Kommentar

Keine Zeit für große Show beim Demografiegipfel

Die Bundesregierung veranstaltet ihren ersten Demografiegipfel, um über die Folgen der gesellschaftlichen Alterung zu diskutieren.

Foto: Oliver Lang / ddp

Gipfeltreffen wecken Erwartungen. Die Bundesregierung hat Vertreter von Ländern, Kommunen, Gewerkschaften, Wirtschaft und Gesellschaft eingeladen, um gemeinsam nach Strategien zu suchen, wie die Alterung der Bevölkerung bewältigt werden kann. Ein solcher Demografie-Gipfel lässt die Hoffnung keimen, die Politiker hätten trotz ihrer alltäglichen Detailarbeit das große Ganze fest im Blick. Tatsächlich aber ist die Gefahr groß, dass die Veranstaltung wenig dazu beitragen wird, damit in Deutschland die Weichen richtig gestellt werden. Denn die Krux beim demografischen Wandel ist schließlich, dass sich die notwendigen Maßnahmen erst nach vielen Jahren auszahlen werden, Politiker jedoch in Wahlperioden denken und handeln.

Nirgends sieht man das deutlicher als in der aktuellen Rentenpolitik. Die Lebenserwartung hat in Deutschland einen neuen Rekord erreicht und wird in den kommenden Jahren unverändert weiter steigen. Immer länger dauert somit der Ruhestand. Doch weil die Deutschen seit Jahrzehnten wenig Nachwuchs bekommen, wird es bald an Beitragszahlern mangeln. Trotzdem überbieten sich die Strategen der großen Parteien mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr darin, den künftigen Senioren neue Wohltaten in Aussicht zu stellen – und damit das Finanzproblem der staatlichen Rentenversicherung noch zu vergrößern. Auch die ungeliebte Rente mit 67 wird von Gewerkschaften und linken Sozialromantikern unverdrossen infrage gestellt. Dabei werden die Älteren in den Betrieben immer dringender gebraucht, da qualifizierte Arbeitskräfte hierzulande zusehends knapper werden. Statt den Menschen ehrlich zu sagen, dass die geburtenstarken Jahrgänge erst deutlich später als ihre Eltern in den Ruhestand gehen können, streut man der Bevölkerung lieber weiter Sand in die Augen. Dabei ist eine längere Erwerbsphase die beste Vorsorge gegen Altersarmut. Nötig ist eine Debatte darüber, was sich konkret in den Betrieben ändern muss, etwa in der Weiterbildung und der Gesundheitsförderung, damit die Arbeitnehmer länger ihrem Beruf nachgehen können.

Die meisten Politiker scheuen sich überdies, dem Ruf der Betriebe nach einer Lockerung der Zuwanderungsregeln zu folgen – weil auch dies von der Mehrheit im Volk nicht goutiert wird. Dabei würde nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamte Gesellschaft profitieren, wenn mehr Fachkräfte aus dem Ausland zu uns kämen.

Weil die Politik wohl kaum die Kraft für die notwendigen Umbaumaßnahmen findet, sollte sie sich – wie dies in der Wirtschaft üblich ist – unabhängige Berater zur Unterstützung holen. Wer nicht unter dem Zwang steht, gewählt werden zu müssen, scheut sich auch nicht, unpopuläre Wahrheiten auszusprechen. Die frühere rot-grüne Regierung hat diese Strategie gewählt, diverse Kommissionen eingesetzt und sich für ihre großen Arbeitsmarkt- und Sozialreformen solchen Expertenrat eingeholt. Um die Deutschland AG demografiefest zu gestalten, bleibt nicht mehr viel Zeit – schon gar nicht für Showveranstaltungen.