebel im ersten Wahlgang scheitern würde, war noch abzusehen: Der Entwicklungshilfeminister hatte mit seiner offenen Illoyalität gegen Rösler den niedersächsischen Landtagswahlkampf torpediert, dafür erhielt er nun die Quittung. Dass im zweiten Wahlgang aber Kubicki die Oberhand über Bahr behalten würde, damit war nicht unbedingt zu rechnen. Immerhin stammt Bahr aus dem mitgliederstärksten Landesverband Nordrhein-Westfalen, und seine Arbeit als Bundesgesundheitsminister wird in der FDP geschätzt. Kubicki dagegen gehörte in den vergangenen Jahren zu den schärfsten Kritikern der FDP-Spitze in Berlin. In diesem Fall half Bahrs Versprechung, sich als Teamplayer einzubringen, allerdings nicht. Die Delegierten wollten den Individualisten Kubicki auf dem Feld sehen, dem geübten Zweikämpfer trauen sie in den harten Wahlduellen mehr zu.