Koran-Verteilung

Innenministerium fürchtet eine religiöse Eskalation

Rechtspopulisten schüren in NRW den Streit um Koran-Verteilungen. Am Sonnabend sollen die Bücher auch in Berlin verschenkt werden.

Foto: DAPD

Das Bundesinnenministerium fürchtet in den kommenden Wochen eine Eskalation zwischen radikalen Islamisten und Rechtspopulisten in Nordrhein-Westfalen. Grund dafür ist eine derzeit laufende Aktion der als rechtspolitisch und islamfeindlich geltenden Bürgerinitiative Pro-NRW.

Im Zuge der Kampagne „Freiheit statt Islam“ ruft die Initiative derzeit auf, Karikaturen zum Thema Islam und Muslime einzuschicken, die im Mai vor den größten Moscheen in Nordrhein-Westfalen ausgestellt werden sollen.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums teilte am Freitag mit, diese provokante Aktion sei zwar im Bereich der Kunstfreiheit und Meinungsäußerung einzustufen, werde aber mit großer Sorge beobachtet.

Sicherheitsbehörden sind alarmiert, weil aufgrund der Reaktion aus der Islamistenszene eventuell mit Gewalt zu rechnen sei. „Das politisch-religiöse Klima im Land wird weiter angeheizt“, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Von Seiten des Verfassungsschutzes hieß es, man habe Pro-NRW und deren Aktivitäten im Blick.

Propaganda-Aktion

Mit Blick auf das aktuelle Koran-Verteil-Projekt der islamistischen Szene heißt es aus Sicherheitskreisen, die Kampagne sei primär als Propaganda-Aktion zu verstehen. Es sei fraglich, ob durch die kostenlose Verteilung von Tausenden Koran-Übersetzungen wirklich im großen Stil Menschen zum Islam finden würden.

Die Aufmerksamkeit ist da. Damit haben die radikal-islamischen Salafisten eines ihrer Ziele bereits erreicht, sagte der Religionssoziologe Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück. Jeder spreche nun über die Salafisten.

Ceylan begründete, warum die Bewegung gefährlich sei: „Ihre Attraktivität für junge Menschen liegt in der Vereinfachung der Religion durch klare Verbote und Gebote. Man hat nach ihrem theologischen Verständnis zu leben, sonst kommt man nicht ins Paradies.“

Ein von der zuständigen Druckerei Ebner & Spiegel in Ulm angekündigter Druckstopp der Koran-Übersetzungen wird nicht umgehend zu einem Ende der Verteilung führen. Am heutigen Sonnabend sind 38 Infostände in ganz Deutschland geplant, auch am Potsdamer Platz in Berlin. Die Polizei werde laut Bundesinnenministerium die Infostände „genau im Auge behalten“.

Nach Einschätzung des Berliner Verfassungsschutzes gilt die Hauptstadt für die Initiatoren der Koran-Aktion als wichtiger Standort. Ziel der Kampagne sei es, Interessierte in Kontakt mit der salafistischen Szene zu bringen und sie im Sinne ihrer politisch-extremistischen Ideologie zu beeinflussen.

„Ganz wichtig ist: Problematisch aus Sicht des Verfassungsschutzes ist nicht der Koran und seine Verteilung, sondern die Verteiler, die sogenannten Salafisten“, sagte die Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes, Claudia Schmid. „Den Salafisten geht es um Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern. Der Koran ist nur ein Mittel zum Zweck.“ Es liegen laut Verfassungsschutz bereits Anmeldungen für weitere Infostände in Berlin vor. Ob der vom Initiator erhoffte Umfang der Aktion auch in Berlin erreicht werde, bleibe abzuwarten, so Schmid.