Helmut Kohl

Kohl-Sohn wirft Stiefmutter Manipulation des Altkanzlers vor

Schon in den 90ern soll Maike Richter eine Affäre mit Helmut Kohl gehabt haben. Sein Sohn Peter rechnet in einem Buch mit ihr ab.

Foto: Ronald Wittek / dpa

Das Familiendrama im Hause Helmut Kohl beginnt für den 1965 geborenen jüngeren Sohn Peter unmittelbar nach dem Freitod seiner Mutter am 5. Juli 2001.

„Sofort nach dem Tod meiner Mutter habe ich eine Veränderung im Wesen meines Vaters feststellen können – als ob etwas mir lange Vertrautes von ihm gewichen war“, schreibt er im Vorwort zur Neuauflage seiner bei Knaur Taschenbücher erschienenen, ab 1. März erhältlichen Hannelore-Kohl-Biografie.

„Nach dem Tod seiner Frau befand er sich in einer verzweifelten Lage.“ Anderen habe er Normalität vorspielen können, „nicht aber uns. Mein Bruder und ich waren von seinem Zustand entsetzt. Mein Vater, den ich mein Leben lang in vielen, auch großen Krisen in der Politik fast übermenschlich nervenstark und standfest erlebt hatte, konnte es hier nicht mehr sein.“ Helmut Kohl „begann von sich aus, über seine Gefühle zu sprechen, etwas, was er sonst nie tat“.

Kohls Art der Trauerbewältigung

„Mein Vater machte immer wieder Bemerkungen, dass es wohl besser wäre, wenn er nicht mehr sei, oder dass sich alle Probleme lösen würden, wenn er einfach nicht mehr da sei.“ Presseartikel, „in denen man ihn für ihren Tod verantwortlich machte, verletzten sein Innerstes und hätten ihn fast in die Knie gezwungen. Davon bin ich heute überzeugt.“

Über das Thema, wie mit solchen Berichten umzugehen sei, habe Kohl freilich nicht mit seinen Söhnen, sondern mit dem Journalisten Heribert Schwan und einem Historiker gesprochen. „Das Thema, um das es speziell bei einer Besprechung ging, zu der ich ungebeten dazukam, war offensichtlich äußerst unangenehm für meinen Vater.“

Kohl habe später Bilder von Hannelore Kohl einrahmen lassen. „Nach und nach hingen oder standen fast überall im Haus Bilder meiner Mutter. Mein Vater verbrachte viel Zeit mit der künstlerischen Umgestaltung des Familiengrabs. Es war seine Art, um seine verstorbene Frau zu trauern. Mir wurde das Ganze etwas zu viel. Einige Jahre später wurden sämtliche Bilder meiner Mutter wieder entfernt.“

Öffentlicher Kampf gegen die Stiefmutter

Warum erzählt der Sohn das alles? Warum reißt nun auch er den Vorhang vor privatesten Stunden und Gefühlen zur Seite, nachdem schon der ältere Bruder Walter vor zwei Jahren in einem Buch über seine Jugend diesen Vorhang gelüftet hatte?

Weil die Söhne sich von ihrem Vater ausgesperrt fühlen. Weil sie ihrer Stiefmutter Maike Kohl-Richter in stetig wachsendem Maß die Schuld dafür zu geben scheinen. Und weil sie nun offenbar zum Kampf gegen alle entschlossen sind, die die Familie Kohl so, wie sie bis 2001 war, umzudeuten versuchen.

Diese Familie sei Hannelore Kohls Werk gewesen. „Mit ihrem Tod starb die vertraute Heimat meiner Kindheit, setzte der schleichende Tod unserer Familie ein.“ Den Kampf führen jetzt beide öffentlich, und zwar hauptsächlich gegen Maike Kohl-Richter.

Affäre noch zu Lebzeiten Hannelores?

Peter Kohl zieht die Daumenschraube freilich fester an als sein Bruder. Er geht so weit, seinem Vater eine Beziehung zu Maike Richter möglicherweise bereits vor dem Tod Hannelore Kohls zuzuschreiben, ohne es ausdrücklich zu bestätigen. Das wäre kein Thema für die Öffentlichkeit – wenn nicht Peter Kohl eben dies nun erwähnen würde:

„Am 3. April 2005 feierte mein Vater seinen 75. Geburtstag. Am Rande dieser Veranstaltung erfuhr mein Bruder etwas, das ich eigentlich gar nicht so genau wissen wollte. Ein engster Vertrauter unseres Vaters – jedoch kein Angestellter oder Beamter – datiert den Beginn der Beziehung mit Maike Richter auf die zweite Hälfte der 90er-Jahre. Ich wollte es wirklich nicht erfahren und erwähne es an dieser Stelle, weil diesbezügliche öffentliche Vermutungen oft genug unwidersprochen gemacht worden sind.“

Ja, aber nun erfährt es Deutschland von ihm persönlich. Gemunkel über eine lange Beziehung des früheren Bundeskanzlers zu seiner späteren zweiten Ehefrau gab es in der Tat schon vor Hannelore Kohls Tod, ohne dass damals ein Name fiel. Das gehörte zum boshaft-geschwätzigen Politikbetrieb. Aber für den Großteil der Presse bleibt Privates privat, solange keiner öffentlich darüber redet, dessen Wort in der Sache etwas gilt.

Ein „privates Helmut-Kohl-Museum“

Peter Kohls Wort gilt etwas. Zwar hatte auch schon der Journalist Heribert Schwan in seiner Hannelore-Kohl-Biografie zwischen den Zeilen kenntlich gemacht, dass die Situation vor 2001 kompliziert gewesen sei. Doch er war kein Familienmitglied. Peter Kohl schildert nun manche intime Details, zum Beispiel einen kurzen Besuch in Maike Richters Berliner Wohnung, als Helmut Kohl mit ihr noch nicht verheiratet war.

„Ich war in eine Art privates Helmut-Kohl-Museum geraten! Wo man auch hinschaute, hingen oder standen Helmut-Kohl-Fotografien.“ Die Wohnung habe nach „jahrelanger, akribischer Sammelleidenschaft zum Zwecke der Heldenverehrung“ ausgesehen, „wie man es vielleicht auch von Berichten über Stalker kennt“. Der Begriff „Stalker“ stellt eine Wortwahl dar, die den Rahmen des bislang Gewohnten sprengt.

Peter Kohl weiter: „Anderntags gingen wir, mein Vater, Maike und ich, zum Brunch in ein Café auf dem Kurfürstendamm, wo es ob des regen Betriebs sehr laut zuging. Maike eröffnete das Gespräch folgendermaßen – und was sie sagte, meinte sie offensichtlich sehr ernst: ,... und übrigens, mein Bruder ist auch ein Kohlianer …‘ Dabei betonte sie besonders das ,auch‘. Jetzt tat ich so, als ob ich sie wegen des Lärms nicht richtig verstanden hatte, und antwortete: ,Koreaner? Dein Bruder ist ein Koreaner?‘ – ,Nein, nein, ein K-O-H-L-I-A-N-E-R!‘, korrigierte sie mich mit lauter Stimme. Maike schaute mich völlig entgeistert an.“

Kohl-Söhne prozessieren gegen Biografen

Was nachvollziehbar ist, denn wie kann sie sich vorstellen, dass ein Sohn des Bundeskanzlers kein politischer Kohl-Verehrer sei? Der Sohn wiederum fand es befremdlich, den Vater zu überhöhen: „Hannelore machte Helmut Kohl, so wie wir ihn kannten, möglich“, schreibt er.

Peter Kohl wirft in der neuen „Bunten“ Maike Kohl-Richter vor, das Erbe seines Vaters zu zerstören. Heribert Schwan, gegen den die Söhne Kohls wegen dessen Hannelore-Kohl-Biografie prozessieren, besitze vertrauliche Kohl-Akten.

„Mein Vater kann das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kontrollieren, und Frau Kohl-Richter hat offensichtlich komplett die Übersicht verloren, wo sich welche Akten und Dokumente befinden. Für meinen Vater ist das alles unglaublich schädlich und verwerflich. Für diesen Schaden mache ich sie verantwortlich. So darf man nicht mit dem geistigen Erbe meines Vaters umgehen.“

Schwans Biografie bezeichnet Peter Kohl als Plagiat, ohne das Wort zu verwenden, und wirft ihm schwere sachliche Fehler vor.

Zur Gedenkfeier Hannelores erschien Helmut Kohl nicht mehr

Der Streit im Hause Kohl hat wie alle Tragödien zwei Seiten. Maike Kohl-Richter ist nicht für jeden eine berechnende Herrscherin. Kaltherzigkeit suchen andere bei ihr vergeblich. Eine Ehe mit dem gesundheitlich angeschlagenen Bundeskanzler ist kein Spaziergang, um es zurückhaltend zu sagen.

Es wäre auch nicht ungewöhnlich, wenn Maike Kohl-Richter dagegen aufbegehrt haben sollte, dass frühere Helfer ihres Mannes sehr selbstverständlich im Privathaus erschienen, oder dass sie sogar im Urlaub solche ehemaligen Mitarbeiter und Vertraute um sich haben würde. Nach der Hochzeit erhob sie Anspruch auf eine Privatsphäre – in den Augen der Söhne tat sie das freilich auf eine völlig inakzeptable Art.

Die Tatsache der Hochzeit Maike Richters mit Helmut Kohl hat Peter Kohl auf der Internetseite der „Bild“-Zeitung erfahren. Zur Gedenkfeier am zehnten Todestag Hannelore Kohls sei Helmut Kohl nicht gekommen. Peter Kohl legt zwar unausgesprochen, aber zwischen den Zeilen sehr unzweideutig erkennbar nahe, dass dies auf Wunsch Maike Kohl-Richters so gewesen sein könnte.

Er fährt fort: „Wenige Tage danach sah ich Bilder von Maike Richter und meinem Vater. Sie besuchten das Finale der Frauenfußball-WM in Frankfurt und saßen dort auf der Ehrentribüne.“

Hannelore habe die Familie Kohl geeint

Im Mai 2011, schreibt Peter Kohl, „gelang es mir das letzte Mal, meinen Vater zu besuchen. Ich konnte mithilfe einer alten Handynummer des Begleitkommandos die Polizeisperre austricksen. Meine Tochter war an diesem Tag auch mit dabei. So konnte sie ihren Opa zumindest noch einmal kurze Zeit sehen. Als er sie erblickte, leuchtete sein Gesicht auf, er freute sich über ihren Besuch, legte ihre Kinderhand in seine große alte Hand.“

Anschließend, auf dem Friedhof, klingelte Peter Kohls Handy. „Es war Maike Richter. Ich kann mich nicht mehr an den Inhalt des Gesprächs erinnern, außer dass sie sehr laut und hysterisch auf mich einschrie. Nach kurzer Zeit musste ich leider auflegen.“

Seine Mutter wäre am 7. März 80 geworden. Sie, so Peter Kohl zur „Süddeutschen Zeitung“, habe die Familie Kohl geeint. „Ich hätte nie gedacht, dass später alles auseinanderfallen würde. Doch man lernt dazu, so ist das Leben.“

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