Gesundheitspolitik

FDP will dicke Kinder zum Abnehmen motivieren

15 Prozent der drei- bis 17-Jährigen sind in Deutschland übergewichtet. Jetzt arbeitet die Koalition an einer Präventionsstrategie

Die Geschichte von Moby Dick handelt, kurz gesagt, vom Kampf zwischen einem Pottwal und Kapitän Ahab, der durch den Wal ein Bein verlor und deshalb Jagd auf ihn macht. Und auch wenn der Name des Wals gar nichts mit seiner enormen Größe zu tun hat, so eignet sich "Moby Dick" im deutschen Sprachraum für doppeldeutige Bezeichnungen.

Ein Netzwerk von Beratungsstellen, das ein "Gesundheitsprogramm für übergewichtige Kinder" anbietet, hat sich ganz bewusst für diesen Namen entschieden: "Der Wal hat den Kampf gewonnen", sagt "Moby Dick"-Sprecher Gernot Schmahlfeldt. "Für Kinder, die normalgewichtig werden wollen, ist das eine wichtige Bestätigung."

Zahl der übergewichtigen Kinder katastrophal angestiegen

Mit Sport, Ernährungstipps und gemeinsamem Kochen versuchen die Berater bei "Moby Dick" zu helfen. Etwa 300 Kinder und Jugendliche nehmen bundesweit an den Kursen teil, sie treffen sich einmal die Woche in einer festen Gruppe. Die Gebühren, die der private Verein verlangt, werden in der Regel zu 80 Prozent von den Krankenkassen bezahlt. Über die Notwendigkeit der Beratung besteht kein Zweifel: "Die Zahl der übergewichtigen Kinder ist katastrophal angestiegen", sagt Schmahlfeldt.

Eine Studie des Robert Koch-Instituts über die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen Instituts zeigt, dass insgesamt 15 Prozent der drei- bis 17-Jährigen übergewichtig sind. Gut sechs Prozent davon leiden bereits an Adipositas, also an besonders heftigem Übergewicht.

Dies entspricht etwa 1,9 Millionen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen bundesweit. Viele von ihnen leiden nicht zuletzt deshalb schon in jungen Jahren unter Diabetes vom Typ 2, dem so genannten Altersdiabetes. Er ist meistens auf Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen. Verantwortlich dafür ist wiederum, dass immer mehr Kinder ihre Freizeit vor Fernseher und Computer verbringen und seltener im Sportverein.

Fahrradhelm oder Schultasche als Belohnung

"Wir müssen etwas dagegen unternehmen, dass es immer mehr Kinder mit Diabetes Typ 2 gibt", sagt der FDP-Gesundheitspolitiker Erwin Lotter "Welt Online".

Als Gegenmaßnahme will Lotter den Kindern Anreize setzen: "Wenn sich Kinder und Eltern vom Arzt beraten lassen und das Gewicht binnen eines halben Jahres sinkt oder mindestens gleich bleibt, dann gibt es eine Belohnung", schlägt Lotter vor. Dies könne ein Fahrradhelm, eine Schultasche oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein sein – aber auf jeden Fall kein Bargeld.

Maßstab für den Erfolg solle der Body-Maß-Index (BMI) sein, schlägt Lotter vor. Das Geschenk gebe es, wenn die BMI-Formel aus Gewicht und Körpergröße sich beispielsweise nach einem halben Jahr dem Idealwert annähert oder sich zumindest nicht verschlechtert. Bezahlt werden sollen die Geschenke von den Krankenkassen.

"Wenn man weiß, was die Behandlung von Diabetes kostet, dann sollten die Krankenkassen ein gesteigertes Interesse daran haben, sich an solchen Vorsorge-Programmen zu beteiligen", sagt Lotter.

Der Abgeordnete, der selbst Arzt ist, arbeitet innerhalb der FDP-Bundestagsfraktion an der Präventionsstrategie, die die Liberalen im Herbst präsentieren wollen. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat bereits angekündigt, dass einer der Schwerpunkte dieses Vorsorgeprogramms die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sein soll.

Er wolle "die Kompetenz von Kinder- und Jugendärzten noch besser nutzen". Jüngst hatte der Minister auch die Einführung weiterer vorbeugende Untersuchungen in den Schulen angekündigt.

"Mit Druck geht da gar nichts"

Hermann-Josef Karl, Präventionsfachmann des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, ist überzeugt, dass gerade Übergewicht durch frühzeitiges Gegensteuern vermieden werden kann. "Wichtig ist eine vernünftige Ernährungsberatung von Anfang an", sagt Karl.

Es lasse sich nachweisen, dass Kinder, die im ersten Jahr gestillt werden, seltener übergewichtig würden. "Wir fordern seit Langem, dass im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen eine standardisierte Beratung zu Ernährung und Bewegung stattfindet", erinnert Karl. Viele Kinder- und Jugendärzte würden dies schon machen, viele aber leider auch nicht.

Ob gezielte Belohnungen, wie sie FDP-Politiker Lotter vorschweben, sinnvoll sind, ist unter Experten zumindest umstritten. "Moby Dick"-Sprecher Schmahlfeldt gibt zu bedenken, dass es für viele Kinder Überwindung und viel Mut kostet, überhaupt an solchen Ernährungskursen teilzunehmen: "Sie gestehen sich ja mit der Teilnahme innerlich ein, dass etwas nicht stimmt."

Sonst würden Eltern oder Großeltern sie ja nicht zu einem solchen Kurs anmelden. Viele Kinder würden vorher in der Schule gehänselt. "Mit Druck geht da gar nichts", sagt Schmahlfeldt, der regelmäßig das erste Informationsgespräch mit Kinder und Eltern führt. "Wir wollen bei Kindern und Eltern eine Bewusstseinsänderung erreichen, das geht nicht mit Schnellschüssen."

Ärzte sollen finanziell profitieren

Jenseits der Kindergesundheit will Gesundheitspolitiker Lotter sich für eine Stärkung der betrieblichen Gesundheitsvorsorge einsetzen. Hier komme es vor allem darauf an, die einzelnen Krankenkassen, bei denen die Arbeitnehmer eines Unternehmens beschäftigt seien, zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Auch sollten Ärzte, die Patienten zu gesundheitsbewusstem Verhalten anleiten, finanziell davon profitieren. "Prävention ist für Ärzte mit zeitlichem Aufwand verbunden. Das muss mit einer entsprechenden Gebührenziffer honoriert werden", sagt Lotter "Welt Online".

Weitere Details zur Präventionsstrategie sollen bei einem Treffen der Gesundheitspolitiker von FDP und Union Anfang September besprochen werden. CDU und CSU haben ihre Vorschläge bereits vorgelegt. Dazu gehört im Kern die Installation eines "Nationalen Rates für Prävention und Gesundheitsförderung". Er soll die Aufgabe bekommen, konkrete Ziele der Gesundheitsförderung, die Rahmenbedingungen dafür und Maßstäbe für die anschließende Kontrolle zu erarbeiten.

Die Krankenkassen sollen mehr Geld als heute für die Prävention zur Verfügung gestellt bekommen.