Neues Buch

Sarrazin zieht Verbindung vom Holocaust zur Euro-Krise

Mit Empörung reagieren Spitzenpolitiker auf Thesen von Thilo Sarrazin (SPD). Sein neues Buch heißt "Europa braucht den Euro nicht".

Thilo Sarrazin sorgt wieder einmal bundesweit für heftige Kontroversen: Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Ex-Bundesbank-Vorstand zieht in seinem neuesten Buch über die Euro-Krise eine Verbindung zwischen dem Holocaust und der Euro-Krise. So wirft er der SPD, den Grünen und der Linkspartei, die für die Einführung von Euro-Bonds sind, vor, sie seien auch „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“. Dafür wurde Sarrazin schon am Sonntag heftig kritisiert. Das Buch selbst erscheint erst am Dienstag.

Der SPD-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, reagierte empört – auf Sarrazins Holocaust-These und den Fernsehauftritt in der ARD-Talkshow „Günther Jauch“ am Sonntagabend. Die These „ist so schwachsinnig, dass man darüber gar nicht diskutieren sollte“, sagt Robbe der „Bild am Sonntag“. „Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen“, verlangte er.

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende in Bundestag, Jürgen Trittin, warf dem ehemaligen Berliner Finanzsenator Rechtspopulismus vor und forderte die Sozialdemokratie indirekt auf, Sarrazin aus der SPD auszuschließen. „Man kann den Holocaust leugnen oder ihn wie Thilo Sarrazin zur Verbreitung antieuropäischer Rechtspopulismen instrumentalisieren“, sagte Trittin der „Bild am Sonntag“. „Beides ist gleich unerträglich.“ Man wundere sich nur, dass Sarrazin mit dieser offen rechten Ideologie immer noch in der SPD sein könne, so der Grünen-Fraktionsvorsitzende.

„Deutschland schafft sich ab“ wurde zum Bestseller

Sarrazin hatte bereits vor zwei Jahren mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ und seinen Thesen zur Integration scharfe Kritik ausgelöst. So hatte er behauptet, dass Deutschland sich durch eine Kombination aus Geburtenrückgang, wachsender Unterschicht und zunehmender Zuwanderung vor allem aus muslimischen Ländern selbst aufgebe. Außerdem behauptete er, dass Intelligenz vererbbar sei. Das Buch wurde zum Bestseller, die Berliner SPD beantragte den Parteiausschluss Sarrazins, der dann aber nicht erfolgte. Die Bundes-SPD verständigte sich mit Sarrazin auf eine Erklärung, er durfte Parteimitglied bleiben. Gleichwohl halten alle führenden SPD-Politiker wie Parteichef Sigmar Gabriel oder Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit seitdem deutliche Distanz zu Sarrazin.

In seinem neuen Buch mit dem provozierenden Titel „Europa braucht den Euro nicht“ beschäftigt sich der 67-Jährige nun mit der Euro-Krise und den Folgen für Deutschland und die anderen europäischen Länder.

Am Sonntagabend diskutierte Sarrazin darüber auch bei „Günther Jauch“ mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Dieser gilt als ein möglicher SPD-Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2013. Sarrazin sagte in der Sendung, er sei überzeugter Europäer und glaube an die europäische Integration. Eine gemeinsame Währung sei dafür aber nicht notwendig. Steinbrück entgegnete, dass eine europäische Währung eine tragende Säule der europäischen Integration sei. Deutschland habe eine europapolitische Verantwortung. Werde der Euro erschüttert, würde das ganze europäische Gesellschaften destabilisieren. Er warf Sarrazin auch wegen der umstrittenen Holocaust-Passage „Geschichtsvergessenheit“ vor. Sarrazin meinte dagegen, die „deutsche Schuld aus der Nazi-Diktatur und dem Völkermord kann kein Argument für eine gemeinsame Währung sein“. Er wehre sich dagegen, dass Deutschland wegen der Schuld aus der Vergangenheit heute auch noch die Schulden anderer Länder übernehme.

Vor dem Gasometer in Berlin-Schöneberg, aus dem die Talkshow gesendet wurde, protestierten Demonstranten gegen die Teilnahme Sarrazins an der Gesprächsrunde.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte zu Sarrazins These, Europa brauche den Euro nicht: „Ich teile die Meinung von Herrn Sarrazin in keiner Weise, aber er hat natürlich das Recht, sie zu verbreiten.“ Entweder rede und schreibe Sarrazin „aus Überzeugung einen himmelschreienden Blödsinn, oder er macht es mit einem verachtenswerten Kalkül“, sagte er Bundesfinanzminister der „Bild am Sonntag“. Sarrazin versuche nur, an den kommerziellen Erfolg seines ersten Buches anzuknüpfen.