Neue Trassen

Energiewende kostet Deutschland Milliarden

Die Stromnetze in Deutschland sind auf den geplanten Ausbau des Ökostroms nur unzureichend vorbereitet. Das wird teuer.

Foto: DAPD

Der für die Energiewende in Deutschland notwendige umfassende Ausbau des Stromnetzes kann nach Ansicht der Netzbetreiber zum größten Teil innerhalb des schon bestehenden Netzes erfolgen. Trotzdem ist auch der Bau tausender Kilometer neuer Stromnetz-Trassen notwendig, wie der am Mittwoch vorgestellte Netzentwicklungsplan (NEP) feststellt. Die Kosten für den Ausbau schätzen die Betreiber auf etwa 20 Milliarden Euro.

Der Netzausbau gilt als ein entscheidendes Element der Energiewende. Die Netze müssen aus- und umgebaut werden, da sich die Erzeugung drastisch ändert: Bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke abgeschaltet, der Anteil der erneuerbaren Energien deutlich ausgebaut werden.

Neue Trassen vor allem in Nord-Süd-Richtung

„Der Netzausbau ist elementarer Bestandteil für das Gelingen der Energiewende“, erklärten die Betreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW. Notwendig seien vor allem neue Stromleitungen, die den Windstrom aus dem Norden in die Industriezentren im Westen und Süden Deutschlands bringen. „Das Tempo des Netzausbaus bestimmt das Tempo der Energiewende“, sagte der technische Geschäftsführer von Amprion, Klaus Kleinekorte.

Der NEP solle „die Grundlage legen für Versorgungssicherheit und einen stabilen Netzbetrieb in Deutschland“, sagte der Chef des Netzbetreibers Tennet, Martin Fuchs. Soweit wie möglich – in mehr als der Hälfte der Fälle – sollten bestehende Leitungen optimiert oder ausgebaut werden. Zusätzlich müssten allerdings auch neue Trassen vor allem in Nord-Süd-Richtung gebaut werden.

Zum Einsatz kommen soll dabei auch eine neue Technik: sogenannte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ). Diese eignen sich besonders gut zum Transport großer Strommengen über lange Wege. Sie seien „Strom-Autobahnen ohne Ausfahrten“, die Strom von einem Punkt im Norden zu einem Punkt im Süden transportierten, sagte Kleinekorte.

Widerstand gegen Trassen

Als Endpunkte der neuen Strom-Autobahnen aus dem Norden schlagen die Unternehmen vor allem bisherige Akw-Standorte vor – so dass die bestehenden Verteilernetze weiter genutzt werden könnten. Sie erhielten damit „ein Verlängerungskabel in den Norden Deutschlands“, sagte 50Hertz-Chef Boris Schucht.

Umstritten sein dürfte in Zukunft vor allem, wo die neuen Trassen exakt entlang führen sollen. Bereits jetzt regt sich Widerstand in Teilen der Bevölkerung gegen mögliche neue Übertragungsleitungen. Der Netzentwicklungsplan bezieht dazu nicht konkret Stellung: Er legt fest, wo neue Leitungen anfangen und enden sollten, die konkrete Streckenführung müssen die zuständigen Behörden in den Bundesländern entscheiden. Koordinieren soll dieses Verfahren nach Ansicht der Netzbetreiber die Bundesnetzagentur.

Die voraussichtlichen Kosten des Netzausbaus von rund 20 Milliarden Euro entsprächen nur rund fünf bis zehn Prozent der Gesamtkosten der Energiewende, erklärten die Netzbetreiber. Da die Kosten der Übertragungsnetze am Strompreis auch nur drei bis fünf Prozent ausmachten, dürfte Strom dadurch nicht viel teurer werden.

Der vorgelegte erste Entwurf für den NEP soll nun zunächst öffentlich diskutiert werden. Daran können sich auch Bürger über das Internet beteiligen, zudem sind Veranstaltungen geplant. Ergebnis der Diskussion wird ein zweiter Entwurf sein, der anschließend der Bundesnetzagentur vorgelegt und dann Basis eines Bundesbedarfsplans für den Netzausbau werden soll.

Verbraucherzentralen befürchten weiter steigende Strompreise

Die Strompreise werden nach Ansicht des Bundesverbands der Verbraucherzentralen auch in den kommenden Jahren deutlich zulegen. „Ich befürchte, dass die Strompreise wie schon in den letzten Jahren jährlich um 2 oder 3 Prozent steigen werden“, sagte Verbandschef Gerd Billen am Mittwoch in Mainz. Der Ausbau der Stromnetze für die Energiewende werde erhebliche Kosten verursachen. Auch die Bundesregierung hatte sich besorgt gezeigt, dass die Kosten aus dem Ruder laufen könnten.

Der oberste Verbraucherschützer hält die Umlage für Ökostrom mit Solaranlagen für zu hoch. Er schlug gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner vor, die Förderung für eine Dachanlage von 24,43 Cent pro Kilowattstunde Solarstrom auf 15 Cent zu senken. Die Bundesregierung plant eine Kürzung auf 19,50 Cent pro Kilowattstunde. Klöckner sagte: „Irgendwann muss ein Kind auch allein laufen können.“

Die Länder hatten die Kürzungsvorschläge der Bundesregierung bei der Solarförderung um bis zu 30 Prozent abgelehnt – vielfach, um Solarfirmen zu schützen. Billen kritisierte: „Ich glaube, dass die Ministerpräsidenten da zu kurz denken.“ Die Länder verhandeln nun mit dem neuen Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) über einen Kompromiss. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) hatte gefordert, die Kürzung zeitlich zu strecken.