Linke-Paar

Lafontaine und Wagenknecht - Verliebte ziehen in den Krieg

| Lesedauer: 5 Minuten
Miriam Hollstein

Foto: DPA

Vor rund 300 Anhängern der Linken in Berlin zeigten sich Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht als angrifflustiges Paar.

Was derzeit bei der Linken geschieht, erinnert frappierend an den Kinohit „Die Tribute von Panem“. Dort treten in einer Zukunftsgesellschaft Abgesandte von verschiedenen „Distrikten“ zu einer Art postmodernem Gladiatorenkampf an. Es gilt das Prinzip: Jeder gegen jeden, alle Mittel sind erlaubt. Sieger ist, wer am Ende überlebt.

Auch bei der Linken sind seit vergangenem Dienstag die Spiele eröffnet. An diesem Tag ließ Ex-Parteichef Oskar Lafontaine die Genossen wissen, er könne sich eine Rückkehr an die Parteispitze vorstellen. Allerdings nur, wenn er dazu nicht gegen seinen parteiinternen Rivalen Dietmar Bartsch antreten müsste. Der Reformer Bartsch hatte seine Kandidatur für den Parteivorsitz bereits im November angekündigt. Lafontaine hatte daraufhin lange geschwiegen.

Wahl der Parteispitze steht an

Nun drängt die Zeit: Die neue Führung soll bereits in zwei Wochen in Göttingen gewählt werden. Am Sonntag sind die Spiele nun in eine weitere Runde gegangen. Da hatte der Verein Freiheit durch Sozialismus, der der zum fundamentalistischen Flügel zählenden Sozialistischen Linken nahesteht, kurzfristig zu einer Strategiekonferenz ins Haus der Berliner Stadtmission eingeladen.

Rund 300 Anhänger sind gekommen, darunter einige Bundestagsabgeordnete wie Nicole Gohlke, Diether Dehm und Bundesgeschäftsführer Werner Dreibus. Mit etwas Verspätung erscheinen auch die beiden Stargäste Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine. Ein Auftritt im Gladiatorenstil: Eben hat der Moderator gesagt, er wünsche sich Lafontaine zurück, da betritt dieser die Arena – mit Wagenknecht im flaschengrünen Kostüm an seiner Seite. Das Publikum quittiert den Einzug mit „Oskar, Oskar“-Rufen.

Hauptgegner SPD

Manch einer im Publikum hofft darauf, Wagenknecht werde zum Angebot von Dietmar Bartsch Stellung nehmen. Dieser hatte am Sonnabend in einem Interview zwar bekräftigt, in Göttingen antreten zu wollen. Aber er deutete auch erstmals an, er könne sich eine Doppelspitze mit Wagenknecht vorstellen.

Sahra Wagenknecht gibt freilich eine klare Antwort auf dieses für ihre Anhänger „unmoralische Angebot“. In ihrer halbstündigen Rede teilt sie so heftig gegen Bartschs Reformerflügel aus, dass dort der Traum von einer Doppelspitze mit ihr endgültig zerplatzt sein dürfte. Zunächst zählt die 42 Jahre alte Linke-Frontfrau noch „objektive Gründe“ dafür auf, dass sich die Linke in einer „existenziellen Krise“ befinde. So habe die Bereitschaft der SPD, mit der CDU Koalitionen einzugehen, potenzielle Linke-Wähler entmutigt. Zur Krise habe auch eine „fast flächendeckende Medienblockade“ linker Themen beigetragen.

Wagenknecht kritisiert „selbstzerstörerische Debatten“

Offenbar ist Wagenknecht entfallen, wie ausführlich die Medien im vergangenen Jahr über den Programmparteitag in Erfurt berichtet hatten. Der hauptsächliche Grund für die Krise sei aber selbst verschuldet, sagt Wagenknecht schließlich. Sie spricht von Mitgliedern, die „massive Selbstprofilierung“ auf Kosten der derzeitigen Parteiführung betrieben hätten und von einem „bestimmten Flügel“, der „selbstzerstörerische Debatten“ auf Kosten der Partei geführt habe. Seit Lafontaine sein Angebot einer Rückkehr unterbreitet habe, laufe nun wieder „das gleiche miese Spiel“. Der vor allem im Osten verankerte Reformerflügel bekommt auch noch an anderer Stelle sein Fett weg. Die Linke, so doziert Wagenknecht, habe nicht nur im Westen Stimmen verloren, sondern auch im Osten.

Ausdrücklich erwähnt Wagenknecht Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, vergleicht die Ergebnisse bei den dortigen Landtagswahlen mit dem deutlich besseren Abschneiden bei der Bundestagswahl 2009. In Mecklenburg-Vorpommern etwa sei die Linke von 29 auf 18,4 Prozent abgesackt, in Berlin von 20,2 auf 11,7. Dass selbst im „Oskar-Land“ an der Saar die Linke einen Verlust von 5,1 Prozentpunkten hinnehmen musste, erwähnt sie nicht. Dem gegnerischen Flügel wirft Wagenknecht einen falschen Kurs vor. Es sei „völlig absurd, in dieser Situation eine Annäherung an die SPD zu propagieren“. Stattdessen müsse die Linke sich noch stärker vom „neoliberalen Kartell“ abgrenzen (zu dem Wagenknecht auch die SPD zählt) und sich stärker auf außerparlamentarische Bewegungen wie „Blockupy“ konzentrieren.

Damit knüpft Wagenknecht an die Strategie ihres Mentors und Lebensgefährten Oskar Lafontaine an: Der verortet den wahren Feind der Linken nicht im schwarz-gelben Lager, sondern bei der SPD. Und dann fällt doch noch der Name Bartsch. Dieser habe kürzlich in einer Rede vor dem Bundestag zum Haushalt nur die Regierung angegriffen, nicht aber die SPD, kritisiert Wagenknecht: „Wir dürfen die Linke nicht denen überlassen, die aus ihr eine Light-Version machen wollen.“ Kompromissbereitschaft sieht anders aus.

Oskar Lafontaine tritt erst am Nachmittag ans Rednerpult und erklärt noch einmal, warum er keine „Kampfkandidatur“ gegen Dietmar Bartsch will. 14 Mal sei er bereits Spitzenkandidat einer Partei gewesen, zählt Lafontaine auf, davon vier Mal in der Linken, auch den Posten des Parteivorsitzenden und Fraktionsvorsitzenden habe er schon innegehabt. Da müsse er sich einen solchen Kraftakt nicht mehr antun. Die Spiele des Pöbels, so lautet Lafontaines Botschaft, hat er bereits überwunden. Und er wiederholt seine Bedingungen: „Ich wäre bereit, noch einmal anzutreten, wenn es gelingt, eine kooperative Führung aufzubauen, in der alle auf das gegnerische Tor zielen und nicht auf das eigene.“

Im Film „Die Tribute von Panem“ überlebt übrigens dann doch nicht nur ein Einzelkämpfer. Es ist ein Liebespaar, das als Sieger vom Platz geht.

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