Aschermittwoch

Rainer Brüderle „im Land der Dirndl und Denker“

| Lesedauer: 8 Minuten

Foto: Armin Weigel / dpa

Am Aschermittwoch haben die Parteien den Wahlkampf angeheizt. Im Fokus stand Steinbrück. Brüderle bekam einen besonderen Empfang.

Manche sind Naturtalente, andere quälen sich: Der politische Aschermittwoch offenbart, wer die Wähler mit derbem Charme für sich gewinnen kann. Unsere Reporter beschreiben, wie sich Spitzenfrauen und Spitzenmänner von Union, SPD, FDP und Grünen geschlagen haben

SPD: Ohne Frauenbonus

Einmal, wenigstens einmal will die bayerische SPD stärker sein. Das erklärte Ziel ihrer Aschermittwochsveranstaltung im niederbayerischen Vilshofen ist, der CSU die Lufthoheit über den Stammtischen zu nehmen. Dafür hat die kleine Bayern-SPD ein extragroßes Bierzelt auf dem Volksfestplatz in Vilshofen aufbauen lassen und als Stargast den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück eingeladen.

Schon am frühen Vormittag füllt sich das Zelt schnell, 5000 sollen es am Ende angeblich sein. Die SPD sieht sich als Sieger im Fernduell mit Seehofer und Stoiber, die ins 23 Kilometer entfernte Passau gerufen haben. Der Etappensieg im Bierzelt hebt die Stimmung der weiß-blauen Sozialdemokraten, die seit über 50 Jahren auf die Regierungsverantwortung warten. Rote „Genau! Ude.“-Schilder werden geschwenkt. Sprechchöre rufen den Namen des Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl.

Steinbrück erfüllt die politfolkloristischen Erwartungen. Seine Rede garniert er mit deftigen Angriffen auf CSU und Bundesregierung: Horst Seehofer sei die „größte lose Kanone“ auf dem politischen Parkett. „Das Einzige, was er durchsetzen konnte, ist das idiotische Betreuungsgeld. Das wird die SPD unter meiner Kanzlerschaft zum Gesetz mit der kürzesten Halbwertzeit machen.“ Die Koalition bezeichnet Steinbrück als „ziemliche Gurkenriege“, Außenminister Guido Westerwelle sei dort „Dekadenzexperte“. Der Kandidat kennt bei Politikerinnen kein Pardon: Ursula von der Leyen sei „Talkshow-Queen“, und Familienministerin Kristina Schröder habe „ein Weltbild zwischen Helmut-Kohl-Postern und Barbie-Puppen-Haus“. Die Genossen jubeln. Kämpferisches Selbstbewusstsein erleben sie in Bayern selten. P. Issig (Vilshofen)

CSU: Konservative Dreifaltigkeit

Wer braucht schon den bayerischen Papst, wenn er doch in den eigenen Reihen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist der Bayern hat? Als hätte es andere Vorsitzende und Ministerpräsidenten in der Geschichte der CSU nie gegeben, feiert die Partei in der Passauer Dreiländerhalle ihre Heilige Dreifaltigkeit: Ahnvater Franz Josef Strauß, seinen Ziehsohn Edmund Stoiber und den stets unruhigen oder Unruhe stiftenden Geist Horst Seehofer.

In einem Film vor Stoibers Rede werden zu Bayernbildern dazumontierte Sentenzen der drei eingespielt. Den Anhängern gefällt es. Der Zweck des Films, Stolz zu erzeugen auf die Schönheit des Bundeslandes und die dafür verantwortliche CSU, ist spürbar. Immer wieder brandet für die Konservenredner Beifall auf. Horst Seehofer ist zu bedauern. Vergangenes Jahr musste er eine staatstragende Rede halten, weil er gerade Ersatzbundespräsident war. Dieses Jahr lässt ihn eine Erkältung nicht los. Für die Verteidigung der Pkw-Maut, der Klage gegen den Länderfinanzausgleich und der Familienpolitik im Zeichen von Mütterrente und Betreuungsgeld reicht es. Und für Attacken gegen Peer Steinbrück. „Ich verstehe, warum sich Steinbrück von der SPD mehr Beinfreiheit gewünscht hat“, frotzelt er, „damit er ungehindert von einem Fettnapf in den anderen treten kann.“ Seinen SPD-Konkurrenten in Bayern, Christian Ude, erwähnt Seehofer gar nicht. T. Vitzthum (Passau)

FDP: Im Dirndl-Land

Sollte noch irgendeiner der rund 400 Besucher in der Stadthalle von Dingolfing gezweifelt haben, um welches Thema es beim liberalen Aschermittwoch gehen würde, er wurde von Martin Zeil aufgeklärt. „Willkommen im Land der Dirndl und Denker“, so begrüßte der bayrische Wirtschaftsminister den Hauptredner der Veranstaltung, Rainer Brüderle. Allerdings konnte der FDP-Fraktionschef das auch kaum übersehen: Viele der Anhängerinnen im Saal trugen Dirndl, auch Julika Sandt. Die liberale Landtagsabgeordnete wollte ihre Tracht als Unterstützung des von Sexismusvorwürfen gebeutelten Brüderle verstanden wissen: Ihr Outfit sei „ein Statement für die Freiheit des Wortes“. Die FDP-Landesvorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger demonstrierte ihre Solidarität mit „meinem Freund Rainer“, indem sie ihm ein gelb-blaues Trikot mit der Aufschrift „Spitzenmann“ überreichte.

Der Fraktionschef hielt dagegen an seiner Marschroute fest, zum Thema Dirndl nichts zu sagen – jedenfalls nicht direkt. Indirekt ging er darauf ein. Es gebe immer wieder Versuche, die FDP auszulöschen: „Der Gegenwind wird noch härter.“ Aber auch bei den Landtags- und Bundestagswahlen im September würden die Wahlergebnisse besser sein als die Umfragen. „Die Freien Demokraten gehören zu Deutschland wie die Fußball-Nationalmannschaft“, rief Brüderle. Ansonsten lieferte er das, was erwartet wird: rustikale Abrechnung mit dem politischen Gegner. Mit Inbrunst widmete sich Brüderle den Grünen und den Roten. Die „grünen Windbeutel“ stünden für Enteignung, Bevormundung und Heuchelei, flögen selbst gern Hubschrauber und zahlten Mitarbeitern Hungerlöhne: „Die predigen Müsli und fressen Kaviar.“ Brüderle ging auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück an: „Wofür steht er? Man muss ihm nur ein Stichwort liefern. Geld, Kohle, Asche, Moneten: Schon ist der Steinbrück zu allem bereit!“ T. Jungholt (Dingolfing)

CDU: Angst vorm Kontrollverlust

Von allen Zumutungen, die Angela Merkel erträgt, seit sie vor 24 Jahren eher zufällig in den bundesrepublikanischen Politikbetrieb gespült wurde, ist das Ritual des politischen Aschermittwochs wahrscheinlich mit das Ärgste. Denn öffentlicher Niveau- und Kontrollverlust passt zur Großmeisterin der verbalen Defensive ungefähr so gut wie die leckere Schlachteplatte auf den Kongress der vereinigten Veganer. Trotzdem reist die Kanzlerin alljährlich zu Beginn der Fastenzeit gen Norden, aschermittwochmäßig also schon einmal in die komplett falsche Richtung. Mecklenburg-Vorpommern aber ist ihre politische Heimat. Also muss sie dort einmal im Jahr die Tennishalle im Städtchen Demmin rocken. Die Tennishalle? Ja, genau. Kein Bierzelt, sondern eine Sportstätte.

Der „Ereignissender“ Phönix übertrug dann auch lieber die Karfreitagsliturgie aus dem Vatikan. Der „Nachrichtensender“ N-TV erfüllte seine Chronistenpflicht einige Minuten, in denen Merkel den rund 1000 Zuhörern ein „arbeitsreiches Jahr“ ankündigte und als frühen Höhepunkt ausrief: „Ohne die CDU hätte es die A20 nicht gegeben“. Da blendete auch N-TV aus und verpasste so, wie Merkel versprach, die FDP „immer wieder darauf hinzuweisen: Wir brauchen Lohnuntergrenzen“. Heute wird Gott sei Dank wieder regiert. R. Alexander (Demmin)

Grüne: Heilige Pappkameraden

Am herzlichsten lachen konnten viele beim politischen Aschermittwoch der Grünen gleich bei der Ankunft in der Biberacher Stadthalle. Am Saaleingang grüßte ein selbst gebastelter Pappkamerad mit aufgemalter Papstsoutane, an der Stelle des Gesichts klaffte ein Loch. „Be the next pope“, stand daneben, sei der nächste Papst. So närrisch gelaunt, sich ablichten zu lassen, war allerdings fast niemand. Das war es dann aber schon mit den Schenkelklopfern.

Was nicht heißen soll, dass sich die Redner nicht redlich bemühten. Vor allem die aus Berlin angereiste Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt hatte sich ein paar nette Pointen notiert. Jene etwa, dass zu einer multikulturellen Gesellschaft nicht nur Bosnier, Türken oder Tunesier gehören, sondern auch Schwaben und Badener. Und dass sie dem „Winfried, der ja seit Montag ohne religiöse Führung ist“, Hilfe bei der „direkten Verbindung nach oben“ anbiete: „Bei uns Evangelischen ist ja jeder irgendwie Papst.“ Gemeint war ihr katholischer Parteifreund, Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann. Die 46-Jährige gehört seit 2009 dem Rat der Evangelischen Kirche (EKD) an.

Nun mag die eher sachliche Tochter eines Thüringer Tanzlehrers ebenso wenig zum Büttenredner taugen wie zum Funkenmariechen. Aber schlecht geschlagen hat sie sich nicht. Über die Liberalen wolle sie heute keine bösen Witze machen, ätzte sie. „Wer die hören will, muss nach Karlsruhe fahren. Dort spricht Dirk Niebel.“ Zum Berliner Flughafen habe sie einen Witz machen wollen. Aber der sei nicht rechtzeitig fertig geworden.

Trotzdem hatte der grüne Aschermittwoch mehr von einer Arbeitssitzung als von einem Hochamt zum Auftakt der Fastenzeit. Pflichtschuldig deklinierte sie alles durch, was grüne Politik ausmacht: Energiewende, Homo-Ehe, Frauenquote, gentechnikfreie Landwirtschaft. Schwarz-Gelb „macht eine Politik jenseits der Realität“. Aber „am 22.September ist alles vorbei“. H. Crolly (Biberach)

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