Umfrage

Deutsche klagen über steigende Ungerechtigkeit

Zwei Drittel der Deutschen haben das Gefühl, dass wirtschaftliche Verhältnisse unfair sind. Doch nur wenige haben Benachteiligungen erlebt.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

In Deutschland klafft eine Gerechtigkeitslücke, und sie wird immer größer. Diese Ansicht vertreten zwei Drittel der hiesigen Bevölkerung, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt.

Demnach glauben nur sieben Prozent der Befragten, dass die soziale Gerechtigkeit in den vergangenen drei, vier Jahren zugenommen hat, 64 Prozent beklagen hingegen eine wachsende Schieflage. Fast 70 Prozent sagen, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse hierzulande nicht gerecht seien.

Die Kritik der Bürger richtet sich dabei vor allem an die Politik: Trotz der gewaltigen Summen, die hierzulande durch Steuern und Sozialausgaben umverteilt werden, meinen 64 Prozent, dass die Politik die Unterschiede zwischen Arm und Reich noch vergrößere, anstatt die Kluft zu verringern.

Gleiche Bildungschancen gelten als besonders wichtig

Vor dem Hintergrund der Ankündigung von SPD und Grünen, mit dem Ruf nach mehr „sozialer Gerechtigkeit“ in den diesjährigen Bundestagswahlkampf zu ziehen, dürften diese Umfrageergebnisse Wasser auf die Mühlen der Opposition sein.

Deren Forderung nach Wiedereinführung der Vermögensteuer und einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes schließt sich jeder zweite Befragte an. 52 Prozent sprechen sich für höhere Unternehmenssteuern aus. Drei Viertel plädieren für eine „Abschaffung der Steuerschlupflöcher“.

Wie die von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Auftrag gegebene Untersuchung belegt, haben die Deutschen einen vielschichtigen Gerechtigkeitsbegriff. Die mit Abstand größte Bedeutung wird dabei der Chancengerechtigkeit beigemessen: Für 90 Prozent der Bürger ist das Ziel, dass allen Kindern die gleichen Bildungschancen garantiert werden, eine wesentliche Facette der sozialen Gerechtigkeit.

Der, der mehr leistet, soll auch mehr verdienen

Wichtig ist einer großen Mehrheit auch, dass Familien ausreichende staatliche Unterstützung erhalten und es zwischen den Generationen eine faire Lastenverteilung gibt. Für 70 Prozent ist die Leistungsgerechtigkeit eine wesentliche Komponente der sozialen Gerechtigkeit, wonach derjenige, der mehr leistet, auch mehr Geld verdient.

Umgekehrt sollen die starken Schultern aber auch stärker zur Finanzierung der sozialen Aufgaben beitragen als die schwachen, sagt ein Großteil der Befragten.

Die große Mehrheit der Bevölkerung beklagt, dass die sozialen Unterschiede hierzulande seit Jahren immer größer werden. Zwar heißen die meisten leistungsbezogene Lohnunterschiede grundsätzlich gut. Doch das heutige Ausmaß der Lohnspreizung empfinden viele als zu groß. So halten es 70 Prozent für ungerecht, wenn Manager ein Vielfaches von dem verdienen, was einfache Arbeiter an Lohn bekommen.

Viele empfinden hohe Managergehälter als ungerecht

Die derzeitige Verteilung der Vermögen beurteilt gleichfalls eine Mehrheit als unfair. Anstoß nimmt das Gros der Gefragten auch daran, dass Unternehmen Gewinne erzielen und gleichzeitig Mitarbeiter entlassen. Befristete Arbeitsverträge stören ebenfalls das Gerechtigkeitsempfinden der Mehrheit.

Insgesamt zeigen diese Ergebnisse, dass es ein weitverbreitetes Unbehagen über den bröckelnden gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland gibt. Zur Verbesserung der Chancengleichheit setzen die Bürger laut Allensbach vor allem auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine gezieltere Vorbereitung der Schüler auf den Beruf sowie eine gute Förderung von Vorschulkindern und kostenlose Krippenbetreuung.

All dies hält auch die Wirtschaft für wichtig, um dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Etwa die Hälfte der Bevölkerung will den Kindergartenbesuch zur Pflicht machen, um den Bildungserfolg zu erhöhen.

Unbehagen über bröckelnden gesellschaftlichen Zusammenhalt

Nicht sehr populär ist dagegen die Forderung, das mehrgliedrige Schulsystem abzuschaffen: Hierfür plädieren nur 29 Prozent. Erstaunlicherweise hält trotz der viel beklagten Schulprobleme nur jeder Vierte die Förderung von Migranten für wichtig.

Uneinheitlich beurteilen die Bürger die Aufstiegschancen in Deutschland. Während knapp die Hälfte meint, dass ein Arbeiterkind gute bis sehr gute Möglichkeiten hat, nach oben zu kommen, widerspricht die andere Hälfte der Befragten dieser Einschätzung. Vor allem in der unteren sozialen Schicht ist die Ansicht verbreitet, dass die Chancen ungleich verteilt sind.

Leitende Angestellte, Beamte und Selbstständige sehen hingegen Arbeiterkinder in den Schulen und Ausbildungsstätten keineswegs als benachteiligt an. Ungleicher als im Bildungssystem sind nach Einschätzung der Befragten die Chancen am Arbeitsmarkt verteilt. So glauben nur 23 Prozent, dass am Arbeitsmarkt Fairness herrscht.

Öffentliche Debatte über Zeitarbeit und Minijobs

Und trotz des beispiellosen Job-Booms der vergangenen Jahre meint mehr als jeder Dritte, dass die Chancengerechtigkeit am Arbeitsmarkt in den letzten Jahren abgenommen hat, während nur 17 Prozent eine Verbesserung diagnostizieren.

Diesen Pessimismus führen die Meinungsforscher auf die öffentliche Debatte der letzten Jahre über Zeitarbeit, Mindestlöhne, Geringverdiener und Minijobs zurück, „wodurch sich in der Bevölkerung der Eindruck verfestigt hat, dass auf dem Arbeitsmarkt vieles im Argen liegt, obwohl auf dem Arbeitsmarkt große Erfolge erzielt wurden“, so die Studie.

Zu dieser Analyse passt, dass nur eine kleine Minderheit nach eigenem Bekunden persönliche Erfahrungen mit Benachteiligungen am Arbeitsmarkt oder im Bildungssystem erlebt hat.

Jeder Zweite hält höheren Spitzensteuersatz für gerecht

Zwiespältig steht die Bevölkerung dem Ruf der Opposition und der Gewerkschaften nach Steuererhöhungen gegenüber. So halten es nur 40 Prozent für ungerecht, dass es hierzulande keine Vermögensteuer gibt. 49 Prozent sehen dagegen in einer Wiedereinführung dieser Abgabe einen Weg, die soziale Ungleichheit zu bekämpfen.

Jeder Zweite hält auch einen höheren Spitzensteuersatz für gerecht. Wird allerdings darauf hingewiesen, dass dieser Höchstsatz von 42 Prozent plus 5,5 Prozent Soli schon ab einem Jahreseinkommen von rund 53.000 Euro greift, hält nur noch eine kleine Minderheit von 17 Prozent diese Belastung für zu gering, 28 Prozent empfinden sie als zu hoch, 37 Prozent für angemessen.

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