Linke

Wer nach Gesine Lötzsch Parteichef werden könnte

Nach dem abrupten Abgang der Linken-Chefin könnte Oskar Lafontaine wiederkommen. Aber auch andere können sich Hoffnungen machen.

Es war tiefe Nacht, als Gesine Lötzsch zur Vorsitzenden der Linkspartei wurde. Und es war Nacht, als sie dieses Amt wieder abgab. Am 27. Januar 2010 um 4 Uhr morgens stand ihr Name auf der Liste, die eine von Fraktionschef Gregor Gysi mit den Landesvorsitzenden und dem Parteivorstand ausgekasperte neue Führungsarchitektur der Partei beschrieb. Es waren sonderliche Stunden im Reichstag. Als „Nacht der langen Messer“ oder „Nacht des freien Willens“ sind sie manchen in unguter Erinnerung. Lötzsch war das Produkt aus dem Zusammenwirken und der Abwägung widerstreitender Meinungen. Eine Frau, aus dem Osten, verdient, erfahren, kühl, konfliktscheu. Kalkulierbar?

Gysi und der damals scheidende Parteichef Oskar Lafontaine hatten sie nicht zu lenken vermocht. Auch ihr Abgang beweist dies. Am Dienstag um 23.17 Uhr traf per Mail eine Pressemitteilung ein: „Gesine Lötzsch erklärt Rücktritt vom Parteivorsitz.“ In fünf nüchternen Sätzen schildert Lötzsch, dass es ihrem Mann schlecht gehe, weshalb sie sich nicht mehr häufig außerhalb Berlins aufhalten wolle. Sie kündigt an, ihr Bundestagsmandat zu behalten, und dankt allen Mitgliedern der Partei. Ihren Co-Vorsitzenden Klaus Ernst, auch er ein Produkt jener kalten Januar-Nacht, erwähnt sie nicht. Vielmehr wünscht sie ihrer „Nachfolgerin“ Gesundheit und Erfolg.

Keinen Widerspruch geduldet

Auf eine einsame Entscheidung, die keinen Widerspruch duldet, deutet die späte Uhrzeit der Erklärung hin. Zuvor wurden offenbar nur wenige Handy-Nachrichten an Mitglieder der Parteiführung verschickt, fanden ein paar Anrufe statt. Die Linken-Führung wurde zwar nicht von der Krankheit des 80-jährigen Ronald Lötzsch, wohl aber von deren Konsequenzen überrascht. Am Tag danach schildert Lötzsch vor Journalisten, denen sie Nachfragen verwehrt, wie sie ihren Mann am 31. März in ein Berliner Krankenhaus brachte und wie sie in der Folge zahlreiche Wahlkampfauftritte in Schleswig-Holstein absagen musste. Ihre Stimme, die zum Schnippischen neigt und nicht zur Märchenerzählerin taugt, offenbart, wie bewegt sie ist.

Für den Juni ist ein Parteitag in Göttingen geplant. Bis dahin will Klaus Ernst nun die Linke allein führen. An den persönlichen Gründen Lötzschs hegt niemand ernste Zweifel. Respekt und Bedauern überwiegen in den offiziellen Reaktionen. Doch nicht wenige sehen den Abgang auch als letzten Ausweg, eine Blamage abzuwenden.

Dabei hatte Lötzsch bereits im vergangenen Jahr erklärt, wieder als Vorsitzende kandidieren zu wollen. Doch viele warfen ihr vor, sich zu früh ins Spiel gebracht zu haben. Ernst hat sich bis heute nicht erklärt. „Nicht schon wieder Personaldebatte!“, das ist der tägliche Stoßseufzer einer Partei, die seit der Bundestagswahl 2009 fast nur mit ihren Köpfen für Schlagzeilen gesorgt hat. Auf sieben Prozent taxieren sie die Demoskopen sie nun, bei der Bundestagswahl waren es noch 11,9 Prozent. Lötzsch wird daran eine Mitschuld gegeben. Sie trug kaum einen Streit souverän aus und provozierte weitere: Die Ost-Berlinerin sinnierte über „Wege zum Kommunismus“ und ließ dem kubanischen Diktator Fidel Castro schöne Grüße zum Geburtstag bestellen. Nach Lötzsch erklärte bisher nur noch Dietmar Bartsch, einst starker Bundesgeschäftsführer und von Gregor Gysi Anfang 2010 entmachteter Paradereformer, seine Kandidatur. Er und Lötzsch zusammen, das war aber immer klar, würde nicht gehen, da beide aus dem Osten stammen.

Nun ist der Weg für den Mann aus Mecklenburg-Vorpommern scheinbar frei, aber möglicherweise ebenso für Lafontaine. Ist Lötzsch den Leuten in der Partei zuvorgekommen, die bereit waren, sie für einen der beiden Männer zu opfern? Schon melden sich die ersten, die den einen wie den anderen auf den Schild heben wollen. „Ich hoffe, dass Oskar Lafontaine seine Kandidatur erklärt“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Jan van Aken. Und Bodo Ramelow, Fraktionschef in Thüringen, meinte, er wünsche sich Personen, die „Vision und Pragmatismus“ verkörpern. „Hätte ich einen Wunsch frei, dann Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch“, sagte er. Ähnlich sieht es Sachsens Linken-Vorsitzender Rico Gebhardt: „Ich kann mir das Modell Dietmar Bartsch/Sahra Wagenknecht gut vorstellen.“ Wagenknecht, derzeit Vize-Parteichefin und Lebensgefährtin Oskar Lafontaines, hatte bislang erklärt, nicht gegen Lötzsch und eigentlich gar nicht antreten zu wollen. Klar ist: Käme Wagenknecht an die Macht, dann wäre Lafontaine verhindert. Denn so viel familiäre Ämterhäufung würde die Partei nicht hinnehmen. Lafontaine kann es aber auch nicht mit Bartsch werden, denn die Satzung sieht mindestens eine Frau an der Spitze vor.