Staatsanleihen

Deutschland nimmt neue Schulden zum Nulltarif auf

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Foto: AFP

Deutschland muss für mehr Schulden keine Zinsen zahlen. Die Versteigerung von Bundesschatzanweisungen brachte 4,6 Milliarden Euro ein.

So billig wie Wolfgang Schäuble (CDU) hat bislang noch kein Bundesfinanzminister neue Schulden gemacht: Erstmals in der Geschichte lieh sich der deutsche Staat Milliarden von Anlegern, ohne dafür auch nur einen Cent an Zinsen zahlen zu müssen. Trotzdem rissen sich die Anleger um die Bundesschatzanweisungen mit zweijähriger Laufzeit.

Bei einer Versteigerung zweijähriger Bundesschatzanweisungen mit einem Zinskupon von null Prozent lag die erzielte Rendite bei 0,07 Prozent, wie die Bundesbank in Frankfurt mitteilte. Dies ist der tiefste jemals erzielte Effektivzins in diesem Laufzeitbereich.

Die kleine positive Nominalverzinsung kam nur deswegen zustande, weil die Anleger die Anleihe zu einem Kurs unter dem Nennwert des Papiers erhielten. Die reale Verzinsung liegt bei einer aktuellen Inflationsrate von 2,1 Prozent deutlich im negativen Bereich. Das bedeutet, dass die Investoren über die Laufzeit hinweg Vermögensverluste erleiden.

Die Nachfrage nach dem neuen Papier war dennoch hoch. Sie hätte ausgereicht, um deutlich mehr als das Angebot unterbringen zu können. Insgesamt nahm der Bund mit der Auktion 4,555 Milliarden Euro auf. Der Restbetrag soll über die sogenannte Marktpflegequote am freien Markt angeboten werden, damit auch Kleinanleger zugreifen können. Somit steigt das Gesamtvolumen der Emission auf 5 Milliarden Euro.

Deutschland gilt als einer der letzten verlässlichen Kreditnehmer im Währungsraum. Aus diesem Grund laufen die Anleger bereits seit Monaten in Scharen den „sicheren Hafen“ deutscher Staatsanleihen an.

Deutschland gilt als sicherer "Parkplatz"

„Wer einen Parkplatz für sein Geld sucht, der kommt um deutsche Papiere nicht herum“, sagte Commerzbank-Analyst David Schnautz. „Für die Anleger geht es um den puren Kapitalerhalt. Bei deutschen Papieren können sie sicher sein, das eingesetzte Geld in voller Höhe zurückzubekommen.“ Das sieht Zinsstratege Richard McGuire von der Rabobank in London genauso: „Den inzwischen krisenerfahrenen Investoren ist Kapitalerhalt wichtiger ist als die Rendite.“

Für die Geldgeber besteht sogar noch die Chance, die Anleihen an den Märkten mit Gewinn zu verkaufen. „Sollte die Schuldenkrise weiter eskalieren, treibt das die Anleger noch mehr in deutsche Papiere“, sagte Schnautz. „Deren Kurse können durch die starke Nachfrage steigen, so dass am Ende doch noch eine gute Rendite stehen könnte.“

Der Bund muss sich in diesem Jahr 252 Milliarden Euro bei Investoren leihen, um Altschulden zu tilgen und neue Schulden zu finanzieren. Während Finanzminister Schäuble Milliarden an Kosten spart, stellt das niedrige Zinsniveau für Lebensversicherer und Pensionsfonds ein großes Problem dar. Sie sind aufsichtsrechtlich verpflichtet, einen Großteil ihres Geldes in möglichst ausfallsichere Staatsanleihen zu stecken. Da die Inflationsrate in Deutschland derzeit bei gut zwei Prozent liegt, liegen die Realzinsen im negativen Bereich. Für Lebensversicherer ist es damit schwierig, hohe Renditeversprechen einzuhalten.

Vom Status des Bundes als sicherer Hafen profitiert die Staatsbank KfW : Sie sammelte fünf Milliarden Euro bei Investoren ein. Der Zins für die Bonds mit drei Jahren Laufzeit lag mit 0,625 Prozent so niedrig wie nie zuvor. Insgesamt hat die KfW in diesem Jahr bereits 47 Milliarden Euro eingesammelt, am Ende des Jahres sollen es wie 2011 rund 80 Milliarden Euro sein.

Im Januar war dem Staat sogar das bis dahin einmalige Kunststück gelungen, mit Schulden Geld zu verdienen. Beim Verkauf von Geldmarktpapieren mit einer Laufzeit von sechs Monaten nahm der Bund 3,9 Milliarden Euro ein – bei einem durchschnittlichen von minus 0,0122 Prozent. Danach streicht der Staat damit eine Prämie von rund 242.000 Euro ein.

Ganz anders ist die Lage in den krisengeschüttelten Staaten Italien und Spanien. Dort stiegen die Marktzinsen für zehnjährige Staatsanleihen weiter und liegen nun jeweils bei rund sechs Prozent. Zum Vergleich: Für deutsche Papiere werden nur 1,4 Prozent verlangt. Auch wegen dieser enormen Differenz fordern viele Euro-Länder vor dem am Abend beginnenden EU-Sondergipfel die Ausgabe gemeinsamer Anleihen – gegen den erbitterten Widerstand der Bundesregierung. In einem solchen Fall würden sich die Zinskosten dank der deutschen Vertrauenswürdigkeit für die Krisenstaaten verringern und deren Kampf um eine Sanierung der öffentlichen Haushalte erleichtern, Deutschland käme am Markt dann aber nicht mehr so billig davon wie derzeit. Die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone würde damit zudem gleichzeitig Risiken der Schuldenländer übernehmen.

( dpa/Reuters/mim )

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