Thomas de Maizière

Büroklammer – mit Hang zur Nicht-Inszenierung

Steuern ja, abheben nein: Nach einem Jahr im Amt ist Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) angekommen – und will nicht wieder weg.

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Auf dem Chefplatz sitzt er ja regelmäßig. Aber gleich einen Kampfjet zu steuern ist für Thomas de Maizière dann doch eine neue Erfahrung. Fasziniert sieht er sich im Cockpit des Tornados um, zeigt hierhin, dorthin, fragt.

Fast wie ein Schüler schaut er hoch zu dem Hauptfeldwebel, der neben dem Flieger kniet und ihm all die Hebel und Knöpfe erklärt. Es gefällt dem Verteidigungsminister, wenn ihm jemand technische Zusammenhänge verständlich macht, die er noch nicht hundertprozentig durchdrungen hat.

Umso begeisterter ist er bei seinem Besuch auf dem Luftwaffenstützpunkt im amerikanischen Holloman .

„Als Kind wollte ich lieber Feuerwehrmann werden als Pilot“, erzählt der 58-Jährige den Soldaten nach dem Probesitzen im Tornado. Aber sein jetziger Beruf habe ja auch ein bisschen was von dem eines Piloten.

Schneller Ersatz für Guttenberg

„Nur dass ich für viel mehr Menschen Verantwortung trage.“ Seit einem Jahr ist Thomas de Maizière Bundesminister der Verteidigung, der oberste Befehlshaber für rund 200.000 Soldaten und Zivilisten. Damit hat das Wort Verantwortung für ihn eine neue Bedeutung bekommen.

Als der CDU-Politiker am 3. März 2011 antrat, war er schon so etwas wie ein Feuerwehrmann, Angela Merkels Feuerwehrmann. Nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zwei Tage zuvor wegen des Plagiatsskandals um seine Doktorarbeit zurückgetreten war, musste die Kanzlerin schnell jemand anderen finden, der die größte Reform in der Geschichte der Bundeswehr und damit ein zentrales Projekt der schwarz-gelben Regierung erfolgreich zu Ende bringt.

Sie schickte ihre Allzweckwaffe in den Bendlerblock, Duzfreund Thomas, der zuletzt 16 Monate das Innenministerium und davor vier Jahre das Kanzleramt geleitet hatte. Und er mochte nicht Nein sagen.

Freiwillig hätte sich de Maizière diesen Posten wohl nie ausgesucht, als Chef eines Hauses, in dem sein Vater ein so großes Vermächtnis hinterlassen hat.

Guttenberg-Opfer wieder an Bord

Ulrich de Maizière gilt als einer der Väter der Inneren Führung der Bundeswehr. Er hatte nach dem Zweiten Weltkrieg mitgeholfen, die neuen deutschen Streitkräfte in demokratischen Strukturen zu verankern. Fünfeinhalb Jahre lang war er Generalinspekteur der Bundeswehr, von August 1966 bis März 1972.

Nach ihm blieb nur einer länger im Amt: General Wolfgang Schneiderhan war mehr als sieben Jahre lang ranghöchster Soldat der Truppe, bis Guttenberg ihn im Herbst 2010 im Zuge der Kundus-Affäre entließ, zusammen mit Staatssekretär Peter Wichert.

Nachdem Schneiderhan im Herbst in den Ausschuss für zivile Krisenprävention der Bundesregierung berufen wurde, hat Thomas de Maizière jetzt auch Wichert wieder an Bord geholt, als Mitglied im Beirat Innere Führung. Möglicherweise sah sich der Minister in der Pflicht – zur Wiedergutmachung, zur Deeskalation, zur Abgrenzung von seinem Vorgänger.

„In der Pflicht“, heißt ein bekanntes Buch, das Ulrich de Maizière im Ruhestand schrieb. Mit diesem Selbstverständnis ist sein Sohn aufgewachsen. Thomas de Maizière würde es wohl am liebsten auf seine Bundeswehr übertragen, in der es seit Juli 2011 eben keine Pflicht – zum Wehrdienst – mehr gibt.

Der Verteidigungsminister hofft nun darauf, dass es junge Frauen und Männer in Zukunft als Ehre empfinden, freiwillig ihrem Land zu dienen. Er geht davon aus, dass die Jugend heute selbstverständlich noch nach seinen Werten lebt, nach seinen preußischen Tugenden.

Auch wenn er sich noch so sehr wünscht, dass sich die Bundeswehr als „ganz besondere Nationalmannschaft“ versteht – so leicht funktioniert das mit einer Einsatzarmee nicht.

Pragmatischer orientiert als der Vorgänger

Was die künftige Nachwuchsgewinnung betrifft, sind selbst hochrangige Offiziere skeptisch. Bei der Reform insgesamt loben die meisten ihren Minister: Er habe sich in die Materie schnell eingearbeitet, stelle die richtigen Fragen – auch solche, die manche aufgehört haben zu stellen, weil sie zu sehr im eigenen System kleben.

Pragmatischer orientiert als sein Vorgänger denkt de Maizière sein Projekt vom Ende her: Was will ich erreichen, mit welchem Kompromiss ist das möglich? Und wen brauche ich dazu auf meiner Seite? Mit dieser Strategie ist ihm zunächst die Finanzierung der Umbaupläne gelungen. Nach einem „Jahr der Entscheidungen“ erwarten ihn nun die Mühen der Praxis. Als Bauleiter muss er dafür sorgen, dass das neue ausgerichtete Gebäude auch sturmfest steht.

Großartig neue Ideen hat der Minister zwar nicht eingebracht in diese historische Bundeswehrreform, dafür weniger Aufregung. Sein Vorteil: Er hat mehr Ruhe zum Arbeiten, weil sich nicht alles so sehr auf die Person im Amt fokussiert, wie das bei seinem 18 Jahre jüngeren Vorgänger der Fall war.

Nach bald 20 Jahren in ministerieller Verantwortung helfen de Maizière zweifellos seine Erfahrungen als Verwaltungsmann. Im neuen Amt lassen sich aber nicht alle Probleme so einfach wegverwalten. Auch das hat der gelernte Jurist in seinem ersten Jahr im Bendlerblock festgestellt.

Im Dienst mit Tod und Verwundung konfrontiert

In diesen zwölf Monaten, in denen er viermal seine Soldaten in Afghanistan besuchte, hat er erkannt, dass er mehr ist als ein Ressortchef mit 250.000 Mitarbeitern.

Weil nämlich einige dieser Mitarbeiter im Dienst mit Tod und Verwundung konfrontiert werden. So etwas verlangt vom höchsten Vorgesetzten eben nicht nur effiziente Verwaltungsakte, sondern auch Empathie. Und die lässt sich nun mal schlecht delegieren.

Nun ist de Maizière zu sehr Jurist, als dass er sich zu emotionalen Sätzen hinreißen ließe und beispielsweise den Afghanistan-Einsatz als Krieg bezeichnen würde, wie sein Vorgänger. Lieber will er eine öffentliche Debatte darüber anstoßen, wie dieses Land mit den Veteranen der Bundeswehr umgehen will.

Geschafft hat er das bisher nicht, und Predigen allein hilft nicht.

Vielleicht kommt ihm nun zugute, dass sich auch seine Frau engagieren will. Martina de Maizière , die bisher nicht als Ministergattin aufgetreten ist, möchte mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung erzeugen für die Menschen, die unter den Einsätzen der Bundeswehr körperlich oder seelisch zu leiden haben.

Damit erweist sie ihrem Mann einen Riesendienst. Gefühlskino ist eben nicht so recht seine Sache. Auch nicht die Kumpelrolle, die Guttenberg spielte, der alle zwei Monate nach Afghanistan düste, selbst auch mal bei seinen Soldaten auf dem Außenposten übernachtete und damit viel Sympathie gewann; viele sind ihm bis heute dankbar für solche Gesten.

De Maizière spielt im Gegensatz zu Guttenberg deshalb eher eine Vaterrolle. In diese hat er sich gut eingelebt. Und er würde sie jetzt auch „gern ein bisschen länger“ spielen. Bloß sich nicht schon wieder in ein neues Themenfeld einarbeiten müssen, geschweige denn feuerwehrmäßig ins Schloss Bellevue einziehen.

Auch dafür war er als möglicher Kandidat im Gespräch.

„Manche sagen, ich wirke wie eine Büroklammer“, sagte der 58-Jährige kürzlich in einem Interview. Dass er dröge und bürokratisch erscheint, schließt aber nicht aus, dass er – bei aller betonten Höflichkeit – nicht auch mal Spitzen verteilt. Er verschießt sie nur subtiler, zum Beispiel bei seinem Luftwaffenbesuch in New Mexico.

Sein Vorgänger hatte damals angekündigt, er wolle in einem Kampfjet mitfliegen, ließ sich sogar im Fliegeroverall ablichten. Von solchen Inszenierungen hält der jetzige Verteidigungsminister nichts.

Mit fast 60 – und dann noch als Brillenträger – müsse er das nicht mehr machen. „Das ist Wichtigtuerei.“ De Maizière bleibt lieber am Boden, verzichtet auf laute Lästerei. Und beschränkt sich auf Andeutungen.