Abwahl des Oberbürgermeisters

Sauerland bekommt Quittung für Loveparade

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Kristian Frigelj

Foto: dpa

Das Ergebnis war klarer als erwartet: Der in Duisburg einst so beliebte CDU-Oberbürgermeister Sauerland muss wegen der Loveparade-Katastrophe vorzeitig seinen Stuhl räumen. Hinterbliebene und Überlebende der Massenpanik hoffen jetzt auf eine Aufklärung der Tragödie.

In der kleinen Kabine braucht Jürgen Hagemann nicht lange nachzudenken, was er ankreuzt. Er hat sich längst für „Ja“ entschieden. Für die Abwahl von Oberbürgermeister Adolf Sauerland. „Selbstverständlich“, sagt er. Seine Tochter ist etwas später ins Wahllokal gegangen – mit demselben Entschluss. Die 18-Jährige hat die Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg knapp überlebt.

Sie musste eine lange Traumatherapie machen, weil die Erinnerungen wiederkehrten. Erinnerungen an die Enge in der Menschenmasse vor dem Karl-Lehr-Tunnel, an die Schreie der Sterbenden. Sie kann die Panikattacken mittlerweile kontrollieren. Sie lernt, damit zu leben, aber vergessen kann sie es nicht mehr.

Dieser Sonntag in Duisburg ist für die Hinterbliebenen der 21 Todesopfer und für die Überlebenden ein ganz besonderer Tag. Eine Abwahl Sauerlands wäre ein „wichtiges Zeichen“, sagt Hagemann. Er ist in einem der 357 Duisburger Abstimmungslokale Wahlhelfer und zählt nach 18 Uhr die abgegebenen Stimmzettel aus. Und dann? „Der Verlauf des Abends hängt vom Ergebnis ab“, sagt Hagemann, der den Verein Massenpanik Selbsthilfe mitgegründet hat.

„Parteipolitische Abrechnung“

Der Ausgang des Wahlverfahrens ist bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe offiziell nicht bekannt, allerdings verlautet aus gut informierten Kreisen am frühen Abend, dass bei dem Bürgerentscheid eine ausreichende Mehrheit für die Abwahl des CDU-Politikers gestimmt hat. Tatsächlich wurde tagsüber aus einigen Stadtteilen eine rege Wahlbeteiligung gemeldet. Ein Viertel der Wahlberechtigten über 16 Jahren, rund 91250 Personen, musste für die Abwahl stimmen – eine hohe Hürde für eine Stadt, in der traditionell eher wenige ihr Wahlrecht nutzen.

Oberbürgermeister Sauerland gab sich zuvor noch optimistisch: „Gut ist, dass mit der Abstimmung ein demokratischer Schlusspunkt gesetzt wird, den danach jeder akzeptieren muss“, sagte der 58-Jährige der „Bild“. Zum Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft, das sich auch gegen elf Beschuldigte aus der Stadtverwaltung richtet, sagte er: „Den Freispruch für Duisburg möchte ich im Amt erleben.“ Im Zusammenhang mit dem Abwahlverfahren sprach Sauerland von einer „Kampagne“ und einer „parteipolitischen Abrechnung“.

Auch die Duisburger CDU kritisiert das Prozedere als Farce und Inszenierung der parteipolitischen Gegner. Die SPD unterstütze das Bürgerbegehren personell und finanziell, um Sauerland wegzubekommen und einen SPD-Mann zu installieren. Sauerland ist der erste CDU-Bürgermeister seit Jahrzehnten. Neben der SPD unterstützen auch Grüne und Linke den Abwahlantrag. Fast 80.000 Duisburger hatten unterschrieben und damit die Abstimmung erzwungen. Als gültig anerkannt waren allerdings nur 68.000 Unterschriften. Wäre die Mindestzahl nicht erreicht worden, hätte die Diskussion um Sauerland angehalten. Regulär war er bis 2015 gewählt.

Sauerland gilt bei den Hinterbliebenen nicht als Schuldiger im juristischen Sinne. Aber er hat aus ihrer Sicht unverzeihliche Fehler gemacht, und er ist verantwortlicher Chef der Stadtverwaltung, die an der Vorbereitung und Genehmigung der verhängnisvollen Loveparade beteiligt war. Er hat erst den Opfern die Schuld gegeben, weil sie angeblich über Sicherheitszäune geklettert sind, und erst vor dem ersten Jahrestag öffentlich erklärt, dass er „moralische Verantwortung“ übernehme und sich entschuldige.

Auf der Suche nach Schuldigen

Obendrein beklagt Hagemann, dass Sauerland nicht den Kontakt zum Verein Massenpanik Selbsthilfe gesucht habe. „Er steht für dieses Nichtübernehmen von Verantwortung.“ Für Hagemann gehört der Rückzug Sauerlands zum Bewältigungsprozess. „Er ist wie ein Schwamm, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wir könnten nach einer Abwahl den Blick in andere Richtungen lenken, auf den Loveparade-Veranstalter Lopavent und auf die Polizei.“

Auch andere Betroffene sehen Sauerland kritisch und verurteilen seinen Umgang mit der Loveparade-Katastrophe. Der Leiter der Notfallseelsorge der evangelischen Kirche im Rheinland, Uwe Rieske, bekommt das immer wieder zu hören. Seine Einrichtung betreut immer noch mehr als 400 Hinterbliebene und Überlebende. Einen Schuldigen zu suchen sei menschlich, sagt der Notfallseelsorger. „Wenn bei jemandem ein Fehlverhalten offen zutage tritt, dann meint man, plötzlich einen Anhaltspunkt für einen Schuldigen gefunden zu haben“, sagt Rieske. Es sei schwer zu sagen, „was davon ist Schuld in moralischer Kategorie und was ist davon Projektion“.

Insgesamt hoffen die Hinterbliebenen und Überlebenden inständig auf eine Aufklärung der Tragödie. Nach der Abstimmung über Sauerland werden die Anklageerhebung und der Prozess erwartet. „Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist stark“, sagt Seelsorger Rieske. „Es drängt sich zwar anderes in den Vordergrund, aber es ist nicht so, dass an dieser Stelle Ruhe einkehrt, solange noch nicht Recht gesprochen wurde.“

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