Tag der Jugend

Berliner Jugendliche über Facebook, Sex und Spießigkeit

Der 12. August ist den jungen Menschen weltweit gewidmet. Doch was heißt das heute, jung sein? Berliner Jugendliche erzählen.

15-Jährige, die sich über Klimawandel und Euro-Krise Gedanken machen. Abiturienten, die erst mal "sichergehen" wollen. Jugendliche, die sich selbst für spießiger als ihre Eltern halten. Und deren größte Jugendsünde es ist, heimlich geraucht zu haben. Ist die Jugend von heute, wie junge Menschen zwischen 14 und 21 Jahren klischeehaft über einen Kamm geschoren werden, diszipliniert, fleißig, angepasst, unkritisch und bodenständig? Ja, ist sie. Müssen wir uns deshalb Sorgen machen? Nein, im Gegenteil. Denn die Jugend von heute ist auch freiheitsliebend, selbstständig, politisch interessiert, sexuell aufgeschlossen – und optimistisch. Und genau das ist es doch, was Jungsein ausmacht: dass die ganze Welt vor einem liegt. Während die Krise die Welt der Erwachsenen in Schwarzmalerei versinken lässt, lassen sich die Jugendlichen nicht beirren. Sie nehmen ihr Leben in die Hand – und es geht ihnen gut damit. Auch ohne Occupy. Rebellion ist nicht, trotzdem haben sie Spaß dabei. Die Vereinten Nationen haben den Internationalen Tag der Jugend 1999 ins Leben gerufen. In diesem Jahr lautet das Motto "Building a better world" (eine bessere Welt schaffen). Unsere Jugend ist schon dabei.

Manuel Kaminsky (15) aus Dahlem

Über das Jungsein zu reden findet Manuel irgendwie komisch, er lacht, wenn er Fragen wie "Was bedeutet Jugend für dich?" beantworten soll. "Ist halt cool", sagt er dann. Und wenn er den unmodernen Ausdruck der Jugend von heute in drei anderen Worten zusammenfassen soll? "Fast Food, Facebook, Sex", sagt Manuel und lacht wieder. Eine Freundin habe er aber "gerade nicht".

Manuel geht in die zehnte Klasse des Gymnasiums, weiß schon, welchen Leistungskurs er wählen wird: "Auf jeden Fall Englisch, das kann man später gut gebrauchen. Ist schließlich eine Weltsprache." Denn dass die Welt ihm offensteht, ist irgendwie selbstverständlich für Jugendliche wie Manuel. Und er hat auch schon weiter gedacht: "Später will ich Ingenieur werden. Auf keinen Fall Physiker, Mathematiker oder Busfahrer." Es müsse schon was Interessantes sein. Manuels Mutter stammt aus Spanien, er hat sich informiert, wo man dort Ingenieurswissenschaften studieren kann: In Madrid soll das gut sein. "Aber erst muss ich ein gutes Abi machen – ohne gutes Abi keine gute Uni und kein guter Job."

Sein Leben als Jugendlicher sei "gut, normal halt". Er habe keine Träume, aber alle Freiheiten, die er sich wünschen könne. "Ich hab viel Freizeit, treffe oft meine Freunde, ist alles ganz entspannt", sagt Manuel. Doch er macht sich auch Gedanken um Dinge wie den Klimawandel oder die Euro-Krise: "Das beunruhigt mich schon. Der Klimawandel aber mehr als die Finanzkrise, für die ich mich aber auch interessiere. Man muss in Zukunft einfach mehr Elektroautos produzieren, die dann billiger verkauft werden."

Das Beste am Jungsein:

Noch nicht arbeiten zu müssen

Das Nervigste am Jungsein:

Verbote und Beschränkungen

Meine größte Jugendsünde:

Da gibt es keine

Larissa Braun (16) aus Charlottenburg

Jungsein sei nicht immer leicht, meint Larissa. "Irgendwann gilt es als cool, bestimmte Dinge zu machen – und wer sie nicht mitmacht, hat es schwer." Und dennoch: "Als junger Mensch hat man heute extrem viele Möglichkeiten, kann noch ganz unbeschwert vieles ausprobieren." Ab September wird Larissa für ein Jahr in Frankreich leben, unter der Woche im Internat, am Wochenende bei einer Gastfamilie. "Ich bin schon richtig nervös", sagt sie – und sieht es gleichzeitig als großes Geschenk: "Wir erleben so vieles immer noch zum ersten Mal. Das erste Mal weg von zu Hause sein, der erste Kuss, die erste Beziehung – alles ist neu."

Doch der Druck in der Schule nehme jungen Menschen auch viele Möglichkeiten – "zumindest, wenn man sich anstrengt". Larissa hat die achte Klasse übersprungen, wird in Frankreich die elfte Klasse besuchen und diese nach ihrer Rückkehr in Berlin wiederholen. So verpasst sie nichts und verliert dennoch kein Jahr im Vergleich zu ihren Altersgenossen. Das Abenteuer wagen – aber nur im abgesicherten Modus. "Abenteuerlust" ist dennoch ein Begriff, mit dem Larissa das Jugendgefühl beschreibt – auch wenn die heutigen Abenteuer junger Menschen vielleicht nicht immer auch verwegen oder gefährlich sind. Larissas Leidenschaften jedenfalls sind das Nähen, Backen und Kochen.

Die 16-Jährige träumt nun von einem Stipendium in Saint Martins, der berühmten Modeschule in London, einem begehbaren Kleiderschrank und, später, einem kleinen Café mit Modeatelier. Doch der nächste Schritt ist das Abitur: "Ich glaube, danach ist man frei."

Das Beste am Jungsein:

Vom großen Leben träumen können

Das Nervigste am Jungsein:

Nicht richtig ernst genommen werden

Meine größte Jugendsünde:

Kommt noch

Jan Böhm (20) aus Schöneberg

Nach dem Abitur vor einem Jahr war Jan noch unentschlossen. Da war sein Interesse für Mode, die Idee, etwas daraus zu machen. "Aber bevor ich mich festlege und Geld in eine Ausbildung investiere, wollte ich erst mal sichergehen."

Also machte er ein Praktikum im Quartier 206. Für Jan bedeutet seine Jugend, "dass man sich ausprobieren kann, auch in der Mode". Gerade seine Generation wolle immer anders sein, nicht uniform – gerade dadurch würden aber alle gleich aussehen. "Doch mit jedem Trend, den man ausprobiert und mitmacht, kann man sich doch selbst entdecken." Röhrenjeans und Neonfarben, Musterleggings und Jutebeutel könne man irgendwann nicht mehr tragen – zumindest nicht, ohne lächerlich zu wirken. Ein Privileg der Jugend. Jan kleidet sich dennoch klassisch: schlichtes Hemd und Jeans.

Solange Jan kein Geld verdient, will er übrigens bei seinen Eltern wohnen bleiben. "Deren Jugend war wilder. Mein Vater ist einfach ausgezogen mit 18, ohne Job nach West-Berlin, hat da irgendwie sein Studium finanziert und in einer WG gewohnt", sagt er. Bewunderung und Anerkennung klingen mit, wenn er von diesem Leben erzählt, das ganz anders verlief als seines. "Wir sind auf jeden Fall spießiger." Die Gespräche mit seinen Freunden drehten sich vor dem Abi dauernd darum, welchen Schnitt man erreichen will, was man wo studieren kann. Schon in der Schule werde ihnen klargemacht, dass die Konkurrenz groß sei, so Jan. Daher fehle ihnen die Energie für gesellschaftliches Engagement: "Es gibt keine Jugend, die zusammenhält, eher verschiedene Kreise, die ihr Ding machen."

Das Beste am Jungsein:

Die Welt steht uns offen

Das Nervigste am Jungsein:

Man wird oft nicht ernst genommen

Meine größte Jugendsünde:

Man ärgert sich eher über das, was man nicht getan hat

Tammy Tietz (14) aus Spandau

Tammys größter Traum ist es, einmal Detlef D! Soost zu treffen, den Tanztrainer und Jurychef der Castingshow "Popstars". So viel zu jugendlichen Schwärmereien. Einen ernsthaften Versuch hat Tammy, die Street-Dance macht, noch nicht gestartet. Traum ist Traum, gerade wenn die Realität doch so viel von den Jugendlichen fordert. Tammy geht in die neunte Klasse einer Sekundarschule und sagt: "Ich habe eine neue Einstellung zur Schule. Früher hab ich nicht gerne gelernt, mich nicht angestrengt. Dann war ich auch nicht so gut – und jetzt arbeite ich mehr, melde mich, mache mit."

Seitdem sei es auch nicht mehr so langweilig in der Schule. Aber vor allem geht es Tammy darum, schon jetzt ihre Zukunft vorzubereiten: "Mir ist klar: Wenn ich mich jetzt nicht richtig anstrenge, wird das nichts." Sie will einen guten mittleren Schulabschluss, das Abi schaffen und dann einen guten Job. Auch für ihr Privatleben hat sie schon sehr konkrete Vorstellungen: "Ich will später unbedingt zwei Kinder. Der Junge soll älter sein als das Mädchen."

Tammy fühlt sich relativ frei als Jugendliche in Berlin. "Ich glaube, das Leben für junge Menschen ist viel weniger streng als früher. Meine Freunde und ich haben ziemlich viele Freiheiten." Bei manchen sei es aber schon zu frei, findet zumindest Tammy: "Ich kenne eine, die darf unter der Woche bis 23 Uhr raus. Es gibt auch Leute in meinem Alter, die kiffen und rauchen und jetzt schon richtig abstürzen." Daher fällt es ihr schwer, sich und ihre Altersgenossen als homogene Gruppe, als die Jugend zu sehen: "Ist ja jeder irgendwie anders."

Das Beste am Jungsein:

Man sieht besser aus

Das Nervigste am Jungsein:

Man darf nicht alles

Meine größte Jugendsünde:

Ich habe mal geraucht

Jannik Gottwald (18) aus Marzahn

Jetzt jung zu sein ist schon eine besondere Herausforderung", sagt Jannik, "die Welt hat sich verändert, und jeder muss gucken, wo er bleibt." So hat Jannik sich früh darum gekümmert, wo er bleibt, und nach seinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Verkäufer begonnen. Der 18-Jährige scheint früh erwachsen geworden, seit fast zwei Jahren steht er im Berufsleben. Jungsein bedeutet für ihn, dass man die Freiheit hat, Erfahrungen machen zu dürfen. Und Fehler.

Das heißt für ihn aber nicht, auszubrechen, ein Jahr lang durch Thailand zu trampen oder gegen das Elternhaus zu rebellieren. Schließlich will er auch erst mal noch zu Hause wohnen bleiben. Jannik spricht vielmehr davon, dass man den Ausbildungsplatz noch mal wechseln könne, wenn einem der Beruf nicht gefalle. "Bei unseren Eltern war das alles vielleicht noch anders – aber wenn wir sehen, wie die Welt sich entwickelt, dann müssen wir einfach darauf achten, dass unsere Zukunft gesichert ist." Für Rebellion bleibt da keine Kapazität, eher für die Verwirklichung der eigenen Träume. Und die sind bodenständig: "Ich möchte eine Familie gründen, das ist mir am wichtigsten", sagt Jannik. Materielle Wünsche habe er nicht.

Seine Freizeit sieht bisher meistens noch so aus: Facebook, Fußball spielen, ins Kino gehen. Doch das Leben als junger Mensch in Berlin unterscheide sich je nach Bezirk. "In Marzahn sind die meisten jungen Leute nicht so gut drauf, warten darauf, nach der Schule Hartz IV zu bekommen. Bin ich dann mal in Friedrichshain, merke ich, wie viel lockerer da Leute meines Alters sind."

Das Beste am Jungsein:

Man darf noch Fehler machen

Das Nervigste am Jungsein:

Dass man häufig Fehler macht

Meine größte Jugendsünde:

Meiner Mutter Zigaretten geklaut

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