Neues Buch

Sarrazin will notwendige Debatte über den Euro anstoßen

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Thilo Sarrazins neues Buch ist noch gar nicht erschienen, doch schon entgleist die Debatte darüber, meint Olaf Gersemann. Ein Kommentar.

Helmut Schmidt redete seinen Landsleuten ins Gewissen: „Wir Deutschen sind uns nicht ausreichend im Klaren darüber, dass bei fast allen unseren Nachbarn wahrscheinlich noch für viele Generationen ein latenter Argwohn gegen die Deutschen besteht.“ Auch die heutige Bevölkerung, mahnte der Altbundeskanzler auf dem SPD-Bundesparteitag im Dezember, dürfe „nicht vergessen: Es war der Argwohn gegenüber einer zukünftigen Entwicklung Deutschlands, der 1950 den Beginn der europäischen Integration begründet hat“. So weit, so selbstverständlich: Holocaust und Zweiter Weltkrieg einerseits und der deutsche Einsatz für Europas Einigung andererseits stehen in einem Zusammenhang: Das darf man sagen, auch und gerade als Sozialdemokrat. Es sei denn, der Genosse heißt Thilo Sarrazin. Dann ist alles anders.

In seinem Buch, das am Dienstag erscheint, soll der frühere Spitzenpolitiker geschrieben haben, dass deutsche Euro-Bond-Befürworter die Aufgabe von Souveränität als eine Art Beitrag zur Wiedergutmachung begriffen. Na und? Die Aufgabe von Souveränität war stets integraler Bestandteil der europäischen Einigung. In Debatten ging es nie um das Ob – sondern nur um das vernünftige Maß. Und ja, das Maß an Souveränität, das Deutschland abzutreten bereit war, es wäre ohne Holocaust und Weltkrieg vermutlich geringer ausgefallen.

„Nationalistischen Unsinn“ werfen die Grünen Sarrazin dennoch vor, und FDP-Generalsekretär Patrick Döring bezeichnet Sarrazins Einlassung sogar als „unzulässig“, eine bemerkenswerte Äußerung über einen Debattenbeitrag, zumal wenn sie aus dem Munde eines Mannes kommt, der sich liberal nennt. In der SPD ist schon von Talkshow-Boykotten die Rede – obwohl man dann eigentlich konsequenterweise auch Helmut Schmidt boykottieren müsste.

Vermutlich geht es hier gar nicht um Sarrazins Wiedergutmachungsthese. Keiner der Politiker, die über den Autoren herfallen, dürfte das Buch schon gelesen haben. Ebenso kann unterstellt werden, dass die Wiedergutmachungsthese nur eine Nebensache in dem Werk ist. Sarrazin will nämlich anderes, er will belegen, dass der Euro ein Irrweg war. Ob ihm das gelingt, wird sich ab Dienstag zeigen. Klar ist aber, dass die Debatte, die er anstoßen will, eine ist, die nötig ist – so wie 2010, als Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ erschien, eine Debatte über die Integration von Ausländern überfällig war.

Damals wurde Sarrazin für einzelne absurde Äußerungen rhetorisch an den Rand der Gesellschaft gedrückt – von Leuten, die die Debatte als Ganzes verhindern wollten. Derlei Versuche, das zeigt die vorbeugende Entrüstung, könnten jetzt wieder gestartet werden. Doch die Steuerzahler, die in der Euro-Krise in einem Umfang von mehreren Hunderten Milliarden Euro als Bürgen herangezogen werden, haben ein Recht darauf zu hören, was Thilo Sarrazin zu sagen hat.

„Unzulässig“ ist hier gar nichts – außer vielleicht, die Debatte als „unzulässig“ zu bezeichnen.

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