Interview

Warum Hannelore Kraft ungewöhnliche Auftritte schätzt

Hannelore Kraft spricht im Morgenpost-Interview über den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und ihren Auftritt in der „Heute-Show“

Die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen fremdelt mit Berlin. Wenn sie Termine in der Hauptstadt hat, die sich über mehrere Tage ziehen, übernachtet Hannelore Kraft (SPD) in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung. Dorthin bittet sie auch die Morgenpost-Reporter. Das Interview führten Kristian Frigelj und Jochen Gaugele.

Berliner Morgenpost: Erkennen Sie Peer Steinbrück wieder, Frau Kraft?

Hannelore Kraft: Klar. Warum?

Es ist ein neuer Steinbrück, der sich tief sozialdemokratisch gibt – und Gerechtigkeit ins Zentrum seines Wahlkampfs stellen will ...

Er ist so, wie ich ihn aus Nordrhein-Westfalen kenne. Peer Steinbrück hat 2005 als Ministerpräsident einen Wahlkampf gemacht, der genau dieses Thema hatte. Es kann sein, dass er in der Berliner Landschaft eher als Finanzminister und Zahlenmensch wahrgenommen wird. Aber wir kennen ihn völlig anders.

Reicht ein gelungener Parteitagsauftritt, um den Fehlstart vergessen zu machen?

Davon gehe ich aus. Wir werden weiter kämpfen. Auf dem Parteitag haben wir einen Gleichklang der Herzen erlebt.

Wie tief hat die Debatte um Steinbrücks Nebentätigkeiten die SPD und ihre Anhänger erschüttert?

Es war nicht glücklich, das hat Peer Steinbrück selbst gesagt. Aber es gab jetzt auch nicht extreme Erschütterungen.

Haben Sie manchmal ein schlechtes Gefühl, weil Sie sich der Kanzlerkandidatur verweigert haben?

Ich habe sehr frühzeitig gesagt, dass mein Platz in Nordrhein-Westfalen ist. Das hat gute, inhaltliche Gründe. Ich habe etwas begonnen, was ich gern zu Ende bringen möchte. Mir geht es um einen umfassenden vorbeugenden Politikansatz unter der Überschrift: Wir dürfen kein Kind zurücklassen. Die Umsetzung hat begonnen, wird aber ein bisschen dauern.

Länger als 2017?

Die Frage, wer 2017 unser Kanzlerkandidat wird, stellt sich gar nicht, weil Peer Steinbrück nächstes Jahr gewinnen wird.

Welche Rolle haben Sie als Vorsitzende des mächtigsten SPD-Landesverbands bei der Kandidatenkür gespielt, die wie eine Sturzgeburt wirkte?

An der Sturzgeburt war ich nicht direkt beteiligt.

Wann hat Sigmar Gabriel Sie gefragt, was Sie von einem Kanzlerkandidaten Steinbrück halten?

Die Details lassen wir im Kreis der Parteiführung.

Wird es ein Lagerwahlkampf im nächsten Jahr?

Ich weiß nicht, ob das andere Lager noch existent ist. Die Regierung aus CDU/CSU und FDP ist bei den Bürgern unten durch. Es gibt eine klare Wechselstimmung, und es wird einen Regierungswechsel geben.

Im Bundesrat proben Rot und Grün die Blockade. Wie erklären Sie der sozialdemokratischen Kernwählerschaft, dass Sie Steuererleichterungen für Geringverdiener verhindern?

Moment! Wir blockieren nicht im Bundesrat. Wir machen eine Politik, die die Interessen der Länder im Blick hat. Darauf sind wir alle verpflichtet. Wenn wir auf immer mehr Steuereinnahmen verzichten, können wir die Schuldenbremse nicht einhalten. Ich würde gern viel Gutes tun. Aber wir müssen sehen: Was ist realistisch machbar?

Wäre Rot-Grün mit einem Kanzler Steinbrück ein Bündnis auf Augenhöhe – oder eher eine Koch-Kellner-Beziehung?

In jeder Koalition redet man auf Augenhöhe, das ist doch völlig klar. Ich verstehe diese Frage daher auch gar nicht.

Wir zitieren Gerhard Schröder.

Schon klar. Koch und Kellner sind Begrifflichkeiten, die aus meiner Sicht mit einer guten Partnerschaft in einer Koalition nichts zu tun haben.

In Düsseldorf galt Steinbrück als Grünen-Fresser.

Ich glaube nicht, dass die führenden Grünen in NRW das so sehen. Peer Steinbrück hat die Regierung übernommen, als es schon Verhärtungen gab in der rot-grünen Koalition. Es war schwierig, da wieder rauszukommen.

Was kann Steinbrück aus dieser Erfahrung lernen?

Ich habe daraus gelernt, dass aufkommende Konflikte frühzeitig auf den Tisch müssen.

Die Grünen planen einen Anti-Merkel-Wahlkampf und wollen die Kanzlerin persönlich angreifen. Schließt die SPD sich an?

Natürlich muss die SPD auch die Kanzlerin angreifen. Das hat ja mit dem Menschen Merkel nichts zu tun. Es geht darum, wie sie Politik macht: Frau Merkel regiert nicht. Sie führt nicht. Die Kanzlerin lässt zu, dass diese Bundesregierung ständig mit drei oder mehr Meinungen auf dem politischen Markt ist. Das schwächt die deutsche Position gerade in Europa. Eine Regierung funktioniert nur, wenn unterschiedliche Meinungen in einer Koalition rechtzeitig zusammengeführt werden und dann einer klar sagt: Da geht’s lang! Das wird Peer Steinbrück tun.

Sie werden die Umfragen kennen und einen Plan B entwickeln für den Fall, dass es für Rot-Grün nicht reicht. Sondieren Sie schon bei der FDP?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man einen solchen Fall nicht planen sollte. SPD und Grüne sind gut beraten, sich auf das zu konzentrieren, was sie anstreben: Rot-Grün. Gleichzeitig ist es richtig, keine Ausschließeritis zu betreiben.

Wie groß sind die Schnittmengen von SPD und FDP?

Ich kann in der Politik der FDP wenig Sozialliberales erkennen. Die Übereinstimmung mit Teilen der Union ist aber derzeit auch nicht groß.

In Düsseldorf hat eine rot-grüne Minderheitsregierung immerhin eine halbe Wahlperiode gehalten. Könnte das auch im Bund funktionieren?

Auf Bundesebene kann ich mir eine Minderheitsregierung auch wegen der viel größeren Fraktionen und des damit verbundenen höheren Abstimmungsbedarfs nur schwer vorstellen.

Frau Kraft, Sie haben keine Scheu vor ungewöhnlichen Auftritten wie in der Satiresendung „Heute-Show“. Macht Ihnen das Spaß, oder gehen Sie da rein, weil Sie glauben, dass Politiker das heute tun müssen?

Ich habe dabei schon Spaß. Auch als Politiker sollte man nicht die ganze Zeit bierernst sein. Ich genieße neben all der Arbeit auch mal das Leben und bin ein fröhlicher Mensch. Meiner Autorität schadet es nicht, wenn dies ab und an mal zum Ausdruck kommt.

Wie intensiv nutzen Sie soziale Netzwerke?

Ich twittere auch, aber wegen der knappen Zeit nicht regelmäßig. Die Informationen, die man darüber bekommt, sollte man nicht ausblenden.