Kramp-Karrenbauer

"Frauen haben ein Gespür für Authentizität"

Die saarländische Wahlsiegerin plädiert für eine weiblichere politische Perspektive – und spricht sich gegen das Betreuungsgeld aus. Die CDU müsse ihre Darstellung verändern.

Morgenpost Online: Frau Kramp-Karrenbauer, hat sich Angela Merkel bei Ihnen entschuldigt? Sie hielt Ihre Entscheidung, in diese Wahl zu gehen, für falsch und machte daraus keinen Hehl.

Annegret Kramp-Karrenbauer: Eine Entschuldigung ist nicht notwendig. Angela Merkel hatte am Anfang tatsächlich etwas Probleme mit unserer Entscheidung. Aber sie hat bereits am Freitag, auf unserer Abschlussveranstaltung, ganz deutlich gemacht, dass sie unseren Kurs voll mit trägt.

Morgenpost Online: Sie haben eine marode FDP fallen gelassen und sind dafür belohnt worden, auf eine große Koalition zu setzen. Frau Merkel könnte von Ihnen lernen, oder?

Kramp-Karrenbauer: Die FDP hat sich im Saarland selbst demontiert durch das Verhalten der eigenen Führung. Das kann man auf die Situation im Bund so nicht übertragen.

Morgenpost Online: Die FDP im Bund ist mit der Selbstzerstörung noch nicht so weit wie an der Saar?

Kramp-Karrenbauer: Im politischen Alltag kann sich vieles schnell ändern. In Schleswig-Holstein und in NRW liegt die FDP doch schon wieder bei vier Prozent.

Morgenpost Online: Sie sind vor allem von Saarländerinnen gewählt worden. Warum?

Kramp-Karrenbauer: Frauen haben ein besonderes Gespür für Authentizität. Meine Wählerinnen nehmen mich als eine von ihnen wahr. Denn ich habe die gleichen Alltagsprobleme wie sie, etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Frauen sind außerdem sehr darauf bedacht, dass man konsequent handelt. Sie wollen noch mehr als Männer, dass das umgesetzt wird, was gesagt wird.

Morgenpost Online: Sie sind nicht nur eine Frau, Sie machen auch dezidiert Politik für Frauen. Würden Sie dies, im Lichte Ihres Wahlsieges, auch der CDU stärker empfehlen?

Kramp-Karrenbauer: Absolut. Frauen haben eine ganz andere Sicht auf Politik. Frauen fremdeln mit unseren klassischen Ritualen und typischen Abläufen. Manche Parlamentsdebatte, die wir führen, schreckt die Wählerinnen geradezu ab!

Wir müssen den Streit um die besten Ideen führen, aber dazu muss nicht gehören, dass man den politischen Gegner niedermacht. Politische Auseinandersetzungen sollten nie um der Auseinandersetzung willen geführt werden. Fehler sollten offen und ehrlich zugegeben werden.

Frauen haben immer schon so empfunden, immer mehr Männer tun es heute aber auch. Der politische Betrieb wird sich darauf einstellen müssen. Deshalb ist die CDU gut beraten, zu überlegen, was an ihrer politischen Darstellung verändert werden kann.

Morgenpost Online: Sollte die CDU eine gesetzliche Frauenquote für Unternehmen durchsetzten?

Kramp-Karrenbauer: In der Tat sollten wir hier schnell Nägel mit Köpfen machen. Die Quote ist einfach eine Notwendigkeit. Wir können doch nicht abwarten, bis deutsche Unternehmen wegen ihres geringen Frauenanteils von der Auftragsvergabe in wichtigen europäischen Ländern ausgeschlossen werden! Wir haben es sehr lange Zeit mit Einsicht und freiwilligen Vereinbarungen versucht – leider erfolglos. Deswegen sollten wir jetzt auf gesetzlichem Wege Ernst machen.

Die CDU wäre gut beraten, wenn sie dieses Thema schnell regelt – sonst kommt der Wahlkampf, und andere Parteien werden dann noch ganz anders damit umgehen.

Morgenpost Online: Stattdessen hat sich die Koalition auf ein Betreuungsgeld verständigt. Verschreckt das nicht die Wählerinnen, die Sie gewählt haben?

Kramp-Karrenbauer: Ich tue mich schwer mit dem Betreuungsgeld. Das hat auch etwas mit Prioritätensetzung zu tun. Wir haben noch großen Nachholbedarf beim Krippenausbau. Auf keinen Fall darf das Betreuungsgeld mit Abstrichen beim Elterngeld finanziert werden. Wenn Erziehungsleistungen anerkannt werden sollen, sollte besser die Rente für ältere Frauen erhöht werden, die in ihrem Leben Familie und Beruf nicht unter einen Hut bringen konnten.

Morgenpost Online: Ist die CDU so modern?

Kramp-Karrenbauer: Eine Lehre meines Wahlsiegs ist vielleicht, dass wir uns als CDU trauen können, unsere Modernität auch offen zu zeigen. Wir stehen für Familien. Aber Familie funktioniert im Jahr 2012 anders als im Jahr 1955. Wir müssen Antworten geben, die die Menschen heute erreichen. Und der Lebensentwurf der meisten Menschen ist heute, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Dazu müssen übrigens auch die Arbeitgeber ihren Teil leisten, indem sie Berufstätigen Zeit ermöglichen, in denen emotionale Bindungen in den Familien aufgebaut werden können. Das ist eine durchaus konservative Diskussion – aber eine konservative Diskussion im Jahr 2012.

Morgenpost Online: Sie haben angekündigt, als Ministerpräsidentin einen höheren Spitzensteuersatz anzustreben.

Kramp-Karrenbauer: Wir haben die Korrektur der kalten Progression beschlossen. Das finde ich richtig, aber es kostet das Saarland 25 Millionen Euro. Die müssen kompensiert werden. Ich habe es immer für falsch gehalten, dass Rot-Grün den Spitzensteuersatz gesenkt hat.

Morgenpost Online: Davor lag der bei 53 Prozent.

Kramp-Karrenbauer: So hoch kann man nicht mehr gehen, aber die konkrete Ausgestaltung muss noch besprochen werden. Dabei müssen wir darauf achten, dass die Personengesellschaften geschont werden. Aber auch hier gilt: Dieses Thema wird jetzt gelöst, oder es wird Thema im Bundestagswahlkampf.

Morgenpost Online: Die FDP blockiert auch einen gesetzlichen Mindestlohn .

Kramp-Karrenbauer: Die CDU/CSU-Fraktion erarbeitet gerade einen Tarif-Mindestlohn, der besser ist als der politische Mindestlohn von SPD, Grünen und Linken. Die FDP sollte einsehen: Ein Mindestlohn wird sowieso kommen – und dann besser ein intelligenter und wirtschaftsfreundlicher.

Morgenpost Online: Sie haben gesagt, die Einhaltung der Schuldenbremse hinge von einer vernünftigen wirtschaftlichen Entwicklung ab. Aber die ist doch im strukturschwachen Saarland gar nicht gegeben.

Kramp-Karrenbauer: Das Saarland ist nicht mehr strukturschwach. Wir haben die niedrigste Arbeitslosenquote seit 30 Jahren und ein überproportionales Wirtschaftswachstum. Wir stehen zur Schuldenbremse. Deshalb führen wir die Nettoneuverschuldung auch zurück. Was bleibt, ist das Problem der Altschulden. Im Saarland stellt sich das intensiver als anderswo. Dafür muss eine Lösung gefunden werden.