Buback-Prozess

Ex-Terroristin Becker bricht das RAF-Schweigegelübde

Wird die Aussage von Verena Becker den Mordfall Buback aufklären? Zum ersten Mal wäre das Schweigen der Ex-Terroristen gebrochen.

Kleine Signale hatte es gegeben. Während der bisher 86 Verhandlungstage im Mordfall Buback hatte die Angeklagte stets aufmerksam das Prozessgeschehen verfolgt. Sie hatte den mitunter wirren Zeugenaussagen ebenso konzentriert zugehört wie den Appellen des Vorsitzenden Richters an die als Zeugen geladenen einstigen RAF-Terroristen, die historische Chance für eine Aufklärung doch zu nutzen. Nicht ein einziges Mal war bei Verena Becker dabei jene Pose – eine Mischung aus krampfhafter Pseudo-Coolness und Staatsverachtung – zu sehen, die viele ihrer einstigen Kampfgefährten im Gerichtssaal an den Tag legten.

Bereits vor Beginn der Hauptverhandlung waren in ihrer Berliner Wohnung Notizen gefunden worden, die nahelegten, dass sie der Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern im Jahr 1977 nicht losließ. Und dann hatte es immer wieder auch Andeutungen ihrer Anwälte gegeben, dass es vielleicht zu einer Aussage kommen könnte. Doch bislang hatte Verena Becker im Gericht geschwiegen.

Die Nachricht kam deshalb völlig überraschend: Am Donnerstag kündigte Beckers Verteidiger Walter Venedey an, seine Mandantin werde erstmals eine umfassende Aussage zu den Tatvorwürfen machen. „Frau Becker wird sich am 14. Mai zur Sache äußern“, sagte Venedey vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Auch die ungefähre Länge der Aussage gab er an: rund fünfzehn Minuten. „Sie kann einige Sachen so nicht stehen lassen“, sagte Beckers zweiter Verteidiger Hans Wolfgang Euler außerhalb des Verhandlungssaals. Becker werde sich „umfassend zur Sache äußern. Sie wird sich nicht verstecken.“ Auf die Frage, was Becker sagen werde, antwortete Euler: „Sie wird sagen: ja oder nein.“

Buback-Sohn überrascht

Nebenkläger Michael Buback, der Becker für die Mörderin seines Vaters hält, hatte mit diesem Schritt nicht gerechnet. „Für mich kam das völlig überraschend“, sagte Buback. Es gebe viele Fragen, die Becker beantworten könne: „Sie gehört zweifelsohne zu den Menschen, die wissen, wer auf dem Tatmotorrad saß.“ Von einer schwarzen Suzuki GS 750 aus waren am 7. April 1977 in Karlsruhe die Schüsse auf den Dienstwagen seines Vaters abgegeben worden.

Zurückhaltend äußerte sich Bundesanwalt Walter Hemberger: „Ich schaue ihrer Aussage mit Interesse entgegen. Warten wir ab, was sie sagen wird, dann sehen wir weiter.“ Der Anklage zufolge soll Verena Becker eine maßgebliche Rolle bei der Entscheidung für das Attentat auf Buback und seine Begleiter sowie bei der Organisation des Anschlags gespielt haben. Das Gericht hat aber darauf hingewiesen, dass auch eine Verurteilung wegen Beihilfe in Betracht komme – sofern es überhaupt zu einer Verurteilung kommt.

Wird die Aussage von Verena Becker den Mordfall Buback aufklären? Das ist die Kernfrage, um die es geht. Es wäre eine Sensation, denn zum ersten Mal würde damit das von den Ex-Terroristen ausgegebene Schweigegelübde gebrochen. Gesprochen haben bislang nur die, die nicht zur Kerngruppe gehörten, zum Beispiel Silke Maier-Witt. Eine Ausnahme ist nur Peter-Jürgen Boock. Doch der 60-Jährige, der der Waffenspezialist der RAF war, hat mit seinen zahlreichen und teilweise widersprüchlichen Aussagen mehrfach Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit aufkommen lassen.

Im Prozess gegen Verena Becker hatte er ausgesagt, diese sei seinem Wissen nach nicht direkt an der Tat, wohl aber an ihrer Vorbereitung beteiligt gewesen. So sei Becker 1976 mit anderen RAF-Mitgliedern in einem Trainingslager im Südjemen gewesen, bei dem unter anderem der Mord an Buback („Der General muss weg“) beschlossen worden sei. Wer den Generalbundesanwalt umgebracht habe, wisse er aber nicht.