Zurückgetretener Präsident

Zapfenstreich für Wulff – Wer kommt, wer nicht?

| Lesedauer: 6 Minuten
Torsten Krauel

Am Abend wird Ex-Bundespräsident Christian Wulff mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Doch nicht jeder hat die Einladung angenommen.

Sein Amtsvorgänger als Bundespräsident ist auf einer seit langem geplanten Reise in Afrika unterwegs und hat abgesagt. Der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums ist auf einem zweiwöchigen Urlaub und hat abgesagt. Aus seinem Ministerium, das den Großen Zapfenstreich für Christian Wulff ausrichtet, haben überhaupt fast alle eingeladenen Generäle abgewinkt.

Dafür erscheint, bis auf den Parlamentarischen Staatsminister Christian Schmidt, die komplette zivile Führungsspitze des Hauses, um dem zurückgetretenen Bundespräsidenten im Park von Schloss Bellevue die militärischen Abschiedsehren zu erweisen.

Auch Generalinspekteur Volker Wieker nimmt teil, ebenso der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP). Dieser, normalerweise für gern geäußerte Kritik bekannt, sagte am Tag des Zapfenstreichs der „Passauer Neuen Presse“: „Was immer man über die Amtszeit und auch über die möglichen privaten Verflechtungen dieses Bundespräsidenten denken mag: Für die Soldaten war er ein guter und fürsorglicher Bundespräsident.“

Das Bundeskabinett ist mit der Bundeskanzlerin und Vizekanzler Philip Rösler (FDP) vertreten, ferner mit den Ministerinnen Annette Schavan und Kristina Schröder (beide CDU), den Ministern Thomas dem Maizière (CDU), Norbert Röttgen (CDU) und Peter Ramsauer (CSU) sowie dem Regierungssprecher Steffen Seibert.

Aus dem Bundeskanzleramt hatten auch Angela Merkels engste Vertraute Beate Baumann und Eva Christiansen zugesagt, ferner Staatsminister Eckart von Klaeden (CDU), der wie Baumann aus Niedersachsen stammt. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nimmt teil. Peter Hintze (CDU), Parlamentarischer Staatsminister im Wirtschaftsministerium und Wulff-Vertrauter, ist gleichfalls anwesend.

Mehr Prominenz als bei Guttenbergs Abschied

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Deutschland wird zu Wulffs Verabschiedung nicht kommen. In größerer Zahl als sonst bei einem politischen Staatsakt vertreten sind hingegen Vertreter muslimischer Organisationen. Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, fand vor seinem Eintreffen in Schloss Bellevue lobende Worte für Wulff . Wulff habe zwar eindeutige Fehler gemacht. Er habe die Messlatte beim Zukunftsthema Migration aber sehr hoch gelegt und sei aufgrund von Aussagen wie „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ bei Migrantenverbänden sehr beliebt gewesen.

Insgesamt kommt die bundespolitische Prominenz am 8. März 2012 in wesentlich größerer Zahl zum letzten protokollarischen Akt der politischen Laufbahn Christian Wulffs, als sie es am 10. März 2011 beim Zapfenstreich für Karl-Theodor zu Guttenberg getan oder gewagt hatte. Damals war lediglich Wirtschaftsminister Philip Rösler im Bendlerblock erschienen. Für Wulff finden auch eine Reihe Botschafter Zeit, beispielsweise diejenigen Dänemarks, Indonesiens, der USA, Mexikos, aus Japan oder aus Großbritannien.

Für einen Zapfenstreich zum Abschied eines Bundespräsidenten gelten feste protokollarische Regeln. Manche derer, die keine Einladung erhalten und das als politisch bedeutsam vermerkt haben, gehören gar nicht zum festen Stamm einer solchen Veranstaltung. Die Liste der Absagenden, die durch die „Bild“-Zeitung publik wurde, ist dennoch lang.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat die Teilnahme am Großen Zapfenstreich wegen „längerfristig geplanter Termine“ abgesagt, wie die Staatskanzlei auf Anfrage von Morgenpost Online mitteilte.

Freilich dürften auch ihre kritischen Ansichten zu Wulffs Verhalten mitentscheidend gewesen sein. So betonte Kraft mehrfach in den vergangenen Tagen, dass sie einen „freiwilligen Verzicht“ von Wulff auf Ehrensold und Zapfenstreich für ratsam gehalten hätte. „Ich glaube, dass er zu sich kommen sollte und nachdenken sollte, was er davon wirklich in Anspruch nehmen will, denn ich kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, was im Moment da in seinem Kopf los ist, wie er mit diesen Dingen umgeht“, sagte Kraft am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin.

Bei den Kirchen beliebt und respektiert

„Nicht verschiebbare und schon lange feststehende Termine“ führt auch Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, an. Bundesministerin Ursula von der Leyen (CDU), wie Christian Wulff aus Niedersachsen stammend, wird den Abend ebenfalls nicht im Schloss Bellevue verbringen, sondern in Hamburg. Dort ist sie am Weltfrauentag Gast bei einer Talkshow zum Thema Frauen, Chancen, Quote. Es ist eine eher unglückliche, von der Ministerin nicht beabsichtigte Termin-Koinzidenz.

Dem Zapfenstreich fern bleiben auch die Vertreter der beiden großen Kirchen in Berlin, die Prälaten Karl Jüsten und Bernhard Felmberg. Sie haben seit Monaten für den Abend des 8. März die SPD-Bundestagsfraktion zu einer kirchenpolitischen Aussprache eingeladen. Die Terminfindung für 146 Abgeordnete war schwierig genug, und beide Seiten halten die Aussprache für zu wichtig, um sie nun mit ungewisser Terminfindung zu verschieben.

Die mit großem Bedauern übermittelte Absage der Prälaten an Wulff soll, so ist es zu verstehen, ausdrücklich nicht als politisch motivierte Distanzierung gewertet werden. Wulff war bei den Kirchen ein beliebter und respektierter Bundespräsident, der sich im Vorfeld des Papstbesuchs im vergangenen Herbst mit großem Geschick hinter den Kulissen für den Besuch eingesetzt hatte. Wegen der verhärteten und manchmal nicht eben toleranten Debatte um die Ökumene war der Erfolg des Besuchs durchaus auch Wulffs Einsatz zu verdanken.

Unternehmerehepaar Geerkens nicht eingeladen

Bemerkenswerterweise verzichten aber auch Botschafter von Ländern, die für Deutschland wichtig sind, auf den Staatsakt. Dazu zählen die Botschafter Frankreichs, Polens und der Türkei, die sich formell haben entschuldigen lassen; auf die Einladung gar nicht reagiert haben anscheinend die Botschafter der Schweiz, Ungarns und Israels.

Nicht eingeladen sind übrigens Unternehmer Egon Geerkens und seine Frau Edith. Mit der Bekanntwerdung eines Privatkredits, den Edith Geerkens Wulff gewährt hatte, war die ganze Affäre ins Rollen gekommen.

Morgenpost Online berichtet ab zirka 18.45 Uhr live von der Zeremonie.

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