Niedersachsen-Wahl

CDU will keine Stimmen mehr an die FDP verleihen

Nach dem Machtverlust in Niedersachsen diskutiert die CDU Lehren für die Bundestagswahl. Die SPD will das Betreuungsgeld kippen.

Nach der knappen Niederlage in Niedersachsen werden in der Union nun kritische Stimmen laut: Bei der Bundestagswahl müsse sich die Partei auf die eigenen Stärken konzentrieren und dürfe keine Stimmen mehr an die FDP abgeben, mahnen führende Unionspolitiker.

„Das Wahlergebnis des gestrigen Tages hat gezeigt, dass die CDU bei der Bundestagswahl um ihre eigenen Stimmen kämpfen und signalisieren muss, wer Angela Merkel will, muss auch Angela Merkel wählen“, sagte CDU-Vize Armin Laschet am Montag in Berlin vor den Gremiensitzungen seiner Partei. Es habe zwar keine verdeckte Leihstimmenkampagne gegeben, „aber die Wähler haben das Gefühl, sie mussten der FDP hier helfen und haben das auch zum Ausdruck gebracht“. Insofern sei bei der Bundestagswahl klar, „es sind fünf Parteien im Parlament, und da kommt es ganz entscheidend darauf an, dass die CDU stark genug ist, wieder die Regierung zu bilden“, sagte der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende.

Seehofer: „Leihstimmen sind verlorene Stimmen“

Auch CSU-Chef Horst Seehofer sieht das Wahlergebnis in Niedersachsen als deutlichen Warnschuss für Schwarz-Gelb. Es habe sich gezeigt, „dass Leihstimmen innerhalb des bürgerlichen Lagers verlorene Stimmen sind“, sagte Seehofer vor einer CSU-Vorstandssitzung in München. Die Lehre aus der niedersächsischen Landtagswahl könne nur sein, dass die Union um jede Stimme in der Bevölkerung kämpfen müsse. Der CSU-Vorsitzende rief zugleich die FDP auf, an Substanz zu gewinnen. Nur Stimmen von der Union „abknapsen“ zu wollen, reiche nicht.

Nach dem vorläufigen Endergebnis kommt es in Niedersachsen zu einem rot-grünen Regierungswechsel, allerdings nur mit einem Sitz Mehrheit im Landtag. Neuer Ministerpräsident wird voraussichtlich SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil. Viele Unions-Anhänger hatte der FDP ihre Stimme gegeben, weil sie so eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition ermöglichen wollten. In den Umfragen war die FDP nicht über die Fünf-Prozent-Hürde gekommen. Der CDU-Spitzenkandidat, Niedersachsens CDU-Ministerpräsident David McAllister, hatte dagegen hohe Umfragewerte verzeichnet.

Bosbach kritisiert „Blutzufuhr“ an FDP

„Wenn man innerhalb einer Koalition Stimmen austauscht, dann wird die Koalition insgesamt nicht stärker“, meinte auch der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach im Bayerischen Rundfunk. Für die Bundestagswahl müsse daher gelten, dass die Liberalen aus eigener Kraft die Fünf-Prozent-Hürde meistern. „Blutzufuhr von der Union alleine wird dieser Koalition nicht helfen.“

Der Chef der Jungen Union (JU), Philipp Mißfelder, ergänzte, er könne von einer Zweitstimmenkampagne „nur abraten“. So sehr er sich über eine stabilisierte FDP freue, das Ergebnis „ist auch zu unseren Lasten gegangen“.

Auch aus den Ländern kommen kritische Stimmen. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lehnte im Hessischen Rundfunk Wahlhilfen für die FDP oder eine Leihstimmenkampagne für die Landtagswahl in Hessen kategorisch ab. „Das brauchen wir nicht, das werden wir auch nicht. Ich habe immer gesagt: Klare Kante, wir wollen klar stärkste Partei werden, die FDP braucht von uns keine Leihstimmen, die ist stark genug, gerade in Hessen“, betonte Bouffier.

CDU-Generalsekretär Gröhe sieht keine Signalwirkung für den Bund

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe stufte die Signalwirkung der Niedersachsenwahl für den Bund als gering ein. „Das war keine vorgezogene Bundestagswahl“, sagte Gröhe im Deutschlandfunk. Er warnte vor hektischen Schuldzuweisungen für die knappe Wahlniederlage bei der Landtagswahl. „Wir werden in Ruhe die Dinge ansehen, wo wir noch besser werden können.“ Es gelte, bis zur Bundestagswahl im September „noch ein Schippchen draufzulegen“ und „mit dem Rückenwind der besonderen Popularität“ von Bundeskanzlerin und Parteichefin Merkel am Ende die Nase vorn zu haben.

SPD will im Bundesrat Betreuungsgeld kippen

Der knappe Wahlsieg von Rot-Grün bei der Landtagswahl in Niedersachsen bringt erstmals seit 1999 wieder eine linke Mehrheit im Bundesrat. Wenn SPD und Grüne in Hannover wie angekündigt eine Regierungskoalition bilden, dann haben die von SPD, Grünen und der Linken gemeinsam regierten Länder genügend Stimmen zur Anrufung des Vermittlungsausschusses oder um Gesetze anzustoßen. Die SPD will die neue Mehrheit im Bundesrat nutzen, um etwa das Betreuungsgeld zu kippen und einen Mindestlohn durchzusetzen.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier kündigte im ZDF-„Morgenmagazin“ bereits eigene politische Initiativen an. Mit dem Wahlsieg in Niedersachsen habe die SPD „jetzt eine eigene Gestaltungsmehrheit“. Steinmeier hielt Merkel vor, innenpolitisch „schon seit längerer Zeit“ gelähmt zu sein, „seitdem die FDP vor sich hindümpelt“. Die SPD habe nun die „Chance, das, was innenpolitisch an Gestaltungswillen und Ehrgeiz in der Bundesregierung fehlt, über den Bundesrat nachzuholen“.

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) warnte die SPD vor einer Blockadehaltung im Bundesrat. Er gehe davon aus, dass es im Bundesrat „kaum noch möglich sein wird, Vorhaben durchzubringen, die die SPD nicht machen will“, sagte Kauder im ZDF-„Morgenmagazin“. „Da wollen wir mal sehen, ob ihr das nützt.“ Letztlich blockiere die SPD nicht die unionsgeführte Bundesregierung, sondern die Arbeitnehmer, das Handwerk und die Unternehmen. „Es geht nicht um uns, sondern um die Menschen in unserem Land“, sagte Kauder.