Andreas T.

Rätsel um Verfassungsschützer und NSU-Mord

Am Dienstag sagt der ehemalige Verfassungsschutz-Mann Andreas T. vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages aus.

Was weiß dieser Mann? Am Dienstag wird Andreas T. vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags sitzen. Ein ehemaliger Verfassungsschützer, der Rätsel aufgibt. Der heute 45-Jährige besucht am 6. April 2006 nach Dienstschluss ein Internetcafé in der Kasseler Nordstadt. Knapp eine Viertelstunde später wird der Inhaber des Ladenlokals durch zwei Schüsse getötet. Halit Yozgat ist das letzte Opfer der Mordserie an neun Migranten, die der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugerechnet wird. Doch von dem furchtbaren Verbrechen hat Andreas T. nach eigener Aussage nichts mitbekommen.

Nachdem der Fall bereits zwei Mal aufgerollt wurde, halten die Fahnder es für ausgeschlossen, dass Andreas T. der Täter ist. Allerdings glauben erfahrene Ermittler bis heute, dass T. nicht die volle Wahrheit sagt. War es purer Zufall, dass er kurz vor der Tat mit einem V-Mann aus dem rechtsextremen Milieu telefonierte? Was würde es bedeuten, wenn ein Verfassungsschützer einen NSU-Mord mitbekommen hat? Fragen, die sich die Mitglieder des Untersuchungsausschusses stellen. Dort soll T. am Dienstag aussagen.

Er meldete sich nicht bei der Polizei

Bei dem Geschehen an einem Donnerstagnachmittag im April 2006 in Kassel kommt es auf Sekunden an: T. verlässt die Kasseler Außenstelle des hessischen Verfassungsschutzes laut Stempeluhr um 16.43 Uhr. Er steuert seinen Mercedes zu dem nahe gelegenen Internetcafé in der Holländischen Straße 82. Das Lokal besteht aus einem Empfangsbereich mit Tresen und Telefonkabinen sowie einem Computerraum im hinteren Bereich. Dort verwandelt sich T. in „wildman70“. Um 16.51 Uhr loggt er sich in ein Flirt-Forum ein. Rund zehn Minuten später stirbt der Besitzer. Die Mordkommission verhört die Zeugen, die im Café während der Tat telefoniert oder gesurft haben.

Nur Andreas T. ist spurlos verschwunden. Erst nach fast zwei Wochen gelingt es der Polizei anhand der im Forum angegebenen Kontaktdaten, T. zu identifizieren. Aus der Presse und von Kollegen wusste er schon längst von der Tat – ohne sich bei der Polizei zu melden. In seiner ersten Vernehmung sagt T., er habe angenommen, er sei schon am Tag vor der Tat in dem Café gewesen. Später meint er, er habe wegen des Flirt-Surfens ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Partnerin gehabt. Zudem befürchte er, der Verfassungsschutz könne durch ihn ins Zwielicht gerückt werden.

Es geht um nur 41 Sekunden

Beruflich ist der Besuch ebenfalls ein Fiasko. Denn das Internetcafé liegt nur vier Hausnummern von einer Moschee entfernt, um die sich T. dienstlich kümmern soll. Ein Verfassungsschützer, der sich in direkter Nähe eines Observationsobjektes wiederholt in eine kompromittierende Lage bringt, verstößt in grober Weise gegen Dienstvorschriften. Könnten das Gründe sein, warum T. sagt, er habe von dem Mord nichts mitbekommen? Oder hat er das Geschäft Sekunden vor dem Mord verlassen? Laut Verbindungsdaten hat sich T. kurz nach 17.02 Uhr abgemeldet. Dann will er vorn bezahlt haben, indem er 50 Cent auf den Tresen legte. Danach will er in seinen Mercedes gestiegen sein. Das muss, so die Rekonstruktion, spätestens 17.02 und 45 Sekunden gewesen sein. 41 Sekunden später findet Vater Yozgat seinen toten Sohn. Sollte in dieser knappen Spanne der Täter das Café gestürmt und Halit Yozgat erschossen haben?

Keiner der anderen Zeugen hat die Tat gesehen, nur ein dumpfes Geräusch der Schusswaffe mit Schalldämpfer wurde gehört. Sollte T. zu diesem Zeitpunkt noch im Raum gewesen sein, muss er beim Verlassen des Lokals den niedergestreckten Besitzer Halit Yozgat registriert haben.

In den 34 Bänden Ermittlungsakten stehen weitere Merkwürdigkeiten. Als Mitglied eines Schützenvereins besitzt T. legal drei Kurzwaffen und ein Gewehr. Die bewahrt er in seiner Zweitwohnung im Haus seiner Eltern auf. Doch die wissen davon ebenso wenig wie seine Ehefrau. Grund für die Geheimhaltung: Die Familie würde sein Hobby niemals tolerieren. Außerdem entdecken Beamte Relikte aus T.s Jugend: Auszüge aus Hitlers „Mein Kampf“, per Schreibmaschine abgetippt. Unterlagen zur SS. Nachgemachte Hitler-Unterschriften. Im Ort wurde T. einst „Kleiner Adolf“ genannt. T. sagt, das sei Vergangenheit.

Verfassungsschutz und Polizei arbeiten schlecht zusammen

Trotzdem wird T. kurz in Polizeigewahrsam genommen. Vorübergehend ist er der Hauptverdächtige. Telefone werden abgehört. Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) allerdings stellt sich in kaum nachvollziehbarer Weise vor seinen Mitarbeiter. Eine Vorgesetzte telefoniert mit dem vom Dienst freigestellten T., vereinbart ein Treffen auf einem Autobahn-Rasthof. Auch das wird ein Thema für den Untersuchungsausschuss sein. Die Abgeordneten wollen den damaligen LfV-Präsidenten befragen und den damaligen Innenminister und heutigen Ministerpräsidenten Hessens, Volker Bouffier (CDU).

Warum arbeiteten Verfassungsschutz und Polizei so schlecht zusammen? Dem für den Verfassungsschutz zuständigen Minister wird vorgeworfen, dass er die Aufklärung des Mordes behindert hat. Er habe zum Beispiel nicht erlaubt, dass Ermittler die von T. betreuten V-Männer befragen dürfen. Vor allem bei der Quelle „GP 389“ wäre das interessant gewesen. Dahinter verbirgt sich der ehemalige Rechtsextremist Benjamin G. Kurz vor der Tat im Internetcafé ruft T. diesen V-Mann an. Die Bundesanwaltschaft hat den V-Mann deshalb bereits stundenlang befragt. Als Morgenpost Online ihn in Nordhessen findet, scheint auch er noch immer nicht zu wissen, warum T. ihn ausgerechnet an diesem Tag so lange sprechen wollte. „Ich habe das auch nicht geschnallt“, sagt G. Warum hat T. seinen V-Mann just in dieser Stunde angerufen? Überall Fragen. T. spricht nach wie vor von einem dummen Zufall. Vermutlich auch wieder am Dienstag.