Verbraucherschutzministerin

Lebensmittel im Müll - Aigners Kampf gegen XXL

Verbraucherministerin Ilse Aigner hat eine Kampagne gegen die Verschwendung von Lebensmitteln gestartet, dabei setzt sie auf Einsicht.

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Morgenpost Online: Frau Aigner, wann haben Sie zuletzt ein Lebensmittel in die Mülltonne geworfen?

Ilse Aigner: Ehrlich gesagt: Erst vor ein paar Tagen, ein angebrochenes Glas Marmelade. Leider. Ich bin viel unterwegs, und da kommt es vor, dass Lebensmittel im Kühlschrank verderben – so sorgfältig ich den Einkauf auch plane. Ich habe jedes Mal ein ungutes Gefühl, wenn ich etwas wegwerfen muss.

Morgenpost Online: Viel zu viele Lebensmittel landen in Müll . Schuld sollen die Verbraucher sein. Machen Sie es sich da nicht zu einfach?

Aigner: Das wäre in der Tat zu einfach! Man darf nicht die Schuld bei einer Seite abladen – und das tue ich auch nicht. Aber: Bei uns Verbrauchern fallen nach Untersuchungen mehr als die Hälfte aller Nahrungsmittelverluste an.

In Privathaushalten landen jedes Jahr knapp sieben Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Vor allem Obst und Gemüse, auch viel Brot. Aber die andere Hälfte des Müllbergs hat die Wirtschaft zu verantworten – Industrie, Gastronomie, Handel. Ein erster Schritt: In jedem zweiten Lebensmittelmarkt liegen jetzt Flyer aus, die für Aufklärung über das Mindesthaltbarkeitsdatum sorgen sollen.

Morgenpost Online: Das allein löst doch aber das Problem der Verschwendung noch nicht?

Aigner: Die Aktion zur Aufklärung über das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nur ein erster, aber sicher wirksamer Schritt. Wir stellen jetzt die gesamte Lebensmittelkette auf den Prüfstand: vom Acker über Verarbeiter und Verkauf bis zum Verbraucher. Das fängt damit an, dass die letzten EU-Handelsnormen abgeschafft werden müssen.

Es darf nicht sein, dass Äpfel oder Pfirsiche nur deshalb auf der Müllkippe oder in der Kompostieranlage landen, weil ihr Farbton nicht stimmt oder sie einen Tick zu klein sind. Ich setze mich in Brüssel dafür ein, dass unsinnige Normen verschwinden.

Morgenpost Online: Was konkret erwarten sie von der Lebensmittelindustrie?

Aigner: Die Hersteller müssen stärker auf die Bedürfnisse der Verbraucher eingehen und kleinere Mengen anbieten. XXL-Packungen passen nicht mehr in die Zeit. Es gibt immer mehr Single-Haushalte. Von 40 Millionen Haushalten in Deutschland sind bereits 16 Millionen Ein-Personen-Haushalte – Tendenz steigend.

Die brauchen einfach nicht so große Mengen von Lebensmitteln. Viele Verbraucher kaufen auch deshalb die größere Packung, weil sie im Vergleich günstiger erscheint als die kleine – werfen später aber die Hälfte in den Müll.

Morgenpost Online: Was erwarten Sie vom Einzelhandel?

Aigner: Es liegt im Interesse alle Lebensmittelhändler, so zu disponieren, dass möglichst wenig Ware entsorgt werden muss. Aber ich sehe noch Potenziale, die Verschwendung zu begrenzen und Abfälle zu vermeiden. Der Handel sollte auch gegenüber seinen Angestellten großzügiger sein: Ich verstehe nicht, warum manche Geschäftsleute hochwertige Produkte wie Brot oder Milch lieber in den Müll werfen als sie abends gratis ihren Mitarbeitern mitzugeben.

Morgenpost Online: Wenn der Handel besser plant und weniger ausrangiert, gibt es aber auch weniger Lebensmittel für die Tafeln?

Aigner: Ich habe einen anderen Ansatz: Der Handel muss, wo immer es geht, Lebensmittelverluste vermeiden, aber gleichzeitig die Zusammenarbeit mit den Tafeln und anderen Sozialprojekten verstärken. Unterm Strich können die Tafeln nur profitieren, wenn sich das Bewusstsein der Wirtschaft wandelt.

Morgenpost Online: Sie haben die Landwirtschaft noch gar nicht erwähnt: Sind die Bauern nicht so verschwenderisch?

Aigner: Bislang gibt es nur vage Schätzungen zu Verlusten in der Landwirtschaft, sie schwanken zwischen ein und zwei Millionen Tonnen. Wir untersuchen den Bereich der Urproduktion jetzt genauer. Es geht dabei auch um die Fragen, wie Ernteverluste minimiert und die Lagerung etwa von Getreide optimiert werden kann, damit möglichst wenig verdirbt.

Das gilt übrigens auch für die Verbraucher: Eine richtige Lagerung trägt dazu bei, dass Obst und Gemüse länger frisch bleiben und Brot nicht so schnell schimmelt.

Morgenpost Online: Sie setzen vor allem auf Appelle an die Eigenverantwortung. Wo aber muss die Politik aktiv werden?

Aigner: Appelle an die Eigenverantwortung müssen sein, weil jeder selbst etwas beitragen kann. Der Bewusstseinswandel in der Gesellschaft ist jedoch das eine – die Veränderung von Stellschrauben in der Wirtschaft ist das andere. Die Politik handelt – denken Sie nur an die Abschaffung der Normen.

Bei einer großen Konferenz am Dienstag in Berlin kommen alle Akteure zusammen. Denn alle müssen mitziehen, nur so lässt sich etwas verändern. Als Ministerin unterstütze ich es ausdrücklich, dass im Bundestag gerade parteiübergreifend eine Initiative gegen Lebensmittelabfälle vorbereitet wird.

Morgenpost Online: Wer sollte ein Interesse daran haben, dass Verbraucher weniger Lebensmittel kaufen und wegwerfen? Die Verschwendung hat immerhin ein Volumen von 22 Milliarden Euro.

Aigner: Ich setzte auf die ethische Verantwortung aller Beteiligten.

Morgenpost Online: Sind die ethischen Argumente stärker als ökonomische Interessen?

Aigner: Es gibt ja auch handfeste wirtschaftliche Argumente: Industrie und Handel unterstützen die Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung, weil sie am Ende auch davon profitieren werden und Geld und Ressourcen sparen. Dasselbe gilt für jeden Einzelnen: Jeder von uns wirft jährlich 235 Euro in den Müll – Lebensmittelabfall, der vermeidbar wäre.

Morgenpost Online: Statt billiger und viel könnten die Verbraucher etwas weniger und etwas teurer kaufen – und so eine andere Form von Landwirtschaft finanzieren.

Aigner: Ich werde den Verbrauchern nicht vorschreiben, was und wie viel sie kaufen sollen. Das muss jeder selbst entscheiden. Als Verbraucherministerin stehe ich für ehrliches Essen. Ich sorge dafür, dass die Menschen von mehr Transparenz profitieren und alle nötigen Informationen für ihre Entscheidungen haben – das fängt beim Lebensmitteleinkauf an und hört bei Finanzprodukten auf.

Klar ist: Wer besser plant und weniger wegwirft, hat am Ende mehr Geld im Portemonnaie. Und dieses Geld können die Verbraucher natürlich auch nutzen, um bei der Ernährung andere Prioritäten zu setzen. Sie könnten Premium-Fleisch aus besonders artgerechter Haltung kaufen, das dann aber teurer ist. Zur Ehrlichkeit gehört auch: Höhere Standards haben ihren Preis.

Morgenpost Online: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist zu dick. Sie essen mehr, als sie eigentlich brauchen. Steckt da nicht auch noch ein enormes Potenzial?

Aigner: Gesundes Essen und Bewegung gehören zusammen. Aber auch da beginnt die Veränderung im Kopf. Wer weniger und bewusster isst, kann auch Geld sparen. Ich appelliere daher auch an Gaststätten und Kantinen, unterschiedliche Portionsgrößen anzubieten. Wer keine überflüssigen Pfunde mit sich herumträgt, minimiert sein Risiko für Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Morgenpost Online: Weltweit hungern rund eine Milliarde Menschen. Was nützt es, wenn wir in Deutschland und Europa weniger Lebensmittel verschwenden? Davon wird in Afrika kein Mensch zusätzlich satt.

Aigner: Das stimmt nur auf den ersten Blick. Die weltweiten Agrarmärkte sind engstens miteinander vernetzt. Nehmen wir das Beispiel Getreide: Wenn in Europa der Absatz steigt, fehlt das Getreide an anderer Stelle der Welt und treibt den Preis in die Höhe – was dazu führt, dass sich viele Menschen in den Entwicklungsländern Getreide nicht mehr leisten können.

Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass die Produktion von Lebensmitteln immer auch Energie verbraucht und Treibhausgase freisetzt.

Morgenpost Online: CSU-Chef Seehofer hat kürzlich erklärt, er sei mit der CSU in Berlin nicht zufrieden und erwarte mehr Akzente. Ist Ihre Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung die Antwort?

Aigner: Mir ist diese Äußerung nicht bekannt. Aber ich bin mir sicher, dass auch Horst Seehofer als früherer Landwirtschaftsminister meine Kampagne voll unterstützt.