Nordrhein-Westfalen

Lindners spektakuläres Comeback als Phönix der FDP

| Lesedauer: 5 Minuten
Kristian Frigelj

Christian Lindner, 33 und Ex-General, wird Spitzenkandidat und Parteichef der FDP in NRW. Bei der Wahl will er liberale Wähler aus dem "Wartehäuschen" holen.

Philipp Rösler musste unten warten. Während eine Etage höher über die Zukunft des nordrhein-westfälischen Landesverbandes verhandelt und entschieden wurde, saß der angereiste FDP-Parteichef mit dem Landesvorstand zusammen. Nach fast einer Stunden kamen Christian Lindner , Bundesgesundheitsminister und FDP-Landeschef Daniel Bahr sowie FDP-Fraktionschef Gerhard Papke hinunter und verkündeten eine neue politische Sensation: Lindner wird Spitzenkandidat im vorgezogenen NRW-Landtagswahlkampf und auch neuer FDP-Landeschef.

„Wir werden das Land umpflügen“, sagte Lindner am Donnerstagabend. Er war in Jeans gekommen, nicht staatstragend und regierungsamtlich wie die anderen. „Ich hatte andere Pläne“, sagte er. „Aber ich werde nicht in der Reserve bleiben, wenn es darum geht, die FDP wieder in den Landtag zu führen.“

"Gefühlt war ich nie weg"

Man hatte mit einem Mini-Comeback des ehemaligen FDP-Generalsekretärs gerechnet. Der 33-Jährige hatte nach seinem überraschenden Abgang im Dezember vergangenen Jahres seine Kandidatur für den Vorsitz des FDP-Bezirksverbandes Köln angekündigt. Doch die in der vergangenen Woche überraschend gescheiterte rot-grüne Landesregierung und die Neuwahl am 13. Mai haben ihn wieder einmal schlagartig nach vorn ins Rampenlicht katapultiert.

In den vergangenen Wochen konnte man Lindner noch bei der Basisarbeit beobachten. Vor einer Woche wurde er zum Vorsitzenden des FDP-Kreisverbandes Rheinisch-Bergischer Kreis wiedergewählt. Da frotzelte er über die anwesenden Medienvertreter: „Sie machen so genannte Comeback-Berichterstattungen. Gefühlt war ich nie weg.“

Er kümmerte sich um die Geschäftsordnung und Regularien. Er gedachte der Verstorbenen und überreichte einem Anwesenden die Theodor-Heuss-Medaille in Silber für 40-jährige Mitgliedschaft. „Sie gehören jetzt zu den Gusseisernen. Zum Sechzigsten gibt es dann noch eine in Gold“, sagte Lindner. In seinem FDP-Ortsverband Wermelskirchen erzählte er Ende Februar demonstrativ bescheiden: „Ich arbeite jetzt auf einer kleineren Parzelle, dafür kann ich da tiefer graben.“ Er habe sich „vom Generalstab selber versetzt in die Truppe, aber ich bin kampfeslustig und einsatzbereit wie zuvor“.


Nun hat er sich wieder zurückversetzt. Viele hatten gleich an Lindner gedacht, als sich der nordrhein-westfälische Landtag am vergangenen Mittwoch überraschend auflöste und die Neuwahl unausweichlich wurde. FDP-Parlamentarier schickten ihm SMS, riefen ihn an, beknieten ihn und betonten: „Du musst es machen.“

Doch sie waren am Donnerstag erstaunt, dass Lindner auch den Landesvorsitz bekam und somit maximal verankert wird in der FDP. Denn niemand hatte damit gerechnet, dass der bisherige Amtsinhaber diesen einflussreichen Posten aufgeben würde. Doch es sei ein „konsequenter und logische Entscheidung“, heißt es in der FDP.

Bahr wird zwar als kompetenter Bundesgesundheitsminister gelobt, doch man sieht in der FDP, dass er sich lieber auf Berlin konzentrieren will, und dass er kein begeisternder Wahlkämpfer und Redner ist. Lindner hingegen gehört zu den talentiertesten Rhetorikern in der bundesdeutschen Politik und ist bereit, als Oppositionschef im Landtag weiterzuarbeiten.

„Ich will ernst genommen werden“, betonte Lindner auf Anfrage. Er wolle auch ein „Signal an den Mitbewerber“ geben. Damit ist CDU-Landeschef und Bundesumweltminister Norbert Röttgen gemeint, der nach einer Niederlage in Berlin bleiben will. Der scheidende FDP-Landeschef Bahr erhöhte den Druck und betonte, dass man sich auf eine Aufgabe konzentrieren müsse.

Achtungserfolg erscheint realistisch

Lindners förmliche Wahl zum Landeschef auf einem Landesparteitag in April weist ihm eine neue gehobene Stellung innerhalb der FDP zu. Mit seinem Rückzug vom Amt des Generalsekretärs Ende Dezember schien sein Höhenflug einstweilen gestoppt.

Er war jüngster Landtagsabgeordneter in NRW, jüngster Generalsekretär der NRW-FDP, jüngster Generalsekretär der FDP-Bundespartei, jüngster Hoffnungsträger mit Parteichef-Potenzial gewesen. Nun ist er wieder seitwärts in diese Laufbahn hin zum höchsten Parteiamt eingeschert.

Freilich geht Lindner ein persönliches und politisches Risiko ein, die FDP wird in landesweiten Umfragen auf zwei Prozent taxiert, drei weitere Prozentpunkte bräuchte sie, um ins Parlament zu kommen. Immerhin scheint mindestens ein Achtungserfolg realistisch, wenn die Freidemokraten über den Prognosen lägen. „Die FDP hat in NRW ein Wählerpotenzial von mindestens sieben Prozent“, sagte ein Landtagsabgeordneter. Lindner betont, dass viele FDP-Wähler im „Wartehäuschen“ säßen.

Rösler – "Wir schicken den besten Mann"

Lindners Rückkehr jedenfalls beflügelt die Partei. Der FDP-Fraktionschef im Bundestag, Rainer Brüderle, hat ihm seine Unterstützung zugesichert. Auch der angereiste Parteichef Rösler betonte: „Wir schicken den besten Mann, der sich hervorragend auskennt in Nordrhein-Westfalen.“

Rösler bezeichnete die Auflösung des Düsseldorfer Landtags und die im Mai anstehende Neuwahl als Riesenchance für die Partei. „Von hier wird ein Signal ausgehen auch weit über den Bundesverband hinaus für die gesamte Bundes-FDP.“

Freilich hatte man am Donnerstagabend den Eindruck, dass Philipp Rösler irgendwie fremd wirkte. Teilnehmer der Landesvorstandssitzung schilderten, dass der FDP-Vorsitzende wenig Wichtiges gesagt und lediglich dabei gesessen habe. Es gibt wohl auch keine große Neigung, ihn hier oft im Landtagswahlkampf zu sehen. Ohnehin will man sich lieber auf die Landesthemen konzentrieren – und dabei ganz auf die Marke Lindner setzen.

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