141.609 weniger

Westdeutschland leidet unter Schülerschwund

Hauptschulen sind vom Schülerschwund besonders stark betroffen. Gesamtschulen gewinnen. Mit einem Plus ist nur in boomenden Ballungsräumen wie München oder Hamburg zu rechnen.

Foto: Infografik Welt Online

Der Westen liegt zehn Jahre hinter dem Osten zurück. Doch er holt auf. Auch er verliert jetzt Schüler in Massen. Im Schuljahr 2011/12, das hat das Statistische Bundesamt bekannt gegeben, ging die Zahl der Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Westdeutschland gegenüber dem Vorjahr um 1,9 Prozent zurück. Klingt nicht dramatisch – ist es aber, wenn man sich vergegenwärtigt, dass damit 141.609 Schüler gemeint sind.

Die erste Delle wies die Statistik im Jahr 2004 auf. Bis dahin hatte sie jahrelang immerhin noch kleine Zuwächse verzeichnet. Jetzt sank die Schülerzahl, zwar nur minimal um 0,1 Prozent, aber der Anfang eines Trends war markiert. Heute fehlen im Vergleich zu vor sieben Jahren 700.000 Schüler.

Seit zwei Jahren verzeichnet der Osten ein zartes Plus

Dagegen konnte der Osten im abgelaufenen Schuljahr leicht um 24.171 Schüler zulegen. Seit zwei Jahren verzeichnen die Länder ein zartes Plus – weniger Menschen wandern ab, mehr Kinder werden geboren. Doch diese Erholung fällt angesichts dessen, was davor passierte, kaum auf.

Ab 1994, zehn Jahre früher als im Westen, ging es dramatisch bergab. Um teilweise mehr als sechs Prozent brachen die Schülerzahlen danach Jahr für Jahr ein. Vom Höchststand (2,5 Millionen Schüler 1994) gingen die Zahlen auf heute 1,35 Millionen zurück. Betroffen waren ausnahmslos alle Schularten.

Eine solche dramatische Entwicklung steht zwar nicht dem ganzen Westen bevor, jedoch müssen viele Regionen erheblichen Schwund befürchten. Mit einem Plus ist allenfalls noch in boomenden Ballungsräumen wie München und Großstädten wie Hamburg zu rechnen.

Die Flächenländer werden alle verlieren. Heute haben sie ungefähr sieben Millionen Schüler. Im Jahr 2025 wird es laut Prognosen der Kultusministerkonferenz 1,1 Millionen weniger geben.

Heute hat Niedersachsen 100.000 Schüler weniger

Die Entwicklung ist längst spürbar, wie das Beispiel Niedersachsens zeigt. Auch in Niedersachsen gab es das Wendejahr 2004. Mit fast einer Million Schüler an allgemeinbildenden Schulen war damals ein Höchststand erreicht. Heute hat Niedersachsen 100.000 Schüler weniger.

Zu bedenken ist natürlich, dass dort gerade zwei Abiturjahrgänge das Gymnasium verlassen haben – Niedersachsen hat damit gleichzeitig mit Bayern die Umstellung vom neunjährigen auf das achtjährige Modell vollendet. Das erklärt aber nur den starken Rückgang um 2,3 Prozent im betreffenden Schuljahr.

Der Trend zeigt nur in eine Richtung – nach unten. Das hat Folgen: Die schwarz-gelbe Landesregierung will Haupt- und Realschulen zu Oberschulen vereinen. Daneben bleibt das Gymnasium bestehen.

Für den Präsidenten der Kultusministerkonferenz, Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD), eine richtige Konsequenz: „Die demografische Entwicklung erreicht den Westen, während der Osten sich konsolidiert. Die zum Teil deutlich sinkenden Schülerzahlen machen ein Fortbestand eines dreigliedrigen Schulsystems schwierig.“

Das Zwei-Säulen-Modell mit eigenständigem Haupt- und Realschulzweig ist der Versuch, dem zu befürchtenden Austrocknen der Hauptschule aktiv zu begegnen. Diese Schulform leidet unter dem stärksten Schwund. Fast 50.000 Schüler fehlen ihr heute im Vergleich zu 2010. Seit 1992 hat sich die Zahl der Hauptschüler fast halbiert.

Zur eigentlichen Hauptschule wurde das Gymnasium. 28 Prozent besuchen diese Schulform, noch 7,6 Prozent die Hauptschule. Die Realschulen werden von 13 ?Prozent gewählt, integrierte Gesamtschulen von 7,3 Prozent. Letztere sind die Gewinner der Reformen der letzten 20 Jahre und werden beliebter. Sie verzeichnen aktuell ein Schülerplus von 47.000.

Die Problemfälle der Bildungspolitik

Die Statistik benennt auch die Problemfälle der Bildungspolitik: Jungen. Es ist ein Phänomen, das seit Einführung des achtjährigen Lehrplans (G8) zu beobachten ist: Mehr Mädchen als Jungen besuchen das Gymnasium. Diese sind mit 47,4 Prozent mittlerweile in der Minderheit. Daran seien auch die Eltern schuld, meinen Bildungsexperten.

Für ihren männlichen Nachwuchs entschieden sie sich häufiger für die praxisorientierte Ausbildung etwa an Realschulen oder Schulen mit mehreren Bildungsgängen als für die theoretische am Gymnasium. Schuld sei auch die Pubertät, die bei Jungen später einsetzt und oft in die Klassen 7 und 8 fällt, die ein besonders hohes Anforderungsprofil im G8 aufweisen. Also scheitern viele oder wagen erst gar nicht den Versuch. Tatsächlich sind Schüler gegenüber Schülerinnen an Hauptschulen in der Mehrheit (56,2 Prozent).

An Realschulen hält sich das Verhältnis die Waage. Krass ist das Missverhältnis in Förderschulen. Hier machen Mädchen 36,2 Prozent aus. Davon ausgehend, dass sie nicht prinzipiell weniger Defizite haben, läuft offenbar etwas ziemlich schlecht in der Bildungspolitik.

Gerade der Förderschulbereich steht vor großen Veränderungen. Deutschland hat mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention entschieden, dass alle Kinder Anspruch auf den Besuch einer Regelschule haben. Auch wenn dies noch nicht überall in Ländergesetze übertragen wurde, offensichtlich ist, dass das teuer wird.

Schulen müssen barrierefrei gemacht werden, es braucht geschultes Personal. Von konzisen Konzepten sind viele Länder weit entfernt. Grund ist fehlendes Geld. Ohne zusätzliche Mittel dürfte sich das Konzept der Inklusion schwer umsetzen lassen.

Bund in der Schulpolitik gar nichts zu sagen

Aber ein Bundesprogramm, wie es etwa zum Ausbau der Ganztagsschulen aufgelegt wurde, wird seit 2006 durch das Grundgesetz verhindert. Derzeit sieht es so aus, dass der Bund in der Schulpolitik gar nichts und in der Hochschulpolitik wenig zu sagen hat. Dieses Kooperationsverbot wird von SPD, Linker, Grünen, Teilen von Union und FDP infrage gestellt.

Die Bundesregierung geht bisher aber nur den Weg des geringeren (Länder-)Widerstandes und fängt bei den Hochschulen an. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat angekündigt, noch in dieser Legislaturperiode die nötige Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat für eine Grundgesetzänderung organisieren zu wollen.

An den Bereich Schule wagt sie sich nicht heran. Hier signalisieren die CDU/CSU-geführten Länder keine Kompromissbereitschaft. Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) stellt sich quer.

In einer Anhörung vor dem Bildungsausschuss des Bundestages sprachen sich Anfang der Woche namhafte Experten geschlossen für die Streichung des Kooperationsverbots im Hochschulbereich aus. Einigen war es ein Anliegen, den Schulbereich mit einzuschließen, obwohl dies nicht Thema der Sitzung sein sollte.

Der Bildungsforscher Manfred Prenzel von der TU München verwies unter anderem auf die Inklusion: „Wir sind weit davon entfernt, das Thema in den Griff zu bekommen.“ Auch das unterschiedlich hohe Leistungsniveau der Regelschüler in den Ländern könne nicht hingenommen werden.

„Wir haben eine enorme Leistungsspreizung. Deshalb haben wir Gerechtigkeitsprobleme.“ Das Kooperationsverbot trage seinen Teil bei, dass die Bildungssysteme sich weiter auseinanderentwickeln. „Das Verbot verhindert die Gleichwertigkeit von Bildung in Deutschland.“