Fall Buback

Mörder nehmen die Wahrheit wohl mit ins Grab

35 Jahre nach dem Mord an Generalbundesanwalt Buback wurde Verena Becker wegen Beihilfe verurteilt. Die Prozess-Bilanz ist aber ernüchternd.

Die Augen hatte sie wie immer hinter dunklen Sonnengläsern verborgen. So konnte man die Gefühle nur an ihrer Körperhaltung ablesen. Ex-Terroristin Verena Becker war erstarrt, als sie dem Urteil zuhörte. Die Richter des 6. Strafsenats befanden die 59-Jährige für schuldig, Beihilfe zum Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback sowie seinen beiden Begleitern Wolfgang Göbel und Georg Wurster am 7. April 1977 in Karlsruhe geleistet zu haben. Sie verurteilten die Angeklagte zu vier Jahren Gefängnis.

Vollständig verbüßen wird die Berlinerin diese aber nicht müssen: Zwei Jahre und sechs Monate werden im Zuge eines „Härteausgleichs“ als bereits vollstreckt gewertet, weil Becker bereits wegen sechsfachen Mordversuchs bei ihrer Festnahme am 3. Mai 1977 eine lebenslange Haftstrafe verbüßt hat. Ob die verbleibende Reststrafe von 18 Monaten zur Bewährung ausgesetzt wird, ist noch nicht entschieden. In jedem Fall muss Becker, die als Frührentnerin überwiegend von staatlicher Hilfe lebt, die Kosten des Verfahrens tragen.

Bei Vorbereitung eine Schlüsselrolle gespielt

Das Gericht unter Vorsitz von Herrmann Wieland folgte mit seinem Urteil weitgehend der Bundesanwaltschaft. Diese hatte für Becker wegen Beihilfe zum Mord eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten gefordert; die Verteidigung hatte hingegen auf Freispruch plädiert.

Wie schon die Bundesanwaltschaft glaubt auch das Gericht zwar nicht, dass Becker unmittelbar an dem Dreifachmord beteiligt war („Bei ihr bestand zwar großes Tatinteresse, sie hatte aber keine Tatherrschaft.“). Allerdings habe Becker bei drei Vorbereitungstreffen der RAF – im Jemen, im Harz und in den Niederlanden – eine Schlüsselrolle gespielt. Die Angeklagte habe nicht nur an allen Treffen teilgenommen, sondern dabei auch auf eine schnelle Ausführung des schon im Jemen geplanten Anschlags auf den Generalbundesanwalt gedrungen. Damit folgte Becker den Befehlen der RAF-Gründer Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin, die zu diesem Zeitpunkt in Stammheim inhaftiert waren und von den Illegalen in Freiheit mit wachsender Vehemenz „Aktionen“ verlangt hatten. Die Erklärung von Verena Becker vor Gericht, sie habe sich bei diesen Treffen nicht besonders hervorgetan, hielt das Gericht für nicht glaubwürdig. Es stützte sich dabei vor allem auf Aussagen des ehemaligen RAF-Mitglieds Peter-Jürgen Boock, der ebenfalls bei den Treffen dabei war und Becker dabei als besonders hart und unnachgiebig geschildert hatte.

Becker genoss nach Ansicht der Richter einen hohen Status, weil sie als Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ bereits einen Anschlag verübt hatte und freigepresst worden war. Das prädestinierte sie trotz ihres jungen Alters in der sogenannten zweiten Generation der RAF zur Anführerin.

Kritik am Verhalten des Nebenklägers Buback

In seinen Vorbemerkungen sprach der im Prozess immer ruhig und väterlich wirkende Vorsitzende Richter von einem „außergewöhnlichen Verfahren“. Den daran geknüpften „außerordentlich hohen Erwartungen“ habe man nur teilweise genügen können. Man habe versucht, im Rahmen des Verfahrens auch die Identität der direkten Tatbeteiligten zu ermitteln. Dies sei aber nicht gelungen. Wieland verwahrte sich gegen den Eindruck, das jetzige Verfahren sei nur auf Druck von Michael Buback, dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, zustande gekommen. Falsch seien Behauptungen, es habe nach dem Attentat bei den Ermittlungen massive Pannen und bewusste Manipulationen gegeben: „Aus einer langen Rückschau vom Schreibtisch der Geschichte aus ist es einfach, Vorwürfe zu formulieren.“

Deutliche Kritik übte Wieland am Verhalten des Nebenklägers Michael Buback während der Hauptverhandlung. Auch wenn es „menschlich nachvollziehbar“ sei, so habe sich dieser doch im Verlauf der Hauptverhandlung streckenweise zu „nicht haltbaren Vorwürfen“ hinreißen lassen. Dies belege, dass es falsch sei, „persönlich Anwalt in eigener Sache sein zu wollen“.

Der Chemieprofessor Michael Buback war entgegen seiner ursprünglichen Ankündigung doch zur Urteilsverkündung erschienen. Anschließend äußerte er sich enttäuscht: „Wir haben zur Kenntnis genommen, dass es dem Gericht nach 21 Monaten nicht gelungen ist, der Aufklärungspflicht nachzukommen.“ Die Bundesanwaltschaft stehe bei der Aufklärung des Falls wieder am Anfang.

Es war ein streckenweise merkwürdiger Prozess

Eine der zentralen Fragen, die den Prozess begleiteten, war die nach dem Verhältnis der Angeklagten zum Verfassungsschutz. Nach Auffassung des Gerichts gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass Becker einen besonderen Schutz des Geheimdienstes genossen hat oder sogar von diesem zu Taten animiert worden sei. Zutreffend sei lediglich, dass Becker 1981 Informationen an den Verfassungsschutz gegeben und dafür im Gegenzug Geld und „Vorteile im Strafvollzug“ erhalten habe.

Es war ein streckenweise merkwürdiger Prozess, den Beobachter 97 Verhandlungstage lang in Stuttgart erlebten. Während der Plädoyers hatte es eine seltene Einigkeit zwischen Anklage und Verteidigung gegeben. Sowohl die Bundesanwaltschaft als auch Beckers Verteidiger Walter Venedey und Wolfgang Euler sind überzeugt, dass die Angeklagte nicht unmittelbar an der Ermordung von Siegfried Buback und seiner Begleiter beteiligt war. Die These, sie könne selbst als Schützin auf dem Sozius der Suzuki gesessen haben, vertrat nur die als Nebenkläger auftretende Buback-Familie. Das führte im Gerichtssaal manchmal zu einer eigentümlichen Verschiebung der Prozessarchitektonik. Mehrfach lieferten sich Bundesanwaltschaft und Nebenkläger Michael Buback heftige Verbalgefechte, bei denen sich die Verteidigung in der Rolle des entspannten Beobachters wiederfand.

Die Befürchtungen der Justiz vor ideologischen Kollateralschäden bestätigten sich übrigens nicht. Das kleine Sympathisantengrüppchen, das die Auftritte der als Zeugen geladenen Ex-Terroristen gelegentlich mit Applaus oder Demonstrationen begleitete, wirkte eher wie verwirrte Groupies einer Band, die sich längst aufgelöst hat. So wurde die Verhandlung von der Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim in ein deutlich weniger martialisch wirkendes Justizgebäude in der Innenstadt verlegt.

Nichts zur Klärung beigetragen

Geändert hat sich auch das Verhalten der Angeklagten. Bei ihrem ersten Prozess 1977 hatte Verena Becker den Vorsitzenden Richter noch als „altes Schwein“ beschimpft und durch heftigen Widerstand dafür gesorgt, dass sie regelmäßig von der Verhandlung ausgeschlossen wurde. Auch bei der Urteilsverkündung war sie nicht anwesend. In diesem Prozess hat Becker nur ein einziges Mal krankheitsbedingt gefehlt. Und als das Plädoyer zu Ende war, und ihr das letzte Wort erteilt wurde, da sagte sie nur: „Vielen Dank“.

Von den „Schatten der Vergangenheit“ hat Becker in privaten Aufzeichnungen, die die Polizei bei ihr fand, geschrieben. Und sich gefragt, ob sie Licht hineinbringen solle. In Stuttgart hat sie diese Chance vertan. Sehr spät im Prozess hat sie zwar ausgesagt, aber nichts zur Klärung der Tat beigetragen. Auch eine Bitte um Entschuldigung hat sie Michael Buback verweigert, vielleicht auch aus prozesstaktischen Gründen. „Es geht uns um die Wahrheit“, hatte Buback vor der Verkündung des Urteils betont. Doch der Prozess gegen Becker, der hierzulande das letzte Verfahren gegen die RAF sein könnte, hat gezeigt: Vermutlich werden die Mörder die Wahrheit mit ins Grab nehmen.