Alois Glück

"Christentum wird keine dominante Stellung behalten"

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, glaubt, dass die Kirchen nicht mehr lange eine Sonderrolle spielen. Er warnt vor einem Rückzug aus den Lebensräumen der Menschen.

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Morgenpost Online: Herr Glück, Sie möchten in der Kirche einen neuen Aufbruch wagen. Ist das nicht eine arg strapazierte Vokabel?

Alois Glück: Keineswegs. Stagnation kann nur durch einen Aufbruch überwunden werden. Wir müssen uns Gedanken machen, ob die Art der Verkündigung mit der Entwicklung Schritt gehalten hat, wie wir die Menschen besser erreichen. Deshalb brauchen wir einen Aufbruch. Das Konzil und die Gemeinsamen Synoden von Würzburg und Dresden in den 70er- beziehungsweise 80er-Jahren waren Meilensteine eines neuen kirchlichen Denkens. Aber heute erleben wir viel Stagnation.

Morgenpost Online: Wie kann diese Stagnation überwunden werden?

Glück: Einmal durch Besinnung auf die Ergebnisse des Konzils. Wir müssen als Antwort auf die jetzige Situation ein Leitbild entwickeln. Der Erfurter Bischof Joachim Wanke hat das Leitmotiv genannt: eine den Menschen dienende Kirche.

Morgenpost Online: Zuwendung zu den Menschen? Die Missbrauchsfälle hängen der Kirche noch immer wie ein Mühlstein am Hals.

Glück: Ja, das waren schmerzliche Erfahrungen. Gleichzeitig gingen davon starke positive Impulse aus. Endlich wurden die Opfer in den Mittelpunkt gerückt. Hier schließt das vorher genannte Leitbild an. Trotz aller Schwächen: Es ist beachtlich, wie unsere Kirche reagiert hat. Keine andere Institution war bei der Aufarbeitung dieser Skandale so konsequent. Und wie man in Deutschland vorgegangen ist, das war richtungsweisend für die Weltkirche.

Morgenpost Online: Schaut man auf die Debatten, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Es herrscht Lagerdenken in der Kirche in Deutschland …

Glück: … was ich nicht bestreiten will. Wir sind von einer guten Diskussionskultur weit entfernt. Stil und Atmosphäre der innerkirchlichen Debatten sind manchmal erschreckend. Der Katholikentag im Mai in Mannheim soll deshalb ein Forum für einen fairen Austausch der Argumente sein.

Morgenpost Online: Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann sagt, die Kirche befinde sich in der schwierigsten Situation seit der Säkularisation. Teilen Sie dieses Urteil?

Glück: Im Großen und Ganzen ja. Die Sozialgestalt der Kirche wird sich verändern. Das Christentum generell wird nicht mehr lange die dominante Stellung behalten. In München kommen die Mitglieder der beiden christlichen Konfessionen nur noch auf knapp 50 Prozent der Einwohner. Das sogenannte katholische München ist damit noch nicht antikirchlich, aber die Sonderrolle der Kirche wird längerfristig nicht mehr gegeben sein.

Wir müssen uns darauf konstruktiv, nicht mit Selbstmitleid und unehrlicher Verklärung der Vergangenheit einstellen. Unsere Wirksamkeit wird von dem abhängen, was wir zu sagen haben, nicht von unserer traditionellen Rolle.

Morgenpost Online: Im Zusammenhang mit der Bundespräsidentenwahl war von einem Nachlassen des katholischen Einflusses auf die Politik die Rede. Das Staatsoberhaupt ist evangelisch, die Bundeskanzlerin ebenfalls.

Glück: Das ist ein falscher Bezugspunkt für die behauptete These. Mir bereitet etwas anderes Sorge. Es gibt unter deutschen Katholiken eine breiter werdende Strömung, die auf Distanz zur Politik geht. Das notwendige kompromisshafte Handeln wird misstrauisch beäugt. Aus den kirchlichen Gemeinschaften gehen zu wenige in das politische Engagement. Wir sind als Kirche zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Außerdem ist es natürlich bequemer, in der eigenen Gesinnungsgemeinschaft zu bleiben.

Morgenpost Online: Pfarrgemeinden werden zu Mega-Seelsorgeeinheiten zusammengelegt. Dagegen rührt sich Widerstand. Im Bistum Augsburg sind Katholiken auf die Straße gegangen und haben ihre Kirche symbolisch umarmt.

Glück: Ich erkenne darin ein starkes Lebenszeichen der Kirchenbindung. Natürlich lässt sich der Status quo nicht ewig festschreiben. Die Frage ist aber: Kann die Zentralisierung nach der Zahl der verfügbaren Priester die richtige Antwort sein? Das ist der Rückzug aus den Lebensräumen der Menschen.

Morgenpost Online: Die Konsequenz daraus?

Glück: Eine stärkere Mitwirkung des Laienelements mit einem klaren Sendungsauftrag, eine neue Entfaltung der kirchlichen Dienste und der Aufgabenverteilung zwischen Priestern und Laien.

Morgenpost Online: Dagegen wird aber Rom opponieren.

Glück: Warum? Papst Benedikt XVI hat im Jahr 2009 beim Besuch einer römischen Pfarrei gesagt, die Laien dürften nicht mehr nur als Mitarbeiter des Klerus betrachtet werden. Sie müssten vielmehr als wirklich mitverantwortlich für das Sein und Handeln der Kirche erkannt werden. Das ist der Weg, die dringlichste Aufgabe überhaupt.