SPD

Stephan Weil ist der neue Star im Willy-Brandt-Haus

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In Niedersachsen hat Stephan Weil gezeigt, wie man eine Wahl gewinnt. Trotzdem bleibt er bescheiden. Peer Steinbrück kann von ihm lernen.

So viel Fröhlichkeit war schon lange nicht mehr im Willy-Brandt-Haus. Am Montagvormittag, wenige Stunden nachdem Niedersachsens Landeswahlleiterin eine knappe rot-grüne Mehrheit im Landtag verkündet hat, herrscht hier geradezu Euphorie. „Herzlich willkommen im Stephan-Weil-Haus“, sagt einer, und diese ironische Bemerkung bringt die Stimmung in der SPD auf den Punkt. Der Spitzenkandidat und nunmehr designierte Ministerpräsident genießt in seiner Partei Respekt. Sein Wahlkampf, vielleicht noch mehr sein persönlicher Stil wird bewundert.

Um 10.18 Uhr betreten Weil und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel das Podium im Atrium der Parteizentrale. Gerade mal 15 Stunden zuvor hatten hier Gabriel und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Seit an Seit gestanden und sich zum Wahlausgang geäußert, zum vermeintlichen Wahlausgang, muss man rückblickend sagen. Welten liegen zwischen beiden Auftritten, während sich der zwischenzeitliche schwarz-gelbe Vorsprung mit nur einem Mandat verwandelt hat in eine Ein-Stimmen-Mehrheit von SPD und Grünen im Niedersächsischen Landtag.

Beifall brandet auf, als die beiden Männer hinter die beiden Rednerpulte treten. Weil winkt den SPD-Mitarbeitern einmal zu, vorsichtig nickt er mit dem Kopf, vor allem aber strahlt er. Demonstrative Gesten des Triumphs aber meidet der Wahlsieger. Weil sieht eher dankbar aus als stolz, wortlos verbeugt er sich.

Peer Steinbrück applaudiert sich selbst

Der Parteichef grinst erleichtert und glücklich. „Wie bei jedem guten Krimi in Deutschland gewinnen am Ende die Guten“, sagt Gabriel, auf die spannende Wahlnacht anspielend. Noch am Freitagabend, beim Wahlkampfabschluss in Braunschweig, war Gabriels Blick finster. Auch er hatte nicht damit gerechnet, dass die SPD in Hannover zehn Jahre nach seiner Abwahl als Regierungschef die Staatskanzlei zurückbekommt.

Dass viele eine „mittlere Katastrophe“ erwartet hätten, das bezieht Gabriel in exegetischer Großzügigkeit heute allein auf die Journalisten. Nun ja. „Die SPD hat Politik von unten gemacht“, wiederholt Gabriel eine Formel der vergangenen Wochen, und er listet als Themen auf: die Lage junger Familien und Alleinerziehender, die Bildungspolitik, die Stärkung schwacher Regionen. Themen, mit denen der Kanzlerkandidat nur selten in Verbindung gebracht worden ist.

Der steht ein wenig abseits, hat sich nicht neben dem Wahlsieger postiert, das soll Bescheidenheit zeigen, vielleicht auch eine kritische Selbstsicht. Gabriel erwähnt in seinem Statement Steinbrück beim Namen. Es gäbe eine „Riesenchance“, dass Peer Steinbrück Kanzler einer rot-grünen Koalition werde. Der applaudiert nach diesem Satz.

2013 soll nach Weil das „Jahr des Wechsels“ werden

Stephan Weil ist da bescheidener. „Ich freue mich, dass wir ein ganz klein wenig gute Laune aus Hannover ins Willy-Brandt-Haus gebracht haben“, setzt er an. Ganz klein wenig gute Laune? Weil weiß genau, dass er seiner Partei heute ein Höchstmaß an Euphorie beschert, nach Wochen von Ratlosigkeit und Frust. Seine Worte sind Wohlklang in den Ohren der Genossen. „In Niedersachsen ist 2013 das Jahr des Wechsels. In der Bundespolitik wird 2013 zum Jahr des Wechsels. Es ist möglich.“

Ausdrücklich dankt Weil selbst Steinbrück, der den Wahlkämpfern tüchtig Gegenwind beschert hatte. Aber vielleicht ist dieser Dank auch nur eine Form der Ironie. Die Generalsekretärin Andrea Nahles hat zuvor bereits im Deutschlandfunk zu Protokoll gegeben, dass die Debatte über Steinbrücks Nebeneinkünfte „nicht hilfreich“ gewesen sei – und verlangt: „Das muss besser werden.“

Aber trotzdem: Dass die SPD mit Weil künftig neun der 16 Ministerpräsidenten stellt, erfüllt die Genossen allesamt mit Genugtuung. Und der Regierungschef von Niedersachsen ist ein Schwergewicht, er repräsentiert eines der vier „großen“ Länder, die im Bundesrat sechs Stimmen haben. Stephan Weil wird rasch mit den Koalitionsverhandlungen beginnen.

>>> Mehr zur Landtagswahl in Niedersachsen und ihren Folgen HIER

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